LONDON (IT BOLTWISE) – Bitcoin dümpelt seit Monaten unter zentralen Bewertungsmarken, während Onchain-Daten auf langanhaltende Kapitulation bei Langzeitinhabern hindeuten. Zugleich laufen Spot-ETF-Abflüsse weiter, wenn auch mit verlangsamtem Tempo. Parallel zeigen Options- und Derivate-Signale zwar ein vorsichtiges De-Risking, aber noch keine „Bestätigung“ für eine nachhaltige Trendwende. Diese Gemengelage wird diese Woche zusätzlich durch geopolitische Schocks und eine nervöse Makrolage unruhig gehalten.

Bitcoin steckt in „Deep-Value“-Region – Onchain-Kapitulation und ETF-Abflüsse
Bitcoin steckt in „Deep-Value“-Region – Onchain-Kapitulation und ETF-Abflüsse (Foto: IT BOLTWISE)
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Bitcoin befindet sich laut Onchain-Analysen in einer besonders langen Phase „tiefen Werts“ – und der Markt sucht weiter nach dem Moment, in dem Verkäufe bei Langzeitinhabern wirklich auslaufen. Ausschlaggebend ist dabei, wie stark sich der Kurs von den von Glassnode verwendeten Referenzgrößen entfernt hat: Bitcoin notiert seit fünf Monaten unter dem „True Market Mean“ und unter der „Short-Term Holder Cost Basis“. In so einer Phase häufen sich typischerweise Käufe bei Value-orientierten Investoren, aber die Preisdynamik bleibt oft gedämpft, solange der Abgabedruck aus dem Segment der geduldigeren Halter nicht klar nachlässt.

Konkret zeigt Glassnode, dass „Long-term holder loss realization“ inzwischen einen erheblichen Anteil am gesamten realisierten Wertverlust ausmacht. Der Anteil liege inzwischen bei 43% des realisierten Wertes, nachdem er Anfang Februar noch bei 15% gelegen habe. Besonders aufmerksam macht dabei die Geschwindigkeit: Zuletzt wurde eine Spitze von 280 Millionen US-Dollar pro Tag erreicht – der höchste Wert seit Dezember 2022. Technisch übersetzt heißt das: Wenn dieselben Coins mehrfach durch die Schwelle „teuer gekauft, jetzt verkauft“ laufen, wirkt das wie ein kontinuierlicher Bremsklotz für Rebounds, selbst wenn das Orderbuch kurzfristig Entlastung zeigt.

Im Tagesgeschäft bleibt der Kursbereich entsprechend eng, aber nach unten dominiert die Asymmetrie. Laut Preisdaten lag Bitcoin am Donnerstag zeitweise unter 63.000 US-Dollar. Über die Woche bewegte sich BTC grob zwischen 58.300 und 64.400 US-Dollar, während sowohl „True Market Mean“ (76.600) als auch „Short-Term Holder Cost Basis“ (72.200) deutlich höher liegen. Diese Diskrepanz ist für viele Marktteilnehmer ein Hinweis darauf, dass Kaufimpulse bisher eher „gegen“ als „über“ zentrale Gleichgewichtsmarken arbeiten. Historisch ist das genau die Gemüselage, in der Trader zwar Unterstützung finden, aber größere Trendwechsel erst nach einer echten Entspannung in den Onchain-Kapitulationsmetriken plausibel werden.

Auch die institutionelle Nachfrage liefert bislang kein klares Stabilisierungssignal. Die 30-Tage-Durchschnittswerte der Nettoflüsse von Spot-Bitcoin-ETFs sind laut Glassnode Mitte Mai in ein Abflussregime gewechselt, erreichten Anfang Juni mit minus 193 Millionen US-Dollar pro Tag einen Tiefpunkt und liegen seitdem bei rund minus 89 Millionen US-Dollar pro Tag. Gleichzeitig bleibt das Handelsvolumen pro Tag mit 650 bis 950 Millionen US-Dollar etwa 80% unter dem Peak von 4, 4 Milliarden US-Dollar aus Oktober 2025. Verglichen mit früheren Kapitulationsphasen wirkt das wie ein „langsames Ausbluten“ statt einer sofortigen Gegenbewegung – ein Marktbild, das häufig mehr Zeit für Bodenbildung verlangt.

Der Vergleich der ETF-Seite mit dem Kryptoderivativen Risiko ist dabei aufschlussreich. Am 8. Juli wurden bei Spot-Bitcoin-ETFs Nettoabflüsse von 84, 86 Millionen US-Dollar gemeldet, während Spot-Ether-ETFs im selben Zeitraum Nettozuflüsse von 70, 48 Millionen US-Dollar verzeichneten. QCP Capital ordnet das als wechselnden Flow-Mechanismus ein: Von einem Tief bei minus 691, 7 Millionen US-Dollar am 25. Juni ging es zu positiven Phasen Anfang und Mitte Juli, unter anderem mit Beiträgen von IBIT, FBTC und ARKB. Entscheidend bleibt allerdings, ob weitere positive Sitzungen folgen – denn einzelne Rebound-Tage sind noch kein Regimewechsel, sondern eher eine Momentaufnahme im Fluss der Liquidität.

Während Spot und ETF-Flows noch zäh bleiben, sieht es bei den Derivaten zumindest etwas „entschärft“ aus. Die Optionspositionierung hat sich in die Gegenrichtung zu dem gedämpften Preisumfeld bewegt: Das Put/Call-Open-Interest-Verhältnis sei auf 0, 56 gefallen – der niedrigste Stand im Jahr 2026. Zudem lägen die durchschnittlichen Perpetual-Funding-Raten klar unter der neutralen 0, 01%-Linie, was auf ein insgesamt risikoärmeres Buch hindeutet. Ergänzend zeigt die 25-Delta-Skew, also wie teuer Downside-Absicherung im Optionsmarkt ist, eine erhöhte Defensive: Ende Juni sei sie auf 24% gestiegen, den höchsten Stand seit dem Selloff im Februar. Rein vom Marktmechanismus her bedeutet das: Die „Absicherung ist noch nicht weg“, aber das System wirkt weniger überrannt als in Stressphasen.

Selbst das bekannte Konzept „Maximum Pain“ liefert hier eine relevante Brücke. Bitcoin liege etwa 6% unter dem aggregierten Maximum-Pain-Niveau von 66.000 US-Dollar; der Abstand habe sich diese Woche zwar vergrößert, bleibe aber hinter dem Stressbild des Februars zurück. In früheren Zyklen korreliert ein solcher Zustand häufig damit, dass der Markt zwar nach unten „drücken“ lässt, aber weniger bereit ist, extreme Panik-Wetten zu stapeln. Für die technische Analyse bedeutet das: Widerstände im Bereich um die mittleren 60.000 US-Dollar bis hin zu früheren Swing-Highs um 70.000 bleiben maßgeblich, während ein erneutes Abrutschen unter zuletzt wichtige Unterstützungszonen die Erholungsgeschichte wieder infrage stellen würde.

Doch die eigentliche Verzahnung mit dem Makro-Teil der Geschichte kommt über Geopolitik und Liquidität. Laut Glassnode kollidierte die Bodenbildung kurzfristig mit einem Schock: WTI stieg innerhalb von sieben Tagen um 7, 9%, vor allem nachdem Berichte über das Auslaufen eines US-Iran-Memorandums aufkamen. US-Präsident Trump habe den Waffenstillstand „over“ genannt; das US Central Command habe anschließend zwei Vergeltungsrunden mit jeweils rund 90 Zielen durchgeführt. Iran reagierte wiederum mit Angriffen auf US-Militärstandorte in Bahrain und Kuwait. Bitcoin, das zeitweise bis zu 9, 4% zulegte, reduzierte den Wochengewinn auf etwa 5% und blieb damit im Gleichklang mit breiteren Risk Assets.

Der Makro-Hintergrund macht die Lage zusätzlich komplex. QCP Capital beschreibt das als Moment, in dem die Geldpolitik keinen Puffer liefert: Die Juni-Payrolls seien um nur 57.000 gestiegen, also etwa halb so stark wie erwartet, und April sowie Mai seien um zusammen 74.000 Jobs nach unten revidiert worden. Gleichzeitig liegt das Lohnwachstum bei 3, 5%, und die Geldmenge M2 erreichte im Mai einen Rekord von 23, 05 Billionen US-Dollar, wodurch Inflation weiter als bindende Nebenbedingung gilt – insbesondere vor dem CPI-Print am 14. Juli. Dazu kommen weitere Spannungsfelder: Der Strategic Petroleum Reserve-Stand sei auf den niedrigsten Wert seit 1983 gefallen, Strategy habe erstmals Bitcoin verkauft, um Dividendenzahlungen zu finanzieren, und private Credit-Fonds hätten im zweiten Quartal Rücknahme-Gates durchbrochen. „With no monetary cushion coming and buffers thinning across oil, crypto, and credit, where does the first crack show?“, heißt es in der Darstellung von QCP.

Marktteilnehmer sehen deshalb nicht nur „Krypto-spezifische“ Ursachen, sondern risk-pricing über mehrere Anlageklassen hinweg. Capital.coms Kyle Rodda verknüpft die Eskalation mit fundamentalem sowie risikoprämienrelevantem Druck: unter anderem wegen Irans Bemühungen um Kontrolle über den Transit durch die Straße von Hormus und der Entscheidung des US-Finanzministeriums, die Waiver für iranische Ölexporte zu widerrufen. Außerdem seien die Märkte bereits eine implizierte Wahrscheinlichkeit von etwa 87% für einen Zinsschritt durch die Federal Reserve in diesem Jahr eingepreist. Für Unternehmen in der Praxis heißt das: Liquiditäts- und Hedging-Entscheidungen für Treasury, Anlagen oder Krypto-Exposure lassen sich in solchen Phasen schwer „nur mit Onchain-Daten“ planen.

Aus technischer und strategischer Sicht ergibt sich dennoch ein klarer Prüfkatalog. Glassnode sieht die Voraussetzungen für einen Bottoming-Prozess zwar „über Onchain, Offchain und Derivate“ verteilt, aber die Bestätigung sei noch nicht eingetroffen. Aus der Praxis folgt: Erst wenn die Kapitulation der Langzeitinhaber weiter abkühlt, institutionelle Flows stabilisieren und Bitcoin das „True Market Mean“ nachhaltig zurückerobert, lassen sich Wahrscheinlichkeiten für einen Regimewechsel wieder konstruktiver gewichten. Kurzfristig bleiben kurzfristige technische Zonen entscheidend; Daniela Hathorn von Capital.com betrachtet den Rückprall aus den unteren 60.000er als Schlüsselauslöser, sieht jedoch die mittleren 60.000er als ersten Widerstand und frühere Swing-Highs bei etwa 70.000 als nächsten Test. Wer jetzt investiert oder Risiken reduziert, muss daher beides managen: die Onchain-Liquidität und die makrogetriebene Risikoneigung.


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