LONDON (IT BOLTWISE) – Goldman Sachs überträgt sein HALO-Konzept („Heavy Assets, Low Obsolescence“) auf die Börsenwelt und macht damit eine klare Wette auf kapitalintensive Branchen. Die Strategie wird als möglicher Gegentrend zu einem KI-getriebenen „Anti-KI-Trade“ gelesen: Nicht Software-Leichtgewichte sollen profitieren, sondern Unternehmen mit langlebigen Sachwerten. Für Europa nennt der Ansatz besonders hohe potenzielle Vorteile, weil die Indexzusammensetzung anders ausfällt als in den USA. Gleichzeitig bleibt das Chancenprofil an konkrete Investitionszyklen für Energie, Netze und industrielle Infrastruktur gebunden.

Goldman Sachs positioniert sich im KI-Rennen mit einer Anlageidee, die auf den ersten Blick nach klassischer Value-Logik klingt, in der aktuellen Debatte aber eine neue Stoßrichtung bekommt: Die Bank setzt auf sogenannte HALO-Aktien, ein Akronym für „Heavy Assets, Low Obsolescence“. Gemeint sind Unternehmen mit hohem Anteil an physischem Kapital und einer wirtschaftlichen Relevanz, die sich nicht so schnell „abschreiben“ lässt. Im Zentrum steht dabei die These, dass KI-gestützte Produktivität zwar Software und Prozesse verändert, aber die Ausbauinvestitionen in Energie, Versorgung, Verkehrsinfrastruktur und Maschinenbau eine langlebige Basis schaffen. In der Praxis werden solche Effekte über Aktienkörbe gemessen, nicht über einzelne Einzeltitel.
Der strategische Kern ist die Abgrenzung gegen kapitalarme Modelle, die in vielen Märkten lange als Favoriten galten. Laut der in der Analyse zitierten Einordnung von Josh Brown (Ritholtz Wealth Management) hat sich die Wahrnehmung verschoben: Was früher als „asset-light“ galt, kann im Zeitalter Künstlicher Intelligenz als nachteilig erscheinen, weil KI zwar Kosten reduziert, aber nicht zwingend die physische Reichweite solcher Geschäftsmodelle erhöht. Während Analysten bei KI häufig an Plattformen, Cloud-Software und datengetriebene Dienste denken, lenkt der HALO-Ansatz den Fokus auf die sichtbaren Inputs: Rechenzentren, Netze, industrielle Ausrüstung und die Energieinfrastruktur, die diese Technologien überhaupt ermöglichen. Genau dort wirkt der Begriff „Low Obsolescence“ wie eine Haltbarkeitsannahme.
Besonders im europäischen Kontext wird der Effekt erklärbar, weil die Index-Gewichtung offenbar anders ausfällt als in den USA. Die Analyse, auf die sich das Argument stützt, ordnet den europäischen Markt etwa zu rund 38 Prozent Unternehmen mit hohem Sachwertanteil und zu 47 Prozent dienstleistungsorientierten Unternehmen ein. In den USA werden diese Anteile demgegenüber deutlich anders gewichtet: 18 Prozent bei hohem Sachwertanteil und 67 Prozent im dienstleistungsorientierten Segment. Diese Verschiebung gilt in der Auswertung als „entscheidend“. Für Anleger bedeutet das: Selbst wenn das KI-Thema marktweit gleich diskutiert wird, kann die Kapitalmarktmechanik (Indexzusammensetzung, Benchmark-Effekt) die relativen Outperformance-Möglichkeiten für HALO-Wetten verstärken.
Goldman Sachs quantifiziert den erwarteten Renditehebel über eigene Körbe. Für Europa nennt die Analyse einen Vergleich: Der Korb aus mehr als 130 kapitalintensiven Unternehmen soll im Zeitraum bereits seit Februar 2026 gegenüber kapitalarmen Werten eine Outperformance von 35 Prozent seit Anfang 2025 erzielt haben. Zu den zeitweise genannten Gewinnern zählten unter anderem BMW, Rio Tinto, Holcim, Kering, Eni, Campari, Nestlé und Rheinmetall. Gleichzeitig wurden SAP, TUI und Adyen als Beispiele kapitalarmer Werte beschrieben, die eher unter Druck stehen. Interessant ist dabei die Nähe zu „harten“ Wirtschaftsdaten: Die Beispiele decken Energie, Industrie, Mobilität und Teile der Konsumgüterkette ab, also Sektoren, deren Wertschöpfung an physischen Kapazitäten hängt.
Als technisches Vergleichsargument kommt im Material außerdem die Rolle von Halbleitern und Infrastruktur ins Spiel. Morningstar verweist auf Geschäftsmodelle, die durch KI nicht so leicht verdrängt werden können, weil KI-Ausbau physische Bausteine braucht. Equinor wird hier als Beispiel genannt, während beim Chipfertigungsausrüster ASML besonders betont wird, dass der Bedarf eng mit dem Ausbaupfad der Halbleiterproduktion gekoppelt ist. Der Vergleich funktioniert wie eine Gegenüberstellung von zwei Ebenen: KI verändert zwar die Software- und Automatisierungslogik, sie ersetzt aber nicht die Fabriken, Maschinen und Energieflüsse, die neue Kapazität schaffen. Genau solche „Engpass-Komponenten“ sind in HALO-Logik typischerweise zentral, weil ihre Relevanz mit dem Ausbauzyklus steigt.
In der Umsetzung weitet Goldman Sachs den Ansatz zudem auf Schwellenländer aus. Dort soll ein Korb kapitalintensiver Unternehmen aus Bereichen wie Stromnetze, Versorger und verarbeitendes Gewerbe seit Ende 2025 ein Plus von 115 Prozent erreicht haben, während kapitalarme Werte im selben Zeitraum nur etwa 7 Prozent zulegen konnten (Stand: 05. Juni 2026). Trotz der Rally sehen die Goldman-Analysten weiterhin einen Abschlag: Kapitalintensive Schwellenländeraktien würden demnach rund 20 Prozent unter kapitalarmen Vergleichswerten handeln. Das liest sich wie eine Mischung aus Momentum und Bewertungs-Call. Für Anleger ist das entscheidend, weil es das Timing- und Disziplin-Thema verschärft: HALO wirkt nicht nur über Story, sondern über konkrete Bewertungsrelationen, die volatil bleiben können.
Regulatorisch und sicherheitstechnisch ergibt sich aus dem Ansatz ein zweiter, oft unterschätzter Blickwinkel: KI-Infrastruktur ist nicht nur ein wirtschaftlicher Kostenblock, sondern auch ein Thema für Resilienz, Netzsicherheit und Datenhoheit. Wer in Energie- und Netzbetreiber sowie Ausrüstung investiert, ist häufig indirekt Teil von kritischer Infrastruktur, auch wenn die Wertschöpfung börsennotierter Industrien erfolgt. Damit rücken in der Due Diligence Fragen nach Lieferkettenstabilität, politischen Risiken und Compliance-Anforderungen stärker in den Vordergrund. Gerade bei Schwellenländern können Regulierungsänderungen, Genehmigungsprozesse und Energiepolitik die Investitionszyklen beeinflussen. HALO-Anleger müssen daher weiterhin zwischen „dauerhaftem Sachwert“ und „dauerhaftem regulatorischen Rahmen“ unterscheiden.
Für die Zukunft zeichnet sich ein klarer Entwicklungsimpuls ab: Wenn Künstliche Intelligenz weiter Rechenkapazitäten, Energieverbrauch und industrielle Automatisierung nach oben zieht, bleiben HALO-Sektoren ein plausibler Profiteur. Gleichzeitig ist das Konzept kein Freifahrtschein, sondern eine Wette auf Investitionszyklen in physischen Engpässen. In der Konkurrenzperspektive wird das besonders sichtbar, weil andere Vermögensverwalter und Strategien – etwa RBC BlueBay als Teil des genannten Diskussionsrahmens – die Branchenrollen unterschiedlich gewichten können, je nachdem, wie sie Zinsen, Währungen und KI-Produktivitätsgewinne in ihren Modellen abbilden. Wer HALO in Unternehmens- oder Portfolioplanung einsetzt, sollte deshalb neben dem „Anti-KI-Trade“ auch Nachhaltigkeits- und Capex-Pfade prüfen, um die erwartete Lebensdauer der Sachwerte realistisch zu verorten.
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