LONDON (IT BOLTWISE) – Der Carry Trade gewinnt laut Goldman Sachs spürbar an Attraktivität, weil sich Zinsdifferenzen wieder ungewöhnlich stark aufgebaut haben. Gleichzeitig liegt die Wechselkursvolatilität historisch niedrig, was das Risiko kurzfristiger Verluste reduziert. Der Bericht nennt den japanischen Yen als wichtigste Funding-Währung und skizziert konkrete Wetten auf Währungspaare. Offen bleibt jedoch, wie schnell sich das Blatt dreht, falls Volatilität doch wieder anzieht.

Der Carry Trade erlebt 2026 eine Rückkehr aus dem Hintergrundrauschen: Goldman Sachs sieht für diese Strategie das „beste Umfeld seit der Jahrtausendwende“. Der Kern der Argumentation von Stuart Jenkins ist dabei weniger ein einzelner Zinsausreißer als das Zusammenspiel aus großen, aber stabilen Zinsdifferenzen zwischen den wichtigsten Industrienationen und einer zugleich ungewöhnlich gedämpften Wechselkursbewegung. Für Händler bedeutet das konkret: Wenn die Währungsschwankungen niedrig bleiben, kann ein Zinsvorteil länger wirken, ohne dass Kursbewegungen ihn in kurzer Zeit wieder auffressen.
Technisch lässt sich der Mechanismus so zusammenfassen: Anleger leihen sich Kapital in einer Währung mit relativ niedrigem Zinsniveau (Funding) und investieren es in einer Währung mit höherer Rendite (Anlage). Goldman Sachs beschreibt, dass sich die Zinsen nach der Post-Corona-Inflation und zuletzt nach dem Energieschock aus dem Nahen Osten auf hohem, aber stark auseinanderlaufendem Niveau eingependelt hätten. Genau daraus ergeben sich „ungewöhnlich weite“ Zinsdifferenzen. Laut der Notiz erklärt zudem der Anteil der Zinsdifferenzen rund 70 Prozent der Schwankungen der Rendite in den wichtigsten Dollar-Währungspaaren im ersten Halbjahr. Besonders relevant ist dabei das Verhältnis von Carry zu Volatilität: Bei Paaren wie US-Dollar/Kanadischer Dollar und Euro/Schweizer Franken sei es nahe an historischen Mehrjahres-Höchstständen.
Diese Ausgangslage trifft auf ein zweites Signal, das im Devisenhandel oft unterschätzt wird: Carry-Strategien waren historisch besonders anfällig für Rückschläge an den Aktienmärkten, weil sich dann Risikoprämien schnell verschieben und Stopps greifen. 2026 habe sich diese enge Kopplung jedoch praktisch aufgelöst, heißt es in Jenkins’ Argumentation. Für Unternehmen und institutionelle Portfolios ist das ein wichtiger Unterschied, weil Devisenpositionen nicht im luftleeren Raum stehen, sondern in breiteren Risikomodellen abgebildet werden. Wenn die „Risk-on/Risk-off“-Dynamik weniger stark auf den Carry durchschlägt, sinkt die Wahrscheinlichkeit, dass eine einzelne Marktstressphase den gesamten Carry-Bucket gleichzeitig entwertet.
Beim Blick auf die konkrete Ausrichtung wird der japanische Yen zum zentralen Hebel: Jenkins sieht ihn als langfristig aussichtsreichste Funding-Währung. Ausschlaggebend ist dabei, dass USD/JPY nahe einem 40-Jahres-Tief gegenüber dem Dollar notiert. Ein separater Bericht vom 6. Juli 2026 verschärft den Ton in die gleiche Richtung: Die 12-Monats-Prognose für USD/JPY wurde von 155 auf 165 angehoben, womit die Bank zugleich unter die pessimistischsten Häuser im Konsens eingeordnet wird. Als Treiber nennt die Darstellung fiskalische Belastungen in Japan, dauerhaft hohe US-Anleiherenditen sowie nur graduelle Zinsschritte der Bank of Japan. Parallel deutet der Optionsmarkt laut Bericht darauf hin, dass es bis Juni 2027 eine hohe Wahrscheinlichkeit gibt, die Marke von 165 zu erreichen; Interventionen dürften demnach eher kurzlebig bleiben.
Aus operativer Sicht ist damit aber nicht nur der „Yen als Funding“-Gedanke entscheidend, sondern auch, wie die Bank konkrete Pairings strukturiert. Jenkins sieht Chancen in einer Long-Position des Dollars gegenüber der schwedischen Krone. Daneben nennt der Bericht risikoneutrale Szenarien, in denen der Euro gegenüber dem Schweizer Franken sowie der australische Dollar gegenüber dem neuseeländischen Dollar bevorzugt werden. Die Zinsdimension macht die Intuition greifbar: Als Orientierung (Anfang Juli 2026) liegen die Zwei-Jahres-Renditen in den USA über 4 Prozent, in Deutschland bei 2,6 Prozent, in Japan bei 1,4 Prozent und in der Schweiz bei rund 0,1 Prozent. Das ist ein Umfeld, in dem Carry-Erträge sich rechnerisch aufbauen können, sofern die erwartete Volatilitätsbremse tatsächlich hält.
Trotzdem bleibt die zentrale Verwundbarkeit der Strategie unverändert: Ein plötzlicher Volatilitätsanstieg. Wenn die Funding-Währung stark aufwertet oder die Anlagewährung deutlich nachgibt, entstehen Verluste oder die Position muss erzwungen aufgelöst werden. Goldman Sachs weist in diesem Zusammenhang auf ein klassisches Timing-Problem hin: Zinsgewinne bauen sich nur allmählich auf, während Kursverluste innerhalb weniger Minuten entstehen können. Genau deshalb betrachten Händler Volatilitätsschübe als potenziell auslösende Events, die zu einem schnellen Liquiditätsabbau führen. Auch die Warnung, dass die aktuelle „Ruhe“ an den Devisenmärkten nicht zu einer erhöhten globalen wirtschaftlichen Unsicherheit passt, zielt in diese Richtung: Sobald Marktteilnehmer das Spannungsfeld neu bewerten, kann Volatilität schneller nach oben springen als Carry-Modelle es eingepreist haben.
In der Summe ergibt sich damit ein Bild, das für Finanzabteilungen und Treasury-Teams gleichermaßen relevant ist: 2026 liefert eine seltene Kombination aus breiten Zinsdifferenzen, niedriger Wechselkursvolatilität und zeitweise entkoppelten Stresssignalen aus den Aktienmärkten. Für die Umsetzung heißt das weniger „Carry kaufen und vergessen“, sondern eher kontrolliertes Positionieren mit klaren Risiko-Gates für den Volatilitätsfall. Wer Carry-Strategien nutzt, sollte insbesondere prüfen, wie die eigene Absicherung auf kurzfristige Sprünge reagiert und ob die Liquidität in Stressphasen tatsächlich ausreicht. Solange die Volatilität gedämpft bleibt, kann der Zinsvorteil wirken; sobald sie anzieht, entscheidet das Timing über Gewinn oder Ausstieg.
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