WOLFSBURG / LONDON (IT BOLTWISE) – Der Autoexperte Ferdinand Dudenhöffer drängt darauf, bei Volkswagen zur Kostenreduktion die Rückkehr zur 40-Stunden-Woche ohne Lohnausgleich umzusetzen. Gleichzeitig will er für einige Jahre die Tarifautonomie aussetzen, damit Politik, Gewerkschaften und Unternehmen schneller verhandeln können. Die Debatte fällt in eine Phase, in der VW erneut schwächere Absatzzahlen meldet und Unsicherheit über mögliche Stellenkürzungen wächst. Im Zentrum steht damit nicht nur Arbeitszeit, sondern auch die Frage, wie schnell sich die Produktion in Europa wieder auf Wettbewerbsfähigkeit trimmen lässt.

Die Diskussion um Arbeitszeit und Kosten erreicht Volkswagen zur ungünstigsten Zeit: Der Konzern steht unter Druck, weil sich die Nachfrage und der internationale Wettbewerb gleichzeitig verändern. Ferdinand Dudenhöffer, Leiter des Center Automotive Research (CAR), bringt als klaren Hebel die Rückkehr zur 40-Stunden-Woche bei Volkswagen ins Spiel – ausdrücklich ohne Lohnausgleich. Damit soll laut seinem Ansatz ein Teil der Produktionskosten gesenkt werden, um die Wettbewerbsfähigkeit in einem Umfeld zu stabilisieren, in dem Skalierung, Energiepreise und Lieferkettenbeschleunigung zunehmend darüber entscheiden, wer Preisdruck aushält. Für die Belegschaft wäre das ein spürbarer Eingriff, für die Unternehmenssteuerung ein messbarer Kostenposten.
Arbeitszeit ist in der Industrie mehr als ein HR-Thema: Sie wirkt direkt auf Taktzeiten, Schichtmodelle und die Auslastung von Maschinenparks. In der Praxis hängen diese Stellgrößen eng mit der Produktionsplanung zusammen, insbesondere wenn Werke mehrere Varianten parallel fertigen oder im Zuge von Elektrifizierungslinien umstellen. Dudenhöffer argumentiert deshalb nicht isoliert, sondern koppelt Arbeitszeit an Kostentransparenz und Verhandlungsdynamik. Sein Vorschlag, die Tarifautonomie für einige Jahre auszusetzen, würde den Spielraum verkürzen, der normalerweise über Branchen- und Unternehmensabkommen entsteht. Der Knackpunkt: Solche Änderungen müssen so gestaltet werden, dass sie nicht nur kurzfristig Kosten drücken, sondern auch keine Folgekaskaden in der Motivation, im Krankenstand oder in der Produktivitätskurve auslösen.
Für den Markt ist entscheidend, dass die Branche derzeit parallel mehrere Baustellen hat: Elektromobilität skaliert nicht überall mit gleicher Geschwindigkeit, die Nachfrage variiert stark nach Region, und bei vielen Herstellern wird die Umstellung auf neue Plattformen durch Nachfragezyklen ausgebremst. Branchenkenner verweisen darauf, dass ein reines Kostenmanöver ohne Strukturreformen selten nachhaltig wirkt. Dudenhöffer wehrt deshalb den Vorwurf ab, deutsche Hersteller hätten die Elektromobilität verschlafen. Er verweist auf Volkswagen als frühen Investor in ein reines E-Auto-Werk und nennt als Beispiel, dass die Marke Skoda wettbewerbsfähige Fahrzeuge produzieren könne. Genau an dieser Stelle wird sichtbar, worum es wirklich geht: Nicht nur Arbeitszeit, sondern die Frage, ob sich Learning-Effekte und Fertigungsreife schneller in Stückkosten übersetzen lassen.
Wettbewerber verstärken den Druck in beide Richtungen. Während Tesla mit vertikal integrierten Prozessen und stark standardisierten Plattformen häufig geringere Stückkosten anstrebt, arbeiten BYD und andere chinesische OEMs daran, Batterieketten und Fertigungstiefe konsequent zu verzahnen. In Europa erhöht zusätzlich Stellantis durch aggressive Modellzyklen und regionale Produktionsstrategie den Margendruck auf die gesamte Autobranche. In so einem Umfeld zählt Timing: Wenn ein Werk zu langsam hochfährt oder zu lange an alten Schicht- und Einsatzmodellen festhält, wird der Preisvorteil der Konkurrenz zur Währungsfrage. Aus der Branche heißt es daher, dass die wichtigste Kennzahl künftig die Kombination aus Volumen, Ausbringungsqualität und Umrüstzeit sein dürfte – und genau dort muss Arbeitszeitpolitik anschließen.
Parallel wächst die Unsicherheit rund um Volkswagen intern. Berichten zufolge steht ein massiver Stellenabbau im Raum, und die Größenordnung wird dabei offenbar diskutiert – teils deutlich höher als zuvor. Für Kunden entsteht dadurch ein Risiko, weil Personalplanungen oft auch in Service, Lieferfähigkeit und Qualitätsprozesse hineinwirken. Für Mitarbeiter ist die Unsicherheit ebenfalls ein Faktor, der in der Produktivität messbar werden kann, etwa über Fluktuation oder zurückgehende Investitionsbereitschaft in Training. Für Kapitalgeber wird das Thema vor allem zur Frage nach Planbarkeit: Ohne klare Ergebnis- und Investitionspfade steigen die Anforderungen an Prognosen. Genau deshalb reagieren Börsen und Analysten häufig sensibel auf Ankündigungslogik ohne konkrete Kennzahlen und Zeitpläne.
Technisch lässt sich die Lage über die Produktions- und Kostenrechnung greifen. Arbeitszeit beeinflusst nicht nur direkte Lohnkosten, sondern auch indirekte Effekte wie Überstunden, Ersatzpersonal, Einarbeitungszeiten und die Stabilität von Schichtplan-Logiken. In modernen Fertigungsumgebungen wird das über Manufacturing-Execution- und Workforce-Planungsdaten gesteuert; dort entscheidet sich, wie gut ein Werk kurzfristige Schwankungen abfedern kann. Der Vorschlag, Tarifautonomie auszusetzen, wäre im Kern ein Versuch, diese Steuerungslogik zu vereinheitlichen, damit sich Auslastungsgrade schneller an Nachfrage und Modellmix anpassen lassen. Gleichzeitig muss das Unternehmen die betrieblichen Mitbestimmungsprozesse rechtssicher einhegen, weil sonst der Umsetzungspfad an gerichtsfesten Regelungen scheitern kann.
Auch regulatorisch ist die Arbeitszeitdebatte sensibel. In Deutschland greifen hier Arbeitszeitgesetz, Tarifverträge und die betriebliche Mitbestimmung eng ineinander; eine zeitweise Aussetzung tariflicher Rahmenbedingungen würde typischerweise über Sonderregelungen, Übergangslösungen oder politische Rahmenanpassungen laufen. Selbst wenn das Ziel Kostendruck adressiert, ist der Mittelweg entscheidend: Zu harte Brüche erhöhen das Risiko von Rechtsstreitigkeiten und verlängern die Umsetzungszeit. Hinzu kommt ein weiterer Aspekt, der Unternehmen oft unterschätzen: Wenn Umstrukturierungen zu neuen Planungs- und Monitoringprozessen führen, müssen Datenverarbeitung und Zugriffskonzepte datenschutzkonform bleiben. Das betrifft etwa Personaldaten, Schicht- und Leistungsdaten sowie interne Kommunikation über Systeme.
In den kommenden fünf bis sieben Jahren sieht Dudenhöffer zwar Chancen für einen Aufschwung der deutschen Autobauer, warnt aber vor einem Kraftakt. Diese Spannweite ist plausibel: Viele Werke brauchen nicht nur Kostensenkungen, sondern auch Produktivitätssteigerungen, die sich erst nach mehreren Quartalen in einer stabilen Kostenkurve zeigen. Deshalb wird die Industrie im nächsten Schritt weniger darüber streiten, ob Arbeitszeit ein Hebel ist, sondern wie schnell sich daraus messbare Verbesserungen in Stückkosten, Qualität und Lieferfähigkeit ableiten lassen. Für Entwickler und Betriebsorganisationen bedeutet das: KI-gestützte Disposition, bessere Prognosemodelle für Auslastung und präzisere Wartungsplanung können die Wirkung solcher Maßnahmen verstärken. Gleichzeitig bleibt der Politik- und Sozialkompass der Gradmesser, ob Unternehmen den Transformationspfad nachhaltig umsetzen können, ohne den sozialen Frieden als Stabilitätsfaktor zu verlieren.
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