LONDON (IT BOLTWISE) – Eine Analyse zeigt, dass Chinas Stromsystem beim Transport von Solar- und Windenergie strukturell an Grenzen stößt. Gleichzeitig sorgen Marktregeln und Anreize dafür, dass Kohleverstromung einen Teil der Residuallast weiterhin abfedert. Die Folge sind Einspeisedrosselungen: Erzeugung aus Wind und Sonne kann nicht vollständig ins Netz. Parallel wird der Ausbau von Batteriespeichern beschleunigt, um die Flexibilität zu erhöhen.

China gilt seit Jahren als Motor beim Ausbau erneuerbarer Energien, doch die aktuelle Lage wirkt weniger wie ein reines Wachstums- und mehr wie ein Systemproblem: Nicht die installierte Leistung, sondern die Fähigkeit zum Abtransport entscheidet darüber, wie viel Solar- und Windstrom tatsächlich ankommt. Eine Auswertung des Global Energy Monitor (GEM) beschreibt dabei Engpässe im Übertragungsnetz als zentralen Engpass. Ergänzende Regeländerungen im Strommarkt sowie Anreize zur Kohlenutzung schränken die Flexibilität zusätzlich ein und reduzieren damit die Nutzbarkeit volatiler Erzeugung.
Die Engpässe zeigen sich in den Betriebsdaten besonders an der Drosselung von Einspeisungen. Wenn Wind- und Solarstrom zwar verfügbar ist, aber nicht effizient in die Ballungsräume transportiert werden kann, kommt es zu Reduktionen oder sogar zu nicht genutzter Erzeugung. Laut den GEM-Daten fließt über Ultrahochspannungsleitungen nur ein Bruchteil der erzeugten Solar- und Windenergie; zugleich stammt ein großer Teil der Stromproduktion aus Kohleverstromung. Für Betreiber und Netzbetreiber ist das eine doppelte Belastung: Sie müssen Kapazität vorhalten, können aber den erwarteten Nutzen der erneuerbaren Einspeisung nicht dauerhaft ausschöpfen.
Technisch betrachtet hängt die Herausforderung an den Ultrahochspannungsleitungen, weil diese große Energiemengen über Tausende Kilometer von den nördlichen und nordwestlichen Erzeugungsregionen in Industrie- und Küstenstandorte bringen sollen. Genau dort liegt der Kernkonflikt: Erneuerbare entstehen in Regionen, die nicht immer deckungsgleich mit der Lastverteilung sind. China plant bis 2025 den weiteren Sprung bei Solar- und Windleistung mit 317 Gigawatt für Solarparks und 120 Gigawatt für Windkraftanlagen. Diese Dimension macht deutlich, wie schnell das System an seine Transport- und Ausregelgrenzen gerät, sobald Netzkapazitäten, Leitungsumbau und Netzbetrieb nicht im gleichen Takt nachziehen.
Damit verschiebt sich auch die Rolle von Kohle. Obwohl der Ausbau erneuerbarer Energien beschleunigt wird, bleibt Kohle in der Praxis ein Stabilitätsanker, vor allem kurzfristig: Wo Wetterlagen die Windproduktion drücken oder die Solarerzeugung einbrechen kann, kompensiert Kohle die fehlende Flexibilität. Die Aussage von GEM-Analystin Aiqun Yu, der Erfolg müsse sich daran messen lassen, wie viel Kohle tatsächlich ersetzt wird, trifft deshalb einen wichtigen Punkt: Es reicht nicht, neue Anlagen ans Netz zu bringen, wenn die Anschlussfähigkeit und die Systemintegration die Substitution verhindern. Hinzu kommt, dass im Juni 2023 mehr Kohle importiert wurde, nachdem es nach einem schweren Minenunglück in der Provinz Shanxi Sicherheitsüberprüfungen gab. Das unterstreicht, wie stark Versorgungssicherheit, politische Eingriffe und Risikomanagement die operative Steuerung beeinflussen können.
Dass China gleichzeitig massiv in Speichertechnik investiert, passt in dieses Bild. Batteriespeicher sollen die Volatilität glätten und damit die Verfügbarkeit von „grünem“ Strom erhöhen, selbst wenn Einspeisemuster zeitlich und räumlich schwanken. Laut Angaben der Energiespeicher-Vereinigung wurden im ersten Quartal 2023 23 Gigawattstunden an neuen Energiespeichersystemen installiert; das entspricht einem Anstieg um 205 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Diese Wachstumsrate signalisiert einen strategischen Hebel: Anstatt allein auf Netzausbau zu setzen, versucht man die Flexibilität auch am Rand des Systems zu erhöhen, etwa durch kurz- bis mittelfristiges Verschieben von Energie zwischen Erzeugung und Verbrauch.
Im internationalen Vergleich wird der Wettbewerbsaspekt besonders sichtbar. Während China im gleichen Zeitraum auf deutlich größere Zuwächse bei Speicherkapazitäten kommt, nahm Deutschland lediglich zwei Gigawattstunden neuer Speicherkapazität in Betrieb. Für Unternehmen in der Energiewirtschaft bedeutet das: Die Frage verschiebt sich von „Welche Technologie ist vorhanden?“ zu „Wie schnell lässt sich ein integriertes System aus Netz, Marktregeln, Speicher und Kraftwerkspark so koordinieren, dass Erzeugung nicht verloren geht?“. Speicher allein löst das Problem nicht, können aber Drosselungen reduzieren, Residuallast glätten und die Betriebsführung vereinfachen, wenn Netze weiterhin im Ausbau sind.
Am Ende bleibt es ein Balanceakt zwischen Wachstum und Nachhaltigkeit. China ist auf Kurs, um bis 2030 den Anteil erneuerbarer Energien an der Gesamtstromkapazität zu steigern, aber die Praxis hängt an der Geschwindigkeit des Kohleaustauschs durch belastbare, systemintegrierte Alternativen. Entscheidend ist, wie schnell Transportengpässe durch Netzmodernisierung und betriebliche Verfahren abgebaut werden und ob Marktmechanismen die Flexibilität tatsächlich honorieren statt Kohle als planbaren „Sicherheitsbeitrag“ zu verstetigen. Wenn Innovationen bei Speicher, Netzintegration und Ausregelung konsequent zusammenspielen, wird sich zeigen, ob die Substitution von Kohle in der Realität genauso stark voranschreitet wie die Ausbauzahlen der erneuerbaren Anlagen.
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