ASHEVILLE / LONDON (IT BOLTWISE) – Ron’s Rainbow Fellowship macht LGBTQ+ Identitäten bei der First Baptist Church von Asheville sichtbar und verankert sie organisatorisch im Gemeindeleben. Paula Garrett wurde 2025 als erste offen schwule Person in die pastorale Mitarbeit aufgenommen und leitet zudem das neu gegründete Format für Austausch, Glaubensgespräche und Heilung. Damit setzt die Gemeinde nach Jahren des innerkirchlichen Lernens, u.a. nach der Entscheidung zum Ehe-Recht, auf einen klaren Kurs Richtung Zugehörigkeit statt Wegschauen. Der Ansatz zeigt, wie Gemeinschafts-„Infrastruktur“ Vertrauen aufbaut – und warum das in der Praxis für Mitglieder über Vorwissen und Sonntagsrede hinaus entscheidend ist.

Für viele Menschen beginnt Zugehörigkeit nicht mit einem Satz aus der Predigt, sondern mit dem Moment, in dem jemand nicht mehr erklären muss, wer er ist. In Asheville hat die First Baptist Church 2025 eine solche Praxis sichtbar ausgebaut: Paula Garrett ist als erste offen schwule Person in die pastorale Arbeit der Gemeinde eingestiegen und koordiniert zugleich das neue Ron’s Rainbow Fellowship. Die Gruppe ist nach Ron Gough benannt, einem offen schwulen Diakon, der früher an der Tür ein verlässliches Gefühl von Sicherheit vermittelt haben soll. Damit wird aus einem privaten Alltagsthema eine institutionelle Antwort – und zwar so, dass Betroffene im Kirchenraum bleiben können.
Der zentrale Schritt ist organisatorisch und damit „prozessual“: Das Fellowship wurde im Februar etabliert und bietet LGBTQ+ Mitgliedern der Gemeinde einen festen Anlaufpunkt, um Verbindung herzustellen, über ihren Glauben zu sprechen und belastende Erfahrungen religiöser Institutionen zu verarbeiten. Koordinierender Pastor Casey Callahan ordnet das in eine größere Ausrichtung der Kirche ein, die bewusst inklusiver werden will. Inhaltlich knüpft das an frühere interne Formate an, die Mitglieder als „Listening with Love“ beschrieben haben: Dort ging es 2015 nach der Supreme-Court-Entscheidung zur Ehe von gleichem Geschlecht darum, Identität nicht nur zu behaupten, sondern im Kreis der Gemeinde offen zu reflektieren, wie sie den Kirchenalltag konkret prägt.
Technisch im Sinne von „Infrastruktur“ wirkt das wie eine Community-Pipeline: Erst werden Kommunikations- und Entscheidungswege geschaffen, dann folgen Rollen und Zuständigkeiten. Laut Callahan hatte die Gemeinde bereits 2018/2019 eine Phase der Selbstprüfung, in der Senior Pastor Mack Dennis Predigten über Liebe und Akzeptanz im Kontext von LGBTQ+ Mitgliedern hielt. Aus dieser Phase entstand eine schriftliche Inklusionsposition, später ergänzt durch die Mitgliedschaft in der Association of Welcoming and Affirming Baptists (AWAB) im Jahr 2024. Ergänzend dazu setzt die Gemeinde seit 2018 auch lokale Sichtbarkeit bei Pride-Events um. Solche Schritte sind vergleichbar mit dem, was man in der Unternehmenswelt oft als „Governance mit klaren Leitplanken“ bezeichnet: Man definiert, wer sich woran orientiert und wie Konflikte abgefedert werden.
Vergleicht man den Ansatz mit „Markt“-Bewegungen im weiteren religiösen Umfeld, zeigt sich, dass First Baptist nicht allein steht. In der Region haben mehrere andere Kirchen und sogar Synagogen offen-affirmative Strukturen geschaffen, darunter verschiedene evangelische, katholische und protestantische sowie jüdische Gemeinden. Als „Wettbewerber“ im Sinne von Alternativen, denen Menschen ausweichen können, werden konkrete Einrichtungen genannt, etwa eine Reihe lokaler Kongregationen (z.B. Abiding Savior Lutheran Church oder Land of the Sky United Church of Christ) sowie Verzeichnisse über LGBTQ+-freundliche Gemeinden. Der Punkt dahinter ist nicht Konfrontation, sondern Wahlmöglichkeiten: Wer einmal traumatische Ausgrenzung erlebt hat, sucht Orte, an denen die Wahrscheinlichkeit für wiederholte Zurückweisung deutlich sinkt.
Ein besonders starkes Argument liefert die persönliche Erfahrungsdimension aus dem Fellowship selbst. Cheston Hurst, 23, beschreibt das Format als Erweiterung des Akzeptanzkreises: Als Person of color sei Repräsentation eine Einladung an eine breitere Gemeinde. Auch wenn das keinen „Engagement-Score“ wie in digitalen Communities liefert, folgt die Wirkung einem gut beobachtbaren Muster: Sichtbarkeit senkt die Hürde, aktiv teilzunehmen, und steigert die Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen. Hurst verweist zudem darauf, dass die Gruppe das Gefühl vermittelt habe, „für alle“ da zu sein. Das wirkt wie eine Vertrauensarchitektur: Nicht das abstrakte Ziel zählt, sondern die wiederkehrende Bestätigung im Alltag.
Die Kehrseite zeigt gleichzeitig, warum die neue Rolle von Garrett nicht nur symbolisch ist. Mitglieder berichten von Zurückweisungen: Hurst erinnert sich daran, dass sein pastorales Umfeld ihn als „falsch“ öffentlich behandelt habe, nachdem seine Mutter den Pastor informiert hatte; Ingrid Cole schildert, dass sie zwar willkommen geheißen wurde, aber wegen ihrer Sexualität nicht getauft, nicht verheiratet und nicht in leitende Aufgaben einbezogen werden konnte; Barry Gold berichtet von Einschränkungen in einem früheren Umfeld, in dem seine Lebensgeschichte ihn als Diakon ausgeschlossen hätte. Das Fellowship reagiert indirekt auf ein zentrales Risiko, das man auch aus Datenschutz- und Sicherheitsdiskussionen kennt: Ohne geschützte Räume und klare Regeln steigt die Wahrscheinlichkeit, dass Menschen „wieder an derselben Stelle verletzt“ werden.
In der Zukunft plant Ron’s Rainbow Fellowship weitere Kooperationen mit lokalen Gemeinden, die ähnliche Gruppenstrukturen haben. Im Juni fand laut Bericht das erste gemeinsame Treffen mit der LGBTQ+-Gruppe der Cathedral of All Souls statt. Historisch wird dabei auf eine frühere regionale Vorreiterrolle verwiesen: In den 1980er-Jahren habe der Rev. Neil Zabriskie die zuständige Diözese herausgefordert, wodurch sich ein längerer Lern- und Konfliktpfad abzeichnet. Für die Community bedeutet das: Das Fellowship soll nicht nur „an sich“ bestehen, sondern sich mit vorhandenen Lernkurven verbinden. Genau darin liegt eine zukünftige Hebelwirkung, weil das Erfinden von Radwegen entfällt und bewährte Strukturen schneller skalierbar werden – im Rahmen der jeweiligen Gemeindekultur.
Der Ausblick wird schließlich durch ein theologisches Fundament gestützt, das auch als Antwort auf interne Machtfragen gelesen werden kann. Garrett arbeitet daran, die Autonomie der lokalen Gemeinde stärker in den Mittelpunkt zu rücken, weil sie glaubt, dass übergeordnete Institutionen nicht einzelnen Gemeinden vorschreiben sollten, was möglich ist. Callahan betont ebenfalls die Besonderheit der baptistischen Gemeindeleitung: Es gebe keine hierarchische Entscheidungsstruktur jenseits der lokalen Gemeinde. Konkrete Praxis bleibt damit abhängig von Vertrauen, Dialog und dem „Arbeiten des Geistes“ im Sinne der Gemeinde. Langfristig kann das für Betroffene eine messbare Veränderung bedeuten: nicht „weniger Spannung“, sondern mehr Verlässlichkeit. Und genau diese Verlässlichkeit entscheidet darüber, ob Menschen nach Austritten wieder zurückkehren – oder ob ihnen der erste Schritt in die Tür künftig leichter fällt.
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