LUXEMBURG / LONDON (IT BOLTWISE) – Neue Daten zeigen einen starken Rückgang bei neuen Wallets und eine der schwächsten Aktivitätsraten des Jahres. Gleichzeitig bleiben die Preise um die Marke von 1,00 US-Dollar auffällig stabil, während große Bestände offenbar in Richtung Cold Storage wandern. Der Beitrag ordnet die Diskrepanz zwischen On-Chain-Nutzerkennzahlen, ETF-Strömen und Derivate-Stress ein – und erklärt, warum technische Meilensteine wie AI-Micropayments die üblichen Aktivitätsmetriken derzeit nicht automatisch „sichtbar“ machen. Für Unternehmen und Analysten wird damit vor allem die Frage relevant, ob aus regulatorischer Klarheit echte, messbare Nutzung entsteht.

Die aktuelle Lage auf dem XRP Ledger wirkt auf den ersten Blick paradox: Auf der einen Seite fallen die Nutzer- und Wachstumsindikatoren deutlich, auf der anderen Seite hält der Kurs rund um 1,00 US-Dollar erstaunlich stand. Am 11. Juli sank die Zahl neu erstellter Wallets auf 2.130 – der niedrigste Stand seit November 2024. Parallel ging die Zahl täglich aktiver Adressen auf 22.888 zurück, ebenfalls ein Wert im unteren Bereich des Jahres. Genau diese Kombination ist analytisch relevant, weil Blockchains ohne frischen Zustrom zwar „durchhalten“, aber kaum organisch wachsen.
Technisch betrachtet liefern neue Wallets und aktive Adressen zwei unterschiedliche Blickwinkel auf die gleiche Frage: Wie viele neue Akteure starten echte Transaktionen? Aktive Adressen zählen Wallets, die innerhalb von 24 Stunden mindestens eine bestätigte Transaktion senden oder empfangen. Neue Wallets zeigen dagegen, ob die Community wächst oder ob bestehende Teilnehmer hauptsächlich unter sich rotieren. Dass die neue Wallet-Erstellung nach einem kleinen Peak Ende Juni wieder einknickte, spricht laut On-Chain-Analyse eher für Dip-Käufe bestehender Halter als für echte Erstnutzung. Damit bleibt die „Netto-Einbindung“ neuer Nutzer im Negativbereich.
Auf dem Markt verstärkt sich dieser Eindruck durch das Zusammenspiel aus Retail- und institutioneller Aktivität. Mehr als in den ersten Monaten des Jahres war die Unterstützung durch XRP-ETFs zuletzt spürbar dünn: Am 10. Juli flossen lediglich 107.000 US-Dollar zu, danach gab es in mehreren Sitzungen praktisch Nullzuflüsse. Selbst am 8. Juli lagen die Nettoabflüsse bei 7,29 Millionen US-Dollar, während das Gesamtvermögen der XRP-ETF-Produkte Mitte der Woche etwa 996 Millionen US-Dollar betrug – also unter der 1-Milliarden-Marke. Dass gleichzeitig auch die On-Chain-Werte schwächer werden, erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass der Markt aktuell weniger „Überzeugung“ als „Abwarten“ einpreist.
Im Kontext der Regulierungsstory gab es zwar in 2026 klare Fortschritte: Nach der Einigung zwischen Ripple und der US-Börsenaufsicht im Jahr 2025 wurden u. a. Listings ausgeweitet, in den USA folgte regulatorische Klarheit und in Europa eine MiCA-gerichtete CASP-Lizenz aus Luxemburg am 6. Juli 2026. Zusätzlich wurde Ende Juni in Japan eine RLUSD-Stablecoin-Zulassung berichtet. In der Theorie hätte das den größten Adoption-Engpass lösen sollen – doch die Netzwerkmetriken liefern bislang keinen sichtbaren Effekt. MEXC hatte bereits vor dieser Phase auf das Risiko „catalyst exhaustion“ hingewiesen: Nach einem kurzfristigen Kursimpuls verpufft der Hebel, wenn die Nutzungskennzahlen nicht nachziehen.
Auch der Derivatemarkt liefert Stresssignale, allerdings mit einer anderen „Sprache“ als On-Chain-Statistiken. In den Perpetual-Futures deuten sinkendes Open Interest und steigende Funding Rates auf zunehmenden Druck bei Long-Positionen hin. Für den 10. Juli wurde Open Interest bei Binance mit 399 Millionen US-Dollar angegeben, rund 100 Millionen weniger als Mitte Juni; über den breiteren XRP-Derivate-Markt fiel es von 1,32 Milliarden auf 764,57 Millionen US-Dollar. Konsequent dazu stiegen die Funding-Kosten: Laut den berichteten Zahlen lag die Funding Rate am Ende der Woche bei 0,007, während Long-Liquidationen um 94% zulegten. Dieses Muster wird typischerweise als Deleveraging-Fingerabdruck gelesen.
Darunter liegt eine weitere, strukturelle Ebene: Am 1. Juli zeigte sich laut Santiment eine Spitze bei „Age Consumed“ – ein Indikator, der sinngemäß Coin Days Destroyed abbildet. Solche Bewegungen „alter“ Bestände sind häufig eher ein Zeichen für bewusste Entscheidungen langfristiger Akteure als für kurzfristiges Preis-Chasing. Gleichzeitig zeigen Daten, dass große Wallets zwischen 10 Millionen und 100 Millionen XRP über 2026 hinweg auf Aufbaukurs waren, während mittelgroße und kleinere Halter weniger Dynamik zeigten. Auf Netzwerkebene sollen rund 68% der zirkulierenden XRP von großen Haltern gehalten werden, die in der Woche um den 6. Juli nicht verkauften. Auffällig ist dabei das Custody-Verhalten: mehr XRP verschwindet in private Cold Storage statt in Richtung Exchanges.
Dass die Preisstabilität trotz schwacher Aktivität nicht automatisch „Stärke“ bedeutet, untermauern auch MVRV-Werte. Wenn MVRV (Market Value to Realized Value) unter 1,0 über mehrere Zeitfenster hinweg fällt, ist das im Kern ein Hinweis auf unrealisierte Verluste: Der aggregierte Cost-Basis-Ansatz liegt dann über dem aktuellen Marktniveau. Für den 11. Juli wird berichtet, dass in 30-Tage-, 180-Tage-, 1-Jahres- und 3-Jahres-Fenstern jeweils MVRV unter null bzw. unter 1,0 gelegen habe – ein Zustand, der zwar begrenzten „Profit-Taking“-Druck erzeugt, aber auch weniger kaufgetriebene Risikofreude erwarten lässt. Kurz: Der Boden unter 1,00 US-Dollar scheint aktuell eher aus Nicht-Verkaufen als aus frischem Nachfragewachstum zu bestehen.
Für die Zukunft ist entscheidend, ob XRP diese Infrastruktur-Marke in messbare tägliche Nutzung übersetzt. Als mögliche Katalysatoren gelten breitere RLUSD-Adoption, Wachstum tokenisierter Real-World-Assets, native Lending-Funktionen in einem kommenden XRPL-Upgrade sowie die Nutzung einer Ethereum-kompatiblen EVM-Seitenschiene, die bereits live sein soll. Die Einordnung ist aber komplex: RLUSD erreichte zwar auf dem XRP Ledger ein wachsendes Settlement-Volumen von 2,5 Milliarden US-Dollar, doch berichten zufolge lag etwa 80% des RLUSD-Angebots weiterhin auf Ethereum. Außerdem überschritt der XRPL eine Million AI-Agent-Micropayments am 8. Juli über das x402-Protokoll – doch diese Aktivität taucht nach den vorliegenden Informationen nicht automatisch in der klassischen Active-Address-Metrik auf. Unternehmen sollten daraus eine praktische Lehre ziehen: Messmodelle müssen zur neuen Zahlungsrealität passen, sonst wirkt die Kette „still“, obwohl sie wirtschaftlich aktiv ist.
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