LONDON (IT BOLTWISE) – Glassnode meldet im Week-on-Chain-Report eine wichtige Veränderung: Long-Term-Holder realisieren Verluste nicht mehr ganz so aggressiv wie zuvor. Das spricht dafür, dass die Kapitulationswelle, die den Kurs in diesem Jahr stark belastet hat, an Momentum verliert. Eine klare Bodenbestätigung bleibt aber aus, weil es weiterhin an kräftigem Spot-Kauf fehlt, der den Preis über zentrale Kostenbasiszenarien drückt. Für Marktteilnehmer wird damit vor allem entscheidend, ob Käufer die Lücke zwischen Realized Price und Cost Basis schließen können.

Bitcoin-Boden rückt näher: Glassnode sieht nachlassende Kapitulation der Long-Term-Holder
Bitcoin-Boden rückt näher: Glassnode sieht nachlassende Kapitulation der Long-Term-Holder (Foto: IT BOLTWISE)
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Die Debatte um einen möglichen Boden bei Bitcoin bekommt neuen Zündstoff, nachdem Glassnode in seinem aktuellen „Week On-Chain“-Update eine Verschiebung bei der Verlustrealisierung von Long-Term-Haltern identifiziert. Laut der Analyse erreichten die realisierten Verluste dieser Gruppe ihren Höhepunkt vor zwei Wochen; seitdem ist der Abwärtsdruck messbar rückläufig. Das klingt nach „Entspannung“, ist aber noch keine finale Entwarnung: Der Markt habe weiterhin die entscheidende Bestätigung nicht geliefert, nämlich genügend Spot-Käufe, um einen nachhaltigen Turnaround zu untermauern. Damit rückt weniger die Frage „Wird verkauft?“ in den Vordergrund, sondern „Kommt echtes Kaufinteresse zurück?“

Technisch betrachtet bezieht sich Glassnode auf On-Chain-Metriken, die Verlustrealisation und Kostenbasen von Haltern verknüpfen. Im Kern geht es darum, ob Coins, die lange im Umlauf waren, nun in Phasen von Preisdruck bewegt und verkauft werden – und damit Buchverluste in realisierte Verluste überführt werden. Wenn diese Dynamik abflacht, kann das ein Signal sein, dass Verkäufer an dem Punkt ankommen, an dem sich ein Teil der Positionen wieder „auf seinem Weg“ in Richtung Break-even befindet. Gleichzeitig nennt die Analyse eine zweite harte Bedingung: Ein Boden ist erst dann plausibel, wenn Spot-Käufe den Kurs über die relevanten Schwellen tragen, nicht nur wenn kurzfristige Volatilität nachlässt.

Für den Markt bedeutet das: Die Kapitulationswelle, die in diesem Jahr einen großen Teil des Verkaufsdrucks erzeugt hat, könnte schwächer werden. Glassnode warnt jedoch davor, dass eine einzelne Verbesserung statistisch noch keinen Trendwechsel garantiert. In der Praxis reicht oft ein zusätzlicher Schock – etwa aus dem Makrobereich, durch Liquiditätsabflüsse oder durch risk-off-Bewegungen –, um Long-Term-Holder erneut zum Verkauf unter Verlustbedingungen zu bewegen. Genau hier unterscheiden sich viele Datenanbieter: Während Glassnode typischerweise Verlust- und Haltermetriken in den Vordergrund stellt, arbeiten andere Anbieter wie CryptoQuant oder Santiment mit verwandten, aber nicht identischen Indikatorclustern. Für Trader zählt am Ende weniger der einzelne KPI als die Übereinstimmung mehrerer Signale über mehrere Wochen.

Auch im Nachfragebild sieht Glassnode eine klare Dynamik, aber mit Bremseffekten. Laut Bericht gebe es im Juni einen Aufbau von Käufern – sowohl retail- als auch institutionell orientierte Akteure. Seitdem habe sich das Kauftempo jedoch verlangsamt, wodurch die zentrale Frage entsteht, welche neue Quelle von Nachfrage nun wirken muss. Glassnode ordnet Bitcoin in Relation zu zwei Referenzgrößen ein: Zum einen liegt der Kurs noch über dem Realized Price, also dem Durchschnittspreis, den alle im Umlauf befindlichen Coins historisch „bezahlt“ wurden. Zum anderen bleibt Bitcoin unter der Cost Basis der kurzfristigen Halter nahe 69.000 US-Dollar. Diese Distanz ist wichtig, weil genau dort häufig eine neue Verkaufs- und Entscheidungszone entsteht.

Dass die Cost Basis der kurzfristigen Halter als Trigger genutzt wird, ist ein bekanntes Muster: Je näher der Kurs an diesen Durchschnittseinstand heranrückt, desto stärker werden mögliche Verkäufer wieder „aus dem Verlustbereich heraus“ geführt. Glassnodes Erwartung lautet daher, dass es bei einem ersten Treffen dieses Niveaus zu einer spürbaren Reaktion kommen dürfte. Der Grund ist weniger psychologisch als mechanisch: In einem solchen Bereich steigt die Zahl der Akteure, die ihre Positionen zumindest teilweise wieder „auf Wert“ bringen können, was Verkäufe wieder attraktiver macht. Marktanalysen ordnen diese Zonen oft als Übergangsregion zwischen „De-risking“ und „Re-risking“ ein. Entsprechend sollte die nächste Bewegung weniger durch schwache Bounce-Versuche getestet werden, sondern durch belastbare Spot-Käufe, die den Preis über die Cost Basis hinaus stabilisieren.

Für die Unternehmens- und Infrastruktur-Ebene wirkt so ein On-Chain-Signal indirekt, aber spürbar. Börsen, Custody-Anbieter, Analyseplattformen und Liquiditätsprovider müssen bei einer möglichen Bodenbildung schneller zwischen Risiko- und Chancenbudgets wechseln, etwa bei Hedging-Strategien oder bei der Konfiguration von Handelsbots. In den vergangenen Zyklen zeigte sich zudem, dass On-Chain-„Turning Points“ häufig erst dann operativ relevant werden, wenn sie mit Orderflow und echten Spot-Volumina synchronisieren. Gerade deshalb ist die Betonung auf Spot Buying entscheidend: Leverage-getriebene Bewegungen können den Eindruck einer Stabilisierung erzeugen, ohne dass die Marktmechanik langfristig dreht. Für den Enterprise-Stack bedeutet das: Überwachung von Datenflüssen, Re-Validierung von Schwellwerten und eine saubere Policy für den Umgang mit Kundendaten bleiben Pflicht.

Der regulatorische Rahmen spielt dabei nicht nur am Rand eine Rolle. In vielen Jurisdiktionen sind Anbieter für Custody, Handel und Analytics verpflichtet, Compliance-Anforderungen wie Know-Your-Customer, Geldwäscheprävention und Meldepflichten umzusetzen. Eine Bodenbildung kann Kapitalströme verstärken und damit auch die Prüfintensität erhöhen, insbesondere bei neuen Kundensegmenten oder bei Transfers zwischen Börsen und Wallets. Gleichzeitig verschiebt sich der Datenschutzbedarf: On-Chain-Daten sind öffentlich, aber Zuordnungen, Metadaten und Nutzerkontexte können personenbezogene Informationen berühren, wenn sie mit internen Systemen verknüpft werden. Für Entscheider heißt das: Der Nutzen von On-Chain-Metriken muss mit klaren Datenminimierungs- und Zugriffskonzepten zusammengehen.

In die Zukunft gelesen könnte sich hier ein zweistufiges Bild ergeben. Erstens: Wenn die Verlustrealisation von Long-Term-Haltern weiter sinkt, nimmt die Wahrscheinlichkeit zu, dass der Abverkauf aus dem „Kapitulationsmodus“ in einen Abwarte-Modus übergeht. Zweitens: Entscheidend bleibt, ob Spot-Käufe den Preis über die kurzfristige Cost Basis drücken und dort halten. Gelingt das, würden viele Marktteilnehmer die Bodenthese konsolidieren und ihr Risiko-Setup anpassen. Umgekehrt reicht ein erneutes „market shock“-Szenario, um Käuferinteresse kurzzeitig zu verdrängen und Long-Term-Verkäufe wieder anzukurbeln. Das nächste Fenster wird damit nicht nur eine Kursfrage, sondern eine Frage der Marktmikrostruktur: Wer kauft wirklich am Spot und bleibt dabei geduldig genug, um nicht nur kurzfristig Rendite zu jagen.


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