THUN / LONDON (IT BOLTWISE) – Rheinmetall MAN Military Vehicles übernimmt kurz vor der Bestplatzierung im Bereich „Convoy-Szenarien“ die Gesamtverantwortung für InterRoC VII, ein Forschungsprojekt der Bundeswehr. Im Fokus stehen hochautomatisierte Konvoiführung und interoperable Fahrzeugverbände, die sicher zusammenarbeiten sollen. Die Arbeiten verbinden robuste Pfadplanung mit Sensorik und einem tief integrierten Drive-by-Wire-Kit. Für die Erprobung auf der ELROB 2026 sollen insbesondere Fähigkeiten in GNSS-denied-Umgebungen in den Praxistest einfließen.

Rheinmetall MAN Military Vehicles übernimmt im Auftrag des Bundeswehr-Beschaffungsamtes BAAINBw die Gesamtverantwortung für das Forschungsprojekt InterRoC VII. Die Entscheidung fällt in einer Phase, in der das Projekt inhaltlich bereits auf eine konkrete Demonstrationsstrecke zuläuft: Kurz vor der Bestplatzierung im Bereich „Convoy-Szenarien“ von Rheinmetall bei der European Land Robot Trial (ELROB) 2026 auf dem Waffenplatz Thun in der Schweiz. Damit wird aus einem eher modulartigen Forschungsbaustein ein stärker koordiniertes Gesamtvorhaben, in dem Fahrzeugplattform, Autonomie-Software und Betreiberlogik eng verzahnt werden müssen. Das ist technisch anspruchsvoll und organisatorisch ebenso relevant.
InterRoC VII knüpft an die Forschungsreihe Interoperable Robotic Convoy (InterRoC) an und soll vor allem zwei Ziele operationalisieren: die Weiterentwicklung hochautomatisierter Konvoiführung sowie die Erprobung interoperabler Fahrzeugverbände, in denen unterschiedliche Plattformen autonom und sicher gemeinsam operieren. Im Mittelpunkt stehen dabei leistungsfähige Funktionen für Automatisierung, Wahrnehmung und Entscheidungsfindung. Ergänzend nennt Rheinmetall eine robuste Pfadplanung, die speziell heterogene Verbände abbilden kann, also etwa unterschiedliche Fahrzeugdynamiken, Sensor-Radien und Fahrmodi. Entscheidend ist: Die Systeme sollen auch unter anspruchsvollen militärischen Einsatzbedingungen zuverlässig funktionieren.
Technisch betrachtet setzt Rheinmetall MAN Military Vehicles für InterRoC VII auf Fahrzeuge der bewährten HX-Familie und erweitert sie um das modulare PATH-Sensorik-Kit sowie um ein „Drive-by-Wire-Kit“, das tief in die Fahrzeugarchitektur integriert sein soll. Diese Kombination adressiert gleich mehrere Engpässe autonomer Konvois: erstens die Verfügbarkeit ausreichend belastbarer Eingabedaten für Wahrnehmung und Objektklassifikation, zweitens die präzise, softwaregesteuerte Beherrschung von Lenkung, Antrieb und sicherheitskritischen Regelschleifen. Die offene Systemarchitektur zielt zudem auf kontinuierliche Erweiterbarkeit ab, etwa durch zusätzliche Sensoren, KI-basierte Softwarefunktionen und missionsspezifische Algorithmen. Genau diese Modularität wird im Feld oft darüber entscheiden, ob ein Prototyp skalierbar bleibt.
Bei der Autonomie wird im Projekt besonders eine Fähigkeit in den Vordergrund gerückt: das sichere Operieren auch in sogenannten GNSS-denied-Umgebungen. In elektronisch umkämpften Einsatzräumen ist GNSS-Stabilität selten garantiert; deshalb wird eine robuste Lokalisation und Pfadfindung auf alternative Signale angewiesen. Rheinmetall beschreibt, dass die bei der ELROB 2026 gezeigten Fähigkeiten unmittelbar in InterRoC VII einfließen. Ergänzend wirkt mit Driveblocks GmbH ein spezialisierter Software- und KI-Provider mit, der modulare Autonomie- und Wahrnehmungssysteme entwickelt. Die Kernidee: Sensorfusion aus Kamera- und LiDAR-Daten mit KI-Modellen, kombiniert mit Echtzeit-Erfassung komplexer 3D-Umgebungen und sicherheitskritischer Entscheidungsunterstützung.
Aus Marktsicht ist die Ausrichtung auf interoperable Konvois ein klares Signal: Es geht weniger um „ein“ autonomes Fahrzeug, sondern um die Koordination mehrerer Plattformen mit unterschiedlichen Stärken. Damit konkurriert InterRoC VII im weiteren Umfeld mit Ansätzen anderer europäischer Verteidigungs- und Robotikakteure, die ebenfalls auf modulare Autonomie und sensorbasierte Fusion setzen. Branchenanalysten verweisen in diesem Kontext häufig darauf, dass sich der Wettbewerb in der nächsten Phase von Demonstratoren hin zu robusten Integrationspaketen verschiebt: Nicht die einzelne Perception-Funktion ist der Engpass, sondern die End-to-End-Kette aus Sensorik, Steuerung, Kommunikationsannahmen und Sicherheitslogik. Rheinmetalls Fokus auf Drive-by-Wire und Pfadplanung ist daher strategisch plausibel, weil er die Lücke zwischen Robotik-Forschung und einsatznaher Fahrzeugintegration schließt.
Auch die Beteiligung spezialisierter Anbieter wie Driveblocks entspricht einem Trend, der in der Industrie seit dem Aufbau von MLOps- und Safety-Engineering-Prozessen sichtbar ist: Plattformhersteller bündeln das Fahrzeug- und Integrationswissen, während Softwarehäuser Wahrnehmung und Entscheidungsmodelle liefern oder beschleunigen. Für Unternehmen in der Zulieferkette ist das relevant, weil Schnittstellen und Zertifizierungsfragen früh mitgedacht werden müssen. Im Projekt bedeutet das in der Praxis: Objektklassifizierung, Freiraum- und Geländeerkennung sowie sicherheitskritische Entscheidungsunterstützung müssen so betrieben werden, dass sie unter variierenden Offroad-Bedingungen funktionieren – etwa bei unstrukturiertem Gelände, Vegetation, Staub, Schnee und wechselnden Sichtverhältnissen. Solche Szenarien sind nicht nur „Domänenvariation“, sondern wirken direkt auf Latenzen, Fehlerraten und Vertrauenswürdigkeit der KI.
Historisch betrachtet begann autonome Fahrzeugtechnik in der Robotik häufig mit klaren, kontrollierten Umgebungen und stand vor dem Problem, dass reale Offroad-Szenen die Annahmen der Sensor- und Kartenmodelle sprengten. Spätere Generationen haben deshalb stärker auf robustere Sensorfusion, Zwischendarstellungen der 3D-Welt und dynamische Pfadplanung gesetzt. InterRoC VII zeigt diese Entwicklung in Richtung Koordination: Pfadplanung ist hier nicht nur Fahrkomfort, sondern zwingende Voraussetzung für Konvois, in denen Verzögerungen und Sicherheitsabstände systematisch gemanagt werden müssen. Der zusätzliche Schwerpunkt auf GNSS-denied-operability knüpft zudem an die Erkenntnis an, dass reine Geopositionierung für militärische Operationen zu fragil ist. Damit wird Autonomie zum Systemthema statt zu einer einzelnen KI-Komponente.
Für die Zukunft ist die entscheidende Frage, wie Rheinmetall die skalierbare Autonomieplattform in belastbare Deployments überführt. Eine offene Systemarchitektur kann zwar schnell neue Sensoren und Algorithmen integrieren, erhöht aber zugleich die Anforderungen an Validierung, Monitoring und Sicherheitsmechanismen. Aus regulatorischer und privacy-bezogener Perspektive liegt der Fokus im militärischen Kontext vor allem auf Informationsschutz, nachweisbarer Zugriffskontrolle und dem sicheren Umgang mit aufgezeichneten Umgebungsdaten; je nach Einsatzgebiet kann zusätzlich die nationale und EU-nahe Sicherheits- und Datenschutzgesetzgebung greifen. Wenn InterRoC VII erfolgreich in die nächsten Integrationsstufen übergeht, ergeben sich für Entwickler konkrete Chancen: standardisierte Schnittstellen für Sensorfusion, parametrierbare Sicherheitsregeln und reproduzierbare Testprotokolle werden zum Wettbewerbsvorteil. Gleichzeitig wird der weitere Zeitplan – von ELROB 2026 bis zur Verfestigung im Projektkorridor – den Takt für eine breitere Umsetzung autonomer Konvoifähigkeiten in der Praxis vorgeben.
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