GRANADA / LONDON (IT BOLTWISE) – Eine neue Studie in Spain zeigt, dass Masturbationsmuster nicht nur nach Häufigkeit, sondern nach psychologischen Dimensionen auseinanderlaufen. Besonders auffällig sind die Ergebnisse bei lesbischen Frauen: Sie berichten im Durchschnitt über geringeres sexuelles Verlangen zur alleinigen Aktivität als heterosexuelle Frauen. Gleichzeitig unterscheiden sich die subjektiven Orgasmus-Erfahrungen zwischen den Gruppen teils deutlich, teils aber auch kaum. Damit rückt die Forschung von reinem Frequenz-Zählen hin zu einem datengetriebenen Bild von Sexualgesundheit, das Stigma und Beziehungszufriedenheit mitdenkt.

Studie zu Masturbation: Deutlich andere Muster bei Frauen und Lesben
Studie zu Masturbation: Deutlich andere Muster bei Frauen und Lesben (Foto: IT BOLTWISE)
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Die Frage nach Masturbation als Teil der Sexualgesundheit wirkt auf den ersten Blick wie ein reines „Wie oft?“: Viele frühere Umfragen haben sich vor allem darauf konzentriert, welche Häufigkeit Menschen berichten. Die neue Studie mit dem Titel „Parameters of masturbation: effects of gender and sexual orientation“ geht einen Schritt weiter und betrachtet fünf Aspekte gleichzeitig. Das Ziel ist nicht, Moral zu bewerten, sondern ein genaueres Modell dafür zu liefern, wie Menschen ihre eigene Sexualität erleben. Gleichzeitig macht die Veröffentlichung deutlich, wie stark soziale Rahmenbedingungen und Stigma messbare Effekte auf Motivation und Selbstwahrnehmung haben können.

Methodisch ist der Ansatz deshalb interessant, weil „Frequenz“ hier nur ein Teil des Gesamtsignals ist. Die Forschenden nehmen als weitere Dimensionen unter anderem das Einstiegsalter, also den Zeitpunkt, an dem die alleinige Sexualaktivität beginnt, und das subjektive Erleben von Orgasmus auf. Dazu kommt die Bewertung negativer Einstellungen wie Schuldgefühle, die als Indikator dafür dienen, wie gesellschaftliche Stigmatisierung in die Selbstbeschreibung hineinwirkt. Im Kern entsteht so ein mehrdimensionaler Datensatz, der psychologische und körperbezogene Komponenten koppelt. Für die Interpretation ist entscheidend: Cross-Sectional-Daten liefern Muster, aber keine direkten Kausalpfade.

Die Studie stammt von Forschenden der Universität Granada, namentlich Millán Landaluce, Juan Carlos Sierra, Oscar Cervilla und Gracia M. Sánchez-Pérez. Datenbasis sind 1.568 cisgender Erwachsene in Spanien, rekrutiert über Online-Umfragen. Die Stichprobe teilt sich in heterosexuelle Männer, schwule Männer, heterosexuelle Frauen und lesbische Frauen auf. Damit adressieren die Autorinnen und Autoren ausdrücklich eine Lücke: Sexualminoritaten waren in älteren Arbeiten zur Masturbation häufiger unterrepräsentiert. Vergleichbar mit „klassischen“ Häufigkeitsstudien im Sinne des Datenfokus, aber weiter als diese, weil mehrere psychometrische Skalen parallel erhoben werden.

Technisch betrachtet stützt sich die Auswertung auf etablierte Instrumente, insbesondere auf eine adaptierte Version der Kinsey-Skala zur Einordnung der sexuellen Orientierung. Zusätzlich messen die Forschenden negative Einstellungen bzw. Schamgefühle im Zusammenhang mit der alleinigen Aktivität. Eine weitere Skala erfasst, wie häufig die Praxis aktuell vorkommt und wie oft der konkrete Drang dazu erlebt wird. Für das Orguserleben nutzt das Team eine mehrdimensionale Ratingskala mit vier Bereichen: sensorisch, affektiv, intim und belohnungsbezogen. Diese Trennung ist methodisch zentral, weil „ein Orgasmus“ psychologisch nicht eindimensional ist und sich Effekte je nach Dimension unterschiedlich zeigen können.

Bei der Betrachtung von Geschlecht treten mehrere gegensätzliche Muster zutage. Männer berichten demnach im Durchschnitt, dass sie früher mit der alleinigen Sexualaktivität beginnen als Frauen. Außerdem melden sie sowohl höhere Frequenzen als auch stärkeres sexuelles Verlangen. Gleichzeitig erzielen sie in den Skalen für negative Einstellungen höhere Werte, was darauf hinweist, dass Schuld- oder „Reife“-Narrative bei männlichen Teilnehmenden stärker ausgeprägt sein können. Die Autorinnen und Autoren verknüpfen das plausibel mit dem Zusammenspiel aus sozialen Erwartungshaltungen und der Möglichkeit, dass manche heterosexuellen Männer die Aktivität stärker als Ersatz erleben, wenn eine partnerschaftliche sexuelle Befriedigung ausbleibt.

Auch kulturelle Normen spielen in die Interpretation hinein: Das Konzept des „sexual double standard“ beschreibt, dass Männer traditionell mehr Spielräume erhalten, während Frauen mit stärkeren Einschränkungen rechnen müssen. Genau in diese Richtung deuten die Ergebnisse, denn Frauen berichten insgesamt seltener eine hohe Verlangenslage zur alleinigen Aktivität. Gleichzeitig ist ein zweiter Teilbefund wichtig, weil er die einfache „mehr Frequenz = stärkeres Erleben“-Logik entkräftet: Obwohl Frauen die Praxis seltener berichten, bewerten sie die subjektiven Orgasmusdimensionen sensorisch, affektiv und intim höher als Männer. Nur bei der belohnungsbezogenen Komponente zeigt sich kein Unterschied, was nahelegt, dass die „nachgelagerte Erleichterung“ für beide Geschlechter ähnlich stark ausfallen kann.

Die Differenzen nach sexueller Orientierung werden anschließend besonders relevant. Schwule und lesbische Teilnehmende beginnen der Studie zufolge früher mit der alleinigen Aktivität als heterosexuelle Teilnehmende. Das Team interpretiert das als Hinweis darauf, dass Menschen außerhalb heteronormativer Skripte möglicherweise früher Gelegenheiten haben, sich selbst zu erkunden und entsprechende Verhaltensweisen auszubauen. Bei der Wechselwirkung von Geschlecht und Orientierung wird es dann jedoch differenziert: Schwule Männer berichten deutlich höhere Werte für Verlangen, höhere Frequenzen und höhere Bewertungen in mehreren Orgasmusdimensionen. Bei Frauen dreht sich das Bild: Lesbische Frauen zeigen niedrigere Werte für sexuelles Verlangen als heterosexuelle Frauen, berichten seltener von der Praxis und bewerten die Orgasmusqualität beim Allein-Erleben als weniger intensiv.

Als Erklärungskonzept verweisen die Autorinnen und Autoren auf Unterschiede in der partnerschaftlichen Zufriedenheit. Frühere Umfragedaten (aus dem breiteren Forschungsfeld) deuten darauf hin, dass schwule Männer in ihren Beziehungen häufiger geringere sexuelle Zufriedenheit berichten; dadurch könnten persönliche sexuelle Ausweichroutinen plausibler werden. Umgekehrt berichten lesbische Frauen in vielen Studien tendenziell von höherer sexueller Zufriedenheit in Beziehungen als heterosexuelle Frauen. Wenn diese Relation stimmt, könnte sie die geringere Tendenz zu stärkerem Verlangen nach alleiniger Aktivität bei lesbischen Frauen teilweise mit erklären. Wichtig bleibt: Die aktuelle Arbeit kann keine Ursachen beweisen, aber sie liefert ein konsistentes Muster, das klinisch und therapeutisch anschlussfähig ist.

Für die Praxis ergeben sich trotz der methodischen Grenzen konkrete Konsequenzen. Die Teilnehmenden wurden über Social-Media-Netzwerke rekrutiert; dadurch kann die Stichprobe verzerrt sein und nicht vollständig die gesamte Bevölkerung abbilden. Zudem handelt es sich um ein Querschnittsdesign, wodurch zeitliche Reihenfolgen zwischen Einstiegsalter, Stigma-Werten und späterem Verlangen nicht sicher rekonstruiert werden können. Darüber hinaus beschränkt die Messung über die Kinsey-Skala und weitere Skalen stark auf cisgender Personen mit klarer Zuordnung. Künftige Längsschnittstudien könnten zeigen, wie sich diese Parameter über Jahre verändern, und auch Einflüsse von religiösen Überzeugungen oder früher Sexualerziehung besser herausarbeiten.

Ein Blick auf die „Wettbewerbslandschaft“ im Forschungsdesign hilft ebenfalls: Während ältere Arbeiten häufig bei Frequenz und Basisraten stehen bleiben, setzt diese Studie auf die Kombination mehrerer psychometrischer Dimensionen, darunter Schuldgefühle und differenziertes Orgasmuserleben. Für Unternehmen und Entwickler datengetriebener Gesundheits- und Aufklärungsangebote ist das ein Signal, wie man Sexualgesundheit nicht nur deskriptiv, sondern erklärungsorientiert modellieren kann: mehrdimensionale Datenerfassung, klare Skalenlogik und konsequente Trennung von affektiven, sensorischen und belohnungsbezogenen Effekten. Gleichzeitig müssen Datenschutz und Sensibilität bei Befragungen extrem ernst genommen werden, weil intime Daten besonders schutzbedürftig sind und in der Kommunikation schnell normativ fehlinterpretiert werden können. Insgesamt liefert die Studie eine solide Grundlage für Therapiekonzepte, die Sexualität als Zusammenspiel aus Biografie, psychischer Bewertung und Beziehungsrealität behandeln.


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