BRÜSSEL / LONDON (IT BOLTWISE) – Die EU-Richtlinie 2024/825 verschärft ab September 2026 die Regeln für Klimazertifikate und soll intransparente Werbeversprechen ausbremsen. Für Unternehmen im Bau- und Industriesektor wird damit der Wechsel weg von generischen Durchschnittswerten hin zu produktspezifischen Daten wie EPDs entscheidend. Parallel formalisieren Zertifizierungsanbieter ihre Prozesse, indem unabhängige Prüfungen und nachvollziehbare IDs in den Mittelpunkt rücken. Experten erwarten dadurch höhere Berichtskosten, aber auch klarere Anreize für klimafreundliche Innovationen entlang der Lieferketten.

Die neue EU-Richtlinie 2024/825 wirkt auf den ersten Blick wie ein weiterer Regulierungsbaustein für den grünen Markt. Bei genauerem Hinsehen verschiebt sie aber das Bewertungsprinzip: Weg von pauschalen Durchschnittswerten, hin zu belastbaren, produktspezifischen Daten. Das trifft insbesondere Sektoren mit langen Materialwertschöpfungsketten, etwa den Bau, wo Zement, Stahl, Dämmung oder Fassadenbauteile entscheidend für die CO2-Bilanz sind. Branchenvertreter argumentieren, dass generische Kennwerte kreative Rechnungen erleichtern, während echte Emissionsvorteile im Produktvergleich untergehen. Der Zeitdruck steigt zusätzlich, weil die EU-Vorgaben ab 27. September 2026 verbindlich greifen.
In Deutschland wird die Debatte besonders scharf am Qualitätssiegel Nachhaltiges Gebäude (QNG) geführt. Die Deutsche Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen (DGNB) hat gemeinsam mit Unternehmen aus dem Baustoff- und Projektumfeld ein Positionspapier veröffentlicht, das die Datengrundlage des Siegels reformieren will. Der Kernpunkt: Das QNG orientiert sich derzeit primär an generischen Branchendurchschnittswerten und rechnet CO2-optimierte Produkte mit detaillierten Umweltproduktdeklarationen (EPDs) nicht hinreichend in der Gesamtbewertung an. Zu den Mitunterzeichnern zählen unter anderem ArcelorMittal, Goldbeck, Holcim, Lindner, Schüco und Sto. Technisch bedeutet das: Wer EPDs bereitstellen kann, verliert aktuell im Bewertungsmechanismus an Wirkung.
Parallel dazu passen Anbieter von Nachhaltigkeits- und Label-Programmen ihre Workflows an die verschärften Anforderungen an. ClimatePartner hat dafür ein neues Programm vorgestellt, das sich am europäischen Regelwerk EmpCo ausrichtet. Dabei steht weniger das Marketing im Vordergrund als die Prüfbarkeit: Zertifizierungen sollen durch unabhängige Organisationen wie DEKRA verifiziert werden, und öffentlich nachvollziehbare IDs sollen Transparenz schaffen. Aus Unternehmenssicht ist das eine Verschiebung von „Dokumentenlieferung“ hin zu „Auditierbarkeit“, also zu einer Art maschinen- und revisionsfähiger Nachweisführung. Die Idee ist klar: Wenn Verbraucher und Prüfer die Aussagen gezielt auf einen konkreten Nachweis zurückführen können, wird es schwieriger, Klimaschutzversprechen ohne reale Einsparpfade abzugeben.
Damit rückt auch ein Standardwechsel ins Zentrum, der bereits im Markt diskutiert wird: der Einsatz produktspezifischer EPDs und ein Bezug zum VSME-Standard als praktikabler Rahmen. Hier lohnt der Vergleich zu etablierten Bewertungslogiken anderer Systeme wie BREEAM oder LEED, die zwar ebenfalls Umweltwirkungen in ihren Methoden berücksichtigen, aber unterschiedlich stark über Produktdeklarationen und Verifikationsketten arbeiten. Der Vorteil der EU-Schiene ist die Erwartung, dass die Datenqualität über alle Marktakteure hinweg vergleichbarer wird. Gleichzeitig steigen die technischen Anforderungen: Unternehmen müssen ihre Datenmodelle so aufsetzen, dass EPDs nicht nur „vorhanden“, sondern auch im Zertifizierungsprozess verwertbar sind. Für IT-Teams heißt das: Mapping zwischen Produktstammdaten, Emissionsfaktoren, Berechnungsmethodik und Prüfpfaden wird zum Projekt.
Die Marktfolgen sind ebenfalls greifbar, weil Regulierung unmittelbar in Finanzierungsprozesse hineinwirkt. Eine Umfrage des Genoverbands unter 277 Bankvorständen zeigt, dass die bestehende Nachhaltigkeitsregulierung teilweise die Kreditvergabe bremst. Knapp die Hälfte der befragten Firmenkunden sei mit der Erhebung der erforderlichen Nachhaltigkeitsdaten überfordert. Das Muster ist typisch: Je komplexer die Datenerhebung über Lieferketten, desto höher die Bearbeitungs- und Validierungskosten, desto größer die Wahrscheinlichkeit von Verzögerungen im Kreditentscheid. Felix Pakleppa vom Zentralverband Deutsches Baugewerbe mahnt deshalb eine Reduzierung der Bürokratie und fordert eine stärker marktorientierte Bewertung. Gerade für kleine und mittlere Unternehmen werden vereinfachte Standards wie VSME als Brücke gesehen.
Auch außerhalb Europas wird die Verknüpfung von Emissionsnachweisen und Finanzkonditionen konkreter. In Vietnam startete Ende Juni eine offizielle Plattform für den Handel mit CO2-Zertifikaten; 92 Unternehmen aus emissionsintensiven Sektoren erhielten erste Quoten. Gleichzeitig verknüpfen Finanzinstitute wie die VietinBank Kreditkonditionen mit Nachhaltigkeitszielen. Das ist zwar kein identisches Regelwerk wie EmpCo, zeigt aber den gleichen Trend: Finanzmärkte wollen messbare Indikatoren, nicht nur Zielkommunikation. Für Unternehmen entsteht daraus ein zweifacher Druck. Erstens müssen Daten konsistent sein. Zweitens müssen sie in fremden Systemen „ankoppelbar“ werden, etwa über standardisierte Nachweise und verlässliche Prüfprozesse. Genau hier liegt künftig ein Wettbewerbsvorteil für Anbieter, die Compliance als Datenprodukt denken.
Während Zertifizierungen und Reporting reifen, arbeiten Forschungseinrichtungen an Produktionswegen, die die Emissionskurve wirklich verschieben. Das Fraunhofer-Institut für Keramische Technologien und Systeme (IKTS) treibt im Projekt „Grüner Kalk“ die Entwicklung emissionsarmer Kalkherstellung voran. Geplant ist ein Membranreaktor, der die im Brennprozess entstehenden CO2-Emissionen mit grünem Wasserstoff in Methan umwandeln und anschließend in Wasserstoff sowie festen Kohlenstoff zerlegen soll. Das ist technologisch relevant, weil „bilanziell“ erst dann überzeugend wird, wenn sich auch „prozessseitig“ etwas verbessert. Auf die Praxis übertragen bedeutet das: EPDs müssen nicht nur Daten abbilden, sondern später auch neue Produktionsmethoden widerspiegeln—sonst entsteht eine Lücke zwischen Laborpfad und Marktwert.
Der technische und wirtschaftliche Zeitplan wird zusätzlich durch die Energiewende beschleunigt. Photovoltaik deckte im ersten Halbjahr 2026 bereits 20 Prozent des deutschen Stromverbrauchs. In solchen Phasen gewinnt die präzise Steuerung von Lasten und Netzeinspeisung an Bedeutung, und Speicherkapazität rückt in den Fokus: Marktanalysen des Fraunhofer IEE sehen einen massiven Ausbau von Batteriespeichern als notwendig. Zusätzliche 20 Gigawatt Batteriespeicher hätten allein zwischen Anfang 2025 und Mai 2026 volkswirtschaftliche Einsparungen von mehreren Milliarden Euro ermöglichen können, um negative Strompreise und Abregelungen zu reduzieren. Für Klimazertifikate heißt das: Emissionsfaktoren werden in Zukunft stärker dynamisiert, wodurch Datenaktualisierung und Modellpflege in Zertifizierungslösungen wichtiger werden.
Für die nächsten Monate ergibt sich daraus eine klare Handlungsperspektive: Unternehmen sollten ihre EPD-Strategie, Datenpipeline und Prüfpfade frühzeitig so ausrichten, dass produktspezifische Ergebnisse auch unter unabhängiger Verifikation standhalten. Wer heute generische Ansätze verfolgt, riskiert ab 2026 nicht nur Bewertungsnachteile, sondern auch längere Umsetzungszyklen in Ausschreibungen und Finanzierungsrunden. IT- und Compliance-Teams brauchen dafür Zugriff auf dokumentierte Emissionsrechnungen, robuste Versionierung von Datengrundlagen sowie eine nachvollziehbare Herkunftskette vom Produkt bis zum Zertifikat. Gleichzeitig lohnt der Blick auf Datenschutz und Datensparsamkeit: Lieferketten- und Materialdaten dürfen nicht unkontrolliert in Drittsysteme abstrahlen, sondern sollten über definierte Rollen, Zugriffskontrollen und minimierte Datensätze abgesichert werden. Unterm Strich entsteht so ein Markt, in dem transparente Nachweise die Grundlage für nachhaltige Innovation statt bloßer Claims werden.
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