BERLIN / LONDON (IT BOLTWISE) – Statt klassischem Ferienspiel öffnen sich in der Jungen Theaterwerkstatt am Zoo Türen zu zwei Sommerwochen voller Bühne, Bewegung und Klang. Kinder und Jugendliche bauen sich dabei eigene Welten aus Tanz, Gesten, Geräuschen und Handwerk – mit kostenfreien Workshops, unterstützt durch städtische Mittel sowie Kulturprogramme. Zwei zentrale Formate, „Die bunten Schritte“ und „Stadt der Klänge“, zeigen am Ende Ergebnisse, die ohne Sprechen auskommen und trotzdem Geschichten erzählen.

Wenn in Sommerferien nach Beschäftigungskonzepten gefragt wird, klingt das oft nach Zeitplan und Verwahrung. Die Junge Theaterwerkstatt am Zoo dreht diese Logik um: Sie stellt nicht die Betreuung in den Mittelpunkt, sondern das Ausprobieren. In zwei Sommerwochen verwandeln Kinder und Jugendliche das ehemalige Fritz Rémond Theater in ein Ferienlabor für Theater, Tanz, Klang und Handwerk. Der Unterschied zu vielen klassischen Angeboten liegt in der Werkstattlogik: Räume, Materialien und Rollen werden so lange neu kombiniert, bis etwas Eigenes entsteht. Genau deshalb wirken die Ergebnisse am Ende nicht wie „Kurse“, sondern wie selbst entwickelte kleine Produktionen.
Organisatorisch ist das Programm klar strukturiert, allerdings ohne die typische Schulstunden-Atmosphäre. Die Sommerwerkstatt richtet sich an Acht- bis 18-Jährige und findet erstmals in dieser Form statt; sie läuft bis zum Ende der zweiten Ferienwoche. Der Tag beginnt vormittags um zehn Uhr mit einem gemeinsamen Warm-up, in dem Bewegung spielerisch in Regeln überführt wird. Werkstatt-Botschafter Björn Fischer führt danach durch die unterschiedlichen Zonen des Hauses: Bühne, Werkraum und Ruheraum. Gerade diese Mischung ist technisch gesehen entscheidend für Lernprozesse, denn sie erlaubt Wechsel zwischen Aktivierung und Regeneration – und damit mehr Fokus für das eigentliche kreative Arbeiten.
Ein Beispiel liefert der Workshop „Die bunten Schritte“. Im Studio liegen Matten und Tücher bereit, barfuß wird auf ihnen getanzt, und aus der Kombination entsteht ein „Dschungel“, der als Bühnenbild dient. Die Teilnehmenden haben ihre Performance als Forscherteam angelegt, das einem ausgestorbenen Vogel nachspürt – ohne gesprochene Sprache. Stattdessen arbeiten sie mit Blicken, Gesten und rhythmischen Bewegungen, wodurch Timing, Raumwahrnehmung und Körpersprache zu den zentralen „Interaktionskanälen“ werden. Die choreographische Begleitung durch Ewelina Zielonka sorgt dabei für Sicherheit im Raum: Schrittfolgen werden geübt und dann bewusst in freies Bewegen überführt, damit die Gruppe ihre eigene Dramaturgie findet.
Neben der Körperarbeit entsteht parallel das Format „Stadt der Klänge“. Hier steht nicht Bewegung, sondern Wahrnehmung im Zentrum: In dem Raum liegen Schlafmasken auf einem Tisch, dazu kleine Aufnahmegeräte. Die Kinder sammeln Geräusche, indem sie mit verbundenen Augen durch die Straßen gehen und sich von einer zweiten Person führen lassen. Erst danach werden Tropfendes Wasser, Stimmengewirr, Straßengeräusche von Straßenbahnen sowie Windbewegungen im Blattwerk zu einer Sammlung. Diese Aufnahmen werden anschließend zu einer Klanginstallation verdichtet – ein Raum, in dem Besucherinnen und Besucher mit Kopfhörern durch eine unsichtbare Stadt gehen können. Methodisch ist das spannend, weil es Zuhören als aktives Erkunden definiert.
Im Erdgeschoss wechselt die Perspektive auf Handwerk. Während andere Klänge sammeln, wird im Werkraum eine neue Küche für die Theaterwerkstatt und den „Montagstreff“ („offenes Haus“) gebaut. Anna, 16 Jahre alt, übernimmt zum ersten Mal Tätigkeiten an der Stichsäge. Für sie folgt der Lerngewinn dem gleichen Prinzip wie in Theater und Tanz: Kompetenzen entstehen durch Materialkontakt und konkrete Aufgaben. Ihr Satz „Beim Werkeln kann man den Kopf abschalten“ beschreibt dabei nicht nur Emotion, sondern auch die kognitive Entlastung durch greifbare Schritte. Entsprechend entstehen Rollregale, ein Herd und Backofen als funktionale Requisiten, ein Wasserkanister statt fester Leitung und Etagen, deren Farbe jeweils angepasst wird.
Hinter der Sommerwerkstatt steht außerdem ein größeres Modellprojekt rund um das Kinder- und Jugendtheater im Zoo-Gesellschaftshaus. Seit 2024 wird das Haus durch den Mousonturm gemeinsam mit dem Theater Grüne Soße und dem Verein Paradiesvogel bespielt. Die Stadt stellt für jede Spielzeit Geld zur Verfügung und hat auch die Sommerwerkstatt finanziert. Dazu kommen Unterstützung durch Stiftungen sowie das Programm Kulturkoffer des Landes, das sicherstellt, dass Workshops kostenfrei bleiben und ein gemeinsames Mittagessen dazugehört. Genau hier zeigt sich der historische Kontext: Viele frühe Kulturprogramme waren entweder punktuell oder stark an einzelne Träger gebunden. Das Modell versucht stattdessen, Infrastruktur und wiederkehrende Formate aufzubauen.
Der Tagesablauf bleibt dabei nicht nur wegen der Workshops „gut geplant“, sondern wegen der sozialen Mischung. Um halb eins startet die Mittagspause, anschließend geht es wieder in Spielphasen – mit Kicker, Tischtennis, Kartenspielen und Verstecken, sogar bis hin zu einer Wasserschlacht im Hof. Besonders relevant ist, dass Gruppen aus verschiedenen Bereichen zusammenkommen: Kinder aus Hip-Hop, Theater, Fotolabor und Klangwerkstatt sitzen an denselben Tischen und verabreden sich für den Nachmittag. Enoa etwa besucht zusammen mit Amina und Momo den Tagesworkshop „Schauspiel direkt“ und beschreibt die Geschwindigkeit, mit der sich Freundschaften entwickeln. Solche Übergänge sind in der Praxis ein Qualitätsmerkmal, weil sie Zusammenarbeit ohne Hierarchie begünstigen.
Mit Beginn des Schuljahrs gehen die Sommerformate in den regulären Betrieb über: Workshops in Tanz, Theater und Performance, das „Offene Haus“ sowie das Bühnenprogramm der Jungen Theaterwerkstatt starten dann wieder – mit einer neuen Küche als sichtbarem Ergebnis. Für die Branche bedeutet das auch eine Art Branchenvergleich: Während viele Träger in den Sommermonaten eher auf kurzfristige Programmpunkte setzen, kombiniert diese Einrichtung künstlerische Arbeit mit dauerhafter Infrastruktur. Ähnlich argumentieren aktuell auch andere Kultur- und Bildungsakteure, die nachweisen wollen, dass künstlerisches Lernen langfristig wirkt. Aus Sicht von Sicherheit und Datenschutz sind zudem weniger offensichtliche Aspekte relevant: Geräusch- und Aufnahmeprojekte erfordern in der Praxis klare Zustimmungsprozesse und sorgfältiges Handling von Nutzungsrechten, insbesondere wenn Ergebnisse öffentlich gezeigt werden. Wer diese Hürde technisch und organisatorisch gut löst, macht Teilhabe nachhaltiger – und senkt Risiken im laufenden Betrieb.
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