WIEN / LONDON (IT BOLTWISE) – Die Kreditangebotspolitik der Banken und die Kreditnachfrage der Unternehmen bleiben im zweiten Quartal 2026 stabil, obwohl der Krieg im Nahen und Mittleren Osten weiter belastet. Für die nächsten Monate erwarten die Institute zwar keine grundlegende Nachfrageverschiebung, gleichzeitig steigt der Finanzierungsbedarf für Restrukturierungen. Parallel dazu wächst die Nachfrage privater Haushalte nach Wohnbaukrediten weiter. Entscheidend für die Unternehmen ist dabei weniger der jüngste Zinsimpuls, sondern vor allem der Anpassungsdruck durch Klimarisiken.

Zur Jahresmitte zeigt sich das Kreditgeschäft in Österreich und im Euroraum erstaunlich robust: In der Umfrage zum Bank Lending Survey für das zweite Quartal 2026 melden die Banken sowohl bei der Kreditangebotspolitik als auch bei der Kreditnachfrage von Unternehmen kaum Veränderungen. In früheren Erwartungen war noch eine Verschlechterung als Folge des Kriegs im Nahen und Mittleren Osten eingepreist worden, doch diese Effekte bleiben nach den jüngsten Ergebnissen bislang aus. Damit verschiebt sich das Bild weg von einer kurzfristigen Schockreaktion hin zu einem eher graduellen Anpassungsprozess, der sich vor allem in bestimmten Teilbereichen des Unternehmensfinanzierungsbedarfs sichtbar macht.
Technisch betrachtet steckt hinter dieser Aussage ein Zusammenspiel aus zwei Messgrößen: Angebotspolitik (Kreditrichtlinien und Kreditbedingungen) auf der einen Seite und Kreditnachfrage der Unternehmen auf der anderen. Für das zweite Quartal 2026 bleibt die Angebotspolitik den Befragungswerten zufolge in den letzten Quartalen weitgehend unverändert, gleichzeitig beschreiben die Institute ihre Kreditrichtlinien und -bedingungen jedoch weiterhin als streng. Die Begründung: eine über die Zeit zunehmend ungünstigere Risikoeinschätzung. Zusätzlich geht aus den Umfrageergebnissen hervor, dass die EZB-Zinsentscheidung vom Juni 2026 nach dem bisherigen Stand keine wesentlichen Auswirkungen auf die Finanzierungsbedingungen gezeigt hat, zumindest nicht in der Breite, die die Banken in ihrer Quartalsabfrage berichten.
Für die Nachfrage ergibt sich ebenfalls ein differenziertes Bild. Insgesamt hat sich die Kreditnachfrage von Unternehmen im zweiten Quartal 2026 kaum geändert; für das dritte Quartal 2026 rechnen die Banken aus heutiger Sicht ebenfalls nicht mit nennenswerten Nachfrageverschiebungen. Gleichzeitig steigt aber der Finanzierungsbedarf großer Unternehmen für Restrukturierungsmaßnahmen. Genau an dieser Stelle setzt der Nahost-Konflikt zwar nicht wie erwartet als allgemeiner Dämpfer an, er wirkt jedoch als Verstärker für bestehende Anpassungsbedarfe, etwa im Zusammenhang mit wirtschaftlichen Herausforderungen inklusive Klimawirkungen. Der Sektorvergleich macht die Spannweite sichtbar: Im Wohnimmobiliensektor steht einer gestiegenen Nachfrage ein Rückgang gegenüber, beispielsweise im Bereich der KFZ-Herstellung einschließlich Zulieferindustrie.
Während das Unternehmensbild stabil und zugleich selektiv belastet ist, wächst die Nachfrage privater Haushalte nach Wohnbaukrediten weiter. Der Trend hält seit Anfang 2024 an und wurde auch im zweiten Quartal 2026 bestätigt. Für das dritte Quartal 2026 erwarten die befragten Banken jedoch keinen weiteren Anstieg. Das Nachfrageplus im zweiten Quartal wird laut Umfrage nicht primär durch ein verändertes Zinsniveau getragen; dieses spielte im Vergleich zu den vergangenen Quartalen bei der Nachfrageentwicklung nur eine untergeordnete Rolle. Stattdessen nennen die Institute verbesserte Aussichten am Wohnimmobilienmarkt und einen gestiegenen Optimismus der Haushalte, die eine Wohnbaufinanzierung anstreben. Konsistent damit zeigen die Kreditstatistiken, dass die Vergabe neuer Wohnbaukredite in den letzten zweieinhalb Jahren deutlich gestiegen ist: von monatlich 0,7 Mrd EUR im Jänner 2024 auf jeweils über 1,6 Mrd EUR in den Monaten März, April und Mai 2026. Die Umfrage deutet damit auf eine weiterhin solide Neukreditvergabe im weiteren Verlauf hin.
Am deutlichsten wird die längerfristige Verschiebung im Themenfeld Klimawandel. Die Umfrage nimmt diesen Bereich jährlich besonders in den Blick, und die Ergebnisse zeigen auf der Nachfrageseite, dass der Finanzierungsbedarf der Unternehmen für Investitionen und Umstrukturierungen im Zusammenhang mit dem Klimawandel seit Mitte 2022 stetig zugenommen hat. In den nächsten zwölf Monaten soll er den Angaben zufolge weiter steigen. Dabei geht es sowohl um die Transition hin zu einer „grüneren“ Leistungserstellung als auch um Absicherungen gegen physische Risiken des Klimawandels. Auf der Angebotsseite führt der Klimawandel seit Mitte 2022 vor allem zu fortschreitenden Verschärfungen bei Unternehmen mit hohem CO2-Ausstoß; als wesentliche Ursache werden Kosten im Übergang zu einer ökologisch nachhaltigeren Wirtschaft genannt. Dazu zählen etwa rechtliche Rahmenbedingungen wie eine CO2-Steuer, aber auch betriebliche Anpassungen, weil Technologien mit bestehenden Umweltwirkungen von umweltverträglicheren Alternativen verdrängt werden.
Diese Verschärfungen bleiben nicht bei der theoretischen Risikobetrachtung stehen. Für die nächsten zwölf Monate kündigen die befragten Banken weitere Verschärfungen für Unternehmen mit hohem CO2-Ausstoß an und begründen sie zusätzlich mit physischen Risiken, zum Beispiel Extremwetterereignissen oder Umweltschäden, die den Wert von Unternehmensaktiva beeinträchtigen können. Dass die Geldpolitik dabei nicht als Haupttreiber erscheint, ist für Unternehmen und Banken strategisch relevant: Wenn der nächste Zinsimpuls nicht die Kreditkonditionen „umkippt“, rückt die Frage nach Finanzierungslösungen stärker in Richtung Umstrukturierungspfade, Investitionsplanung und Risikotransparenz. Die Umfrage selbst wird von den Zentralbanken des Euroraums gemeinsam durchgeführt: Seit Anfang 2003 werden viermal jährlich Informationen zum Kreditvergabeverhalten der Banken, zur Kreditnachfrage von Unternehmen und privaten Haushalten sowie zu weiteren geldpolitischen Themen erhoben. Befragt werden rund 160 führende Banken aus allen Ländern des Euroraums, darunter acht Institute aus Österreich; ein ausführlicher Bericht zu den österreichischen Ergebnissen erscheint in der Publikationsreihe OeNB Reports. Weitere Informationen und Daten zur Umfrage finden sich zudem auf der Seite zur Befragung über das Kreditgeschäft, während Resultate für den Euroraum bei der EZB veröffentlicht sind: ECB Bank Lending Survey.
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