FREIBERG / LONDON (IT BOLTWISE) – Unter Tage im Erzgebirge sind erste Probebohrungen für den geplanten Indium-Abbau angelaufen. Das Freiberger Unternehmen Saxore entnimmt innerhalb von zwei Wochen Bohrkerne aus zehn Bohrungen mit insgesamt 130 Metern Länge. Im Zentrum steht eine Mikroorganismen-gestützte Biolaugung, bei der seltene Bestandteile aus dem Gestein gelöst und anschließend aus der Flüssigkeit gewonnen werden sollen. Die Ergebnisse sollen den Weg zu einer Pilotanlage im größeren Maßstab ebnen und konventionelle Untertage-Sprengungen weitgehend ersetzen.

Im Erzgebirge rückt Indium in den Fokus eines Ansatzes, der den Bergbau stärker in Richtung Chemie und Biotechnologie verschiebt. Saxore berichtet, dass in Pöhla unter Tage bereits die ersten Probebohrungen erfolgt sind, um ein neuartiges Abbau- und Gewinnungsverfahren wissenschaftlich zu untermauern. Die Arbeiten umfassen zehn Bohrungen innerhalb von zwei Wochen, aus denen Bohrkerne mit einer Gesamtlänge von 130 Metern entnommen wurden. Damit wird die Vorbereitung einer Pilotanlage konkret: Nach der Auswertung der Kerne soll der nächste Schritt vor Ort folgen. Für die Region ist das vor allem deshalb relevant, weil das geplante Zinnbergwerk perspektivisch ohne sichtbare Halden und Aufbereitung auskommen soll.
Technisch betrachtet ist das Kernelement die sogenannte Biolaugung. Dabei lösen Mikroorganismen mit biochemischen Prozessen gezielt Bestandteile aus dem Gestein und überführen sie in eine Flüssigkeit, aus der anschließend die eigentlichen Wertstoffe gewonnen werden können. Der Unterschied zu klassischen Verfahren liegt weniger im Ziel als im Weg: Untertage-Sprengungen sollen nach dem Konzept entfallen, weil die Gewinnung über die Reaktionschemie statt über mechanische Zerstörung des Gesteins erfolgen kann. Im Hintergrund steht außerdem das Bergbau-Engineering für ein komplett untertägiges Zinnbergwerk, das auf interne Förderung setzt und externe Aufbereitungsschritte minimieren will.
Historisch ist die Idee nicht neu, aber ihre industrielle Umsetzbarkeit war lange begrenzt. Biolaugung wurde über Jahrzehnte in unterschiedlichen Zusammenhängen erprobt, insbesondere bei Erzen, bei denen bestimmte chemische Rahmenbedingungen das Milieu für Mikroorganismen stabil halten. Entscheidender Härtetest für ein Projekt im größeren Maßstab ist jedoch immer die Kombination aus Geologie, Abbau-Logistik und Prozesskinetik: Welche Mikroorganismen funktionieren unter realen Temperatur- und pH-Bedingungen im Gestein? Wie konsistent sind die Ausbeuten über mehrere Chargen? Genau hier setzen Pilotbohrungen an, weil sie die Grundlage schaffen, um im Labor erfolgreiche Prozessparameter auf reale Erzproben zu übertragen.
Auf der Marktseite kommt hinzu, dass Indium vor allem in Schlüsselbranchen nachgefragt wird, etwa bei Halbleitern und in der Photovoltaik-Technologie. Das Material wird häufig als „Schlüsselmetall für Zukunftstechnologien“ eingeordnet, weil es in spezialisierten Anwendungen nur schwer vollständig substituierbar ist. Laut Projektangaben liegt im Bereich Tellerhäuser schätzungsweise eine Ressource von rund 700 Tonnen Indium vor; damit zielt das Erzgebirge auf eine der bedeutendsten Indium-Lagerstätten. Gleichzeitig steht der Markt unter Druck durch eine starke globale Konzentration der Wertschöpfung: Vor allem in Asien dominieren Raffinations- und Lieferketten, während europäische Projekte sich gegen Importabhängigkeit und Preisvolatilität behaupten müssen.
Im Wettbewerb um wertstofforientierten Bergbau setzen viele Akteure weiterhin auf konventionelle Hydrometallurgie, bei der Wertstoffe chemisch aus Gestein ausgelaugt und anschließend getrennt werden. Das ist zwar in der Industrie etabliert, aber oft mit höheren Eingriffen in die Prozessketten verbunden, etwa bei Chemikalieneinsatz, Abwasserbehandlung und infrastrukturellen Auflagen. Genau dort soll die Biolaugung ansetzen: Ein Prozess, der ohne Sprengung auskommt, kann theoretisch Auswirkungen auf Logistik und Sicherheitskonzepte unter Tage verändern. Für Unternehmen bedeutet das auch eine andere Auslegung von Anlagen: statt rein mechanischer Abbauplanung rückt die Frage nach Reservoir-Management, Flüssigkeitsführung und Reaktionssteuerung in den Vordergrund.
Auch aus Regulierungssicht ist die Pilotphase entscheidend. Saxore wartet weiterhin auf die Genehmigung des Rahmenbetriebsplans für das geplante unterirdische Bergwerk durch das Oberbergamt Freiberg. Damit wird sichtbar, dass selbst überzeugende Laborergebnisse nicht automatisch zu einem Produktionsstart führen. Genehmigungsprozesse prüfen typischerweise u. a. Sicherheitskonzepte, Umweltwirkungen, Langzeitfolgen des Stoffeintrags und die Kontrolle von Lagerstättendynamiken. Das Projekt steht zudem im EU-Förderumfeld: Die Forschung ist Teil des Vorhabens „Xtract“ mit 14 Partnern aus neun Ländern, unterstützt mit fünf Millionen Euro. Solche Konsortien erleichtern den Transfer, ersetzen aber nicht die behördliche Risiko- und Wirkungsprüfung.
Für die weitere Roadmap nennt Saxore als Zeithorizont einen möglichen Probebetrieb frühestens für 2029. Geschäftsführer Matthias Faust hatte zudem eine Jahresproduktion von 500.000 Tonnen Zinn-Erz als Ziel skizziert; daraus könnten etwa 2.500 Tonnen Zinn gewonnen werden. Überträgt man die Logik auf Indium, hängt die wirtschaftliche Perspektive stark von Ausbeute, Prozessstabilität und dem Verhältnis zwischen Rohstoffgehalten und Prozesskosten ab. Wenn die Vorerkundung erhöhte Indiumgehalte am Standort bestätigt, verbessert das die Planbarkeit. Gleichzeitig bleibt die Entscheidung über Skalierung und Anlagen-Design eng an die Bohrkernanalyse gekoppelt: Erst wenn die chemischen und mineralogischen Bedingungen belastbar sind, lässt sich die Biolaugung als stabiler Produktionspfad einplanen.
Für die Zukunft könnten Projekte wie dieses eine Lücke zwischen Labor und industrieller Bergbaupraxis schließen. Der größte Hebel liegt dabei weniger im „Bio“-Etikett als in der Prozessauslegung: Wie gelingt eine robuste Steuerung der Mikroorganismen unter realen Gesteinsbedingungen, und wie wird die Flüssigkeitsphase so geführt, dass Gewinnung und Rückgewinnung des Reaktionsmediums wirtschaftlich bleiben? Daneben werden sich Betreiber stärker mit Monitoring befassen müssen, etwa über Messstellen zur Prozesschemie und zur Qualität der Auslaugungsflüssigkeit. Wenn das klappt, entsteht ein entwicklungsfähiges Muster für weitere Wertstoffprojekte in Europa. Und falls der Ansatz scheitert, liefert die Pilotanlage trotzdem wertvolle Daten für die Frage, welche Erztypen sich für Biolaugung eignen und welche eher konventionelle Verfahren benötigen.
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