BERLIN / LONDON (IT BOLTWISE) – Der ADAC hat stichprobenartig rund 150 Haltestellen für Bus und Straßenbahn geprüft und dabei deutliche Barrieren für Menschen mit Behinderung gefunden. Besonders beim stufenlosen Einstieg klaffen Lücken: Nur ein kleiner Teil der Haltestellen erfüllt die empfohlenen Abstände zwischen Bordsteinkante und Fahrzeug. Auch für Blinde sind Leit- und Auffindestreifen nicht überall konsequent umgesetzt. Die Ursachen reichen laut Behindertenbeauftragtem von technischen Mängeln bis zu der unvollständigen Umsetzung der gesetzlichen Vorgaben.

In der Praxis entscheidet sich Barrierefreiheit im ÖPNV nicht an einzelnen Symbolen, sondern an jedem konkreten Einstieg: Wie hoch ist die Bordsteinkante, wie weit steht das Fahrzeug entfernt, und klappt die Rampe auch dann zuverlässig, wenn sie im Alltag gebraucht wird. Genau an dieser Stelle setzt eine Untersuchung des ADAC an, die stichprobenartig Haltestellen für Bus und Straßenbahn in deutschen Städten bewertet hat. Hintergrund ist die Kritik des Behindertenbeauftragten des Bundes, der mitunter hohe Hürden bei Reisen von Menschen mit körperlichen Einschränkungen benennt. Bei mehreren Aufzügen funktionierten die Anlagen offenbar wochenlang nicht, und gerade abseits der großen Liniennetze gebe es bei Bushaltestellen teils noch Stufen sowie enge Flächen.
Technisch besonders relevant ist dabei die Schnittstelle zwischen Infrastruktur und Fahrzeug, also der Moment, in dem ein Rollstuhl, ein Rollator oder ein Kinderwagen den Übergang vom Gehweg zur Einstiegskante bewältigen muss. Der ADAC berichtet, dass nur 20 Prozent der untersuchten Straßenbahnhaltestellen die empfohlenen Abstände zwischen Bordsteinkante und Fahrzeug einhalten. Das ist nicht nur eine Frage des Komforts, sondern der Sicherheit: Wenn die Lücke zu groß ist, reicht eine ausgeklappte Rampe oft nicht aus oder wird überhaupt erst zur Voraussetzung, die im Prozess dann zusätzlichen Zeitdruck erzeugt. Bei Bussen fällt die Quote sogar noch geringer aus; dort erfüllen laut Mitteilung lediglich drei Prozent die passenden Abstände, damit Ein- und Ausstieg ohne Rampe gelingt.
Nicht minder hart trifft die Barrierefreiheit die Orientierung im Raum. Für blinde Menschen spielen Leitstreifen eine zentrale Rolle, weil sie eine Richtung entlang der Bordsteinkante vorgeben. Der ADAC nennt hier zwar einen vergleichsweise hohen Wert: An 93 Prozent der Haltestellen sichern Leitstreifen parallel zur Bordsteinkante die Nutzer ab. Entscheidend wird es jedoch bei der Querorientierung. Nur bei 58 Prozent gebe es sogenannte Auffindestreifen quer über den Gehweg, an denen sich Blinde mit Hilfe des Blindenstocks orientieren können. Damit wird aus einem eigentlich unterstützenden System eine unvollständige Navigation, die das Auffinden der Haltestelle erheblich erschweren kann.
Der Behindertenbeauftragte ordnet das Problem auch rechtlich und organisatorisch ein. Für den öffentlichen Personennahverkehr seien Länder und Kommunen verantwortlich, während der Bund die Rahmenbedingungen mit dem Personenbeförderungsgesetz gesetzt habe. Laut seiner Darstellung waren die Beteiligten bis 2022 eigentlich verpflichtet, die Barrierefreiheit vollständig umzusetzen, die Forderung aber nicht erfüllt. Neben Haltestellen selbst rückt er zudem die Bahn in den Fokus: Dort entstehe ein Qualitätsproblem in der Barrierefreiheit, das Spontanreisen verhindert. Menschen im Rollstuhl müssten Fahrten mindestens einen Tag im Voraus anmelden, weshalb sie auf einen Mobilitätsservice angewiesen seien. Allerdings werde dieser Service an vielen Bahnhöfen nur bis 22.00 Uhr angeboten, in manchen Fällen sogar nur bis 20.00 Uhr; bei Verspätungen kann die Situation dann schnell unübersichtlich werden.
Wie groß der Bedarf ist, unterstreicht der Sozialverband Deutschland mit einer Zahl von 13 Millionen Menschen mit Behinderung in Deutschland. In diesem Bild sind nicht nur Bahnhöfe und Haltestellen relevant, sondern auch die Wege dorthin, die häufig ebenfalls nicht barrierefrei gestaltet sind. Zusätzlich kritisiert der Verband unzureichende Informationen, etwa wenn Aufzüge defekt sind, sowie fehlende oder unvollständige Durchsagen, die für blinde Menschen und Menschen mit Sehbehinderung besonders wichtig sind. Zwar hätten sich Barrierefreiheitsmaßnahmen in den vergangenen Jahren weiterentwickelt, dennoch seien Systeme wie Blindenleitsysteme offenbar noch nicht überall ausreichend und durchgängig geplant. Der Ausbau barrierefreier Haltestellen müsse daher schneller vorankommen, fordert der ADAC.
Für die Umsetzung zeigt der Behindertenbeauftragte sehr konkrete Hebel auf, die im täglichen Betrieb wirken. Zuständig seien demnach Kommunen, Verkehrsbetriebe und -verbände sowie Straßenverkehrsbehörden. Aber auch der Faktor Mensch darf nicht unterschätzt werden: Aufmerksames Fahrpersonal und Mitreisende können die Zugänglichkeit verbessern, etwa indem Bereiche freigehalten werden, in denen Menschen mit Behinderung einsteigen. In größeren Städten habe sich zudem das Bewusstsein spürbar erhöht, und gerade bei Stadt- und U-Bahnen seien viele Systeme inzwischen barrierefreier als noch vor 20 Jahren. Das widerspricht der Pauschalklage nicht, sondern macht deutlich, dass Fortschritt möglich ist, zugleich aber Lücken im Detail bleiben, die dann in den Alltagseffekt durchschlagen.
Auch bei der Deutschen Bahn sieht der Behindertenbeauftragte Fortschritte, stellt aber die Zielerreichung in Frage. Von rund 5.400 Bahnhöfen seien demnach etwa 90 Prozent stufenfrei zu erreichen. Gleichzeitig betont er, dass damit noch nicht alles gelöst sei: Für Menschen mit bestimmten Einschränkungen reiche eine stufenlose Zugänglichkeit nicht aus. In seinem Sinne sind etwa 3.500 Bahnhöfe noch nicht vollständig barrierefrei umgebaut, was zeigt, wie stark die Anforderungen je nach Nutzerprofil variieren. Für Entscheidungsträger bedeutet das: Barrierefreiheit ist kein Einmalprojekt, sondern ein fortlaufender Qualitätsprozess aus baulichen Anpassungen, verlässlicher Instandhaltung und konsistenter Nutzerinformation. Der ADAC legt dafür mit seinen Messpunkten einen Maßstab vor, der sich gut in Planungs- und Betriebsroutinen übersetzen lässt.
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