BERLIN / LONDON (IT BOLTWISE) – Eine Analyse des IW Köln warnt davor, dass geplante Steuerentlastungen bei vielen Haushalten bis 2028 kaum Nettowirkung entfalten. Der Grund: Steigende Sozialbeiträge, vor allem in der Renten- und Krankenversicherung, können den Effekt der Einkommensteuerreform weitgehend neutralisieren. Zusätzlich droht durch die „kalte Progression“ eine schleichende Steuererhöhung, obwohl Gehälter nur mit der Inflation Schritt halten. Für Arbeitnehmer, insbesondere ohne kindergeldbezogene Kompensation, wird die Reform damit eher zur Buchungskosmetik als zur Entlastung.

Steuerentlastungen könnten 2028 verpuffen: höhere Sozialbeiträge und kalte Progression
Steuerentlastungen könnten 2028 verpuffen: höhere Sozialbeiträge und kalte Progression (Foto: IT BOLTWISE)
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Entlastungen bei der Einkommensteuer stehen politisch hoch im Kurs, doch eine aktuelle Auswertung des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) Köln deutet auf ein anderes Ergebnis hin: Wenn bis 2028 vor allem die Sozialabgaben stärker steigen als geplant, könnte die Nettoentlastung „unter dem Strich“ weitgehend verpuffen. Die Logik ist dabei simpel und zugleich schmerzhaft für Haushalte mit mittleren Einkommen: Die Einkommensteuer kann sinken, aber wenn Renten-, Kranken- und Pflegebeiträge gleichzeitig hochlaufen, bleibt die reale Kaufkraft häufig trotzdem auf der Stelle. Damit verschiebt sich das Versprechen der Reform vom Lohnzettel hin zu einer Simulation am Reißbrett.

Konkret nennt das IW als zentrale Stellschraube den Rentenbeitrag. Aktuell liegt er bei 18,6 Prozent des Bruttolohns. Für 2028 prognostiziert die Deutsche Rentenversicherung einen Anstieg auf 19,9 Prozent. In der IW-Betrachtung fehlen dabei zwar noch Einflüsse aus der geplanten Kapitalrente, die das Rentenniveau stabilisieren soll, dennoch bleibt die Richtung klar: Mehr Beitragssatz bedeutet sofort mehr Abzug vom Brutto. Sollte die Kapitalrente nicht den gewünschten Effekt vollständig entfalten, könnte der von Arbeitnehmern und Arbeitgebern hälftig finanzierte Rentenbeitrag laut Projektion zusätzlich um bis zu zwei Prozentpunkte erhöht werden.

Die Rechnung wird zudem dadurch schwieriger, dass auch die Krankenversicherung nicht „automatisch“ mitgenommen wird. Denn das IW weist darauf hin, dass mögliche Mehrbelastungen bei der Krankenversicherung in der Analyse bisher nicht vollständig eingepreist sind. Besonders relevant ist das Zusammenspiel aus Beitragsmechanik und politischer Steuerung: Bei der gesetzlichen Krankenversicherung legen die gesetzlichen Kassen ihre Zusatzbeiträge fest, während die Politik parallel versucht, Beitragsanhebungen im Jahr 2027 zu vermeiden. Für die Pflegeversicherung ist die Gestaltung noch stärker politisch: Dort will die Regierung eine allgemeine Anhebung verhindern, prüft aber zugleich einen leicht höheren Beitrag für Kinderlose. Zusätzlich rücken die vorgesehenen Anpassungen der Einkommensgrenzen in den Fokus.

Genau diese Mechanik kann für „Gutverdiener“ überproportional spürbar werden, weil höhere Einkommensgrenzen bedeuten, dass mehr Lohn in die beitragspflichtige Berechnung fällt. So entsteht aus der Reform eine Verteilungskurve, die sich politisch möglicherweise anders darstellen lässt als für die Betroffenen auf dem Gehaltskonto. Dazu kommt ein zweiter Effekt, der in der Debatte häufig unterschätzt wird: die „kalte Progression“. Dahinter steckt eine Steuererhöhung durch nominelles Wachstum bei gleichzeitig real schwacher Kaufkraft—Gehaltssteigerungen werden durch Inflation aufgefressen, dennoch steigt der steuerpflichtige Anteil. Das IW verweist darauf, dass diese kalte Progression offenbar anders als in den vergangenen zehn Jahren nicht mehr vollständig ausgeglichen werden soll.

In einem Interview wird die Einschätzung unmissverständlich formuliert: IW-Steuerexperte Tobias Hentze betont, dass im Jahr 2028 zumeist keine spürbar größere „Netto vom Brutto“-Wirkung zu erwarten sei. Wenn Sozialbeiträge darüber hinaus steigen, seien Mehrbelastungen absehbar. Der finanzwissenschaftliche Blick ergänzt das Bild: Frank Hechtner von der Universität Erlangen-Nürnberg bezeichnet die nicht vollständige Kompensation für die Jahre 2027 und 2028 als „Mogelpackung“. Damit entsteht eine doppelte Bremse—einerseits höhere Abzüge durch Sozialversicherungssätze, andererseits eine Steuerlogik, die auch ohne echten realen Zugewinn zu mehr Steuerlast führen kann.

Auch außerhalb des IW existieren skeptische Stimmen. DIW-Präsident Marcel Fratzscher kritisierte die geplante Steuerreform bereits als unambitioniert und forderte Entlastungen, die stärker bei Sozialabgaben, Transfers oder Erwerbstätigenzuschüssen ansetzen. Im Vergleich zu dieser Haltung zeigt die Koalitionslinie ein klassisches Spannungsfeld der Wirtschaftspolitik: Während die Einkommensteuer politisch gut vermittelbar ist, sind sozialpolitische Instrumente häufig komplexer, stärker verhandlungspflichtig und stärker in bestehende Systeme eingebettet. Für Unternehmen ist diese politische Konstellation relevant, weil sie indirekt die Erwartung von Fachkräften, die Lohnfindung und die Planbarkeit von Personalkosten beeinflusst—vor allem dort, wo Tarif- und Gehaltsbänder an Inflation gekoppelt sind.

Für die Zukunft heißt das: Der Reformhöhepunkt ist nicht nur die Steuerlogik, sondern die Gesamtsystematik aus Steuern, Sozialversicherungen und Beitragsgrenzen. Wenn bis 2028 die Renten- und Gesundheitskomponenten weiter dynamisch bleiben, wird jede Steuerentlastung schneller „aufgefressen“. Daraus ergeben sich praktische Schlussfolgerungen für Arbeitgeber und Projektplaner in HR- und Controlling-Organisationen: Gehaltsbudgets sollten stärker mit Szenarien für Sozialabgaben und steuerliche Effekte gerechnet werden, statt sich allein auf nominale Steuerersparnisse zu verlassen. Langfristig entscheidet auch die Reformausgestaltung der Kapitalrente und die Zielarchitektur in der Pflege über die Verteilungseffekte. Für Entwickler und Daten-Teams bedeutet das: Lohn- und Abrechnungsmodelle brauchen bessere Sensitivitäten gegenüber Reformpfaden, weil schon kleine Annahmeverschiebungen die Nettoauswirkung sichtbar verändern.


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