BAHRAIN / LONDON (IT BOLTWISE) – Amazon Business knackt im zweiten Quartal annualisierte 60 Milliarden US-Dollar und zieht damit schon heute mehr als 11 Millionen Organisationen in den Einkaufsalltag. Parallel wächst jedoch der Druck auf die Anleger: Eine Studie beziffert die „versteckte“ Verschuldung großer Cloud-Anbieter auf 1,65 Billionen US-Dollar, getrieben unter anderem durch Leasingverträge für KI-Beschleuniger und Rechenzentren. Hinzu kommt ein gemeldeter Angriff auf Amazon-Infrastruktur im Nahen Osten, während der Markt auf mögliche Auswirkungen für den Cloud-Betrieb wartet. Das Ergebnis ist ein gemischtes Bild aus operativem Wachstum und Bilanz-/Betriebsrisiken in einer ohnehin angespannten Region.

Amazon liefert aktuell gleich zwei Signale, die sich gegenseitig nicht aufheben: Im operativen B2B-Geschäft setzt der Konzern klare Expansionsmarken, während zeitgleich Risiken in der Finanzierung und in der technischen Betriebsumgebung stärker in den Fokus rücken. Für Amazon Business nennt das Unternehmen im zweiten Quartal annualisierte Bruttoumsätze von mehr als 60 Milliarden US-Dollar. Allein diese Kennzahl dürfte für die Bewertung wichtig sein, weil sie den Weg weg von einer reinen Retail-Erzählung ebnet: Die Plattform ist inzwischen laut Angaben des Konzerns für über 11 Millionen Organisationen im Einsatz, und in der ersten Jahreshälfte 2026 sind zusätzlich 1,8 Millionen neue Organisationen hinzugekommen.
Bemerkenswert ist dabei, wie konkret Amazon Business seine Angebotstiefe erweitert: Für das laufende Jahr wird ein Wachstum des Sortiments um fast 30 Prozent genannt, mit Schwerpunkten bei Reparaturwerkzeugen, Frischwaren und Büromöbeln. Auch der Handel mit Konditionen spielt eine Rolle, weil der Konzern im vergangenen Jahr über spezielle Rabatte für Geschäftskunden mehr als 1 Milliarde US-Dollar eingespart sieht und Prime-Business-Mitglieder zusätzlich 880 Millionen US-Dollar an Versandkosten erhalten hätten. In der Praxis heißt das: Amazon verschiebt die Kaufentscheidung vieler Unternehmen schrittweise in eine laufende Einkaufsroutine, statt einzelne Bedarfe nur punktuell zu bedienen. Dass Konzerne wie Marriott und Carnival inzwischen zu den Nutzern zählen, zeigt zudem, dass Amazon Business nicht nur für kleine Betriebe skalieren muss, sondern bereits bei größeren, prozesslastigen Organisationen Fuß fasst.
Doch genau in dem Moment, in dem der Umsatzstrom im B2B wächst, steigt die Aufmerksamkeit für die zweite Ebene: die Finanzierung der KI- und Infrastrukturwellen. Eine Studie eines japanischen Finanzdienstleisters beziffert die „versteckte“ Verschuldung von Amazon, Alphabet, Microsoft, Meta Platforms und Oracle zusammengerechnet auf 1,65 Billionen US-Dollar. Laut Studie ist das etwa achtmal so viel wie noch vor vier Jahren – und der zentrale Treiber sind langfristige Leasingverträge für KI-Beschleuniger und Rechenzentren, die teils noch nicht vollständig in den klassischen Bilanzkennzahlen abgebildet sind. Für Anleger ist das deshalb relevant, weil Leasingzusagen zwar Zahlungsströme erzeugen, aber die Wahrnehmung über Kennzahlen wie Verschuldungsgrad, Investitionsintensität oder freie Cashflows kurzfristig verzerren kann.
Für Amazon selbst nennt die Studie keine einzelne Zahl zur „versteckten“ Verschuldung; trotzdem ordnet sich der Konzern in die Gruppe der Hyperscaler mit den größten Investitionsprogrammen für Rechenzentren und Energieversorgung ein. Aus Marktsicht wird die Branche ohnehin an mehreren Stellen „messbar“, selbst wenn einzelne Unternehmen keine detaillierte Einzelkennzahl liefern. So deuten steigende Kosten für Kreditausfallversicherungen bei Wettbewerbern wie Oracle darauf hin, dass der Kapitalmarkt Risiken solcher Investitionszyklen genauer bepreist. Wenn KI-Infrastruktur kurzfristig teurer wird oder sich Auslastung und Lieferzeiten anders entwickeln als geplant, können genau diese Risikoaufschläge den Handlungsspielraum beim Refinanzieren künftig verengen.
Als zusätzlicher Störfaktor kommt die geopolitische Dimension hinzu: Im Zuge der anhaltenden militärischen Auseinandersetzungen zwischen den USA und Iran melden iranische Staatsmedien einen Angriff auf Amazon-Infrastruktur im benachbarten Bahrain. Details zum Ausmaß der Beeinträchtigung blieben zunächst offen, dennoch ordnet sich der Vorfall in eine Serie von Attacken auf Handelsschiffe und militärische Einrichtungen in der Straße von Hormus ein. Für Cloud-Betrieb bedeutet das: Selbst wenn es „nur“ einzelne Standorte betrifft, können bereits routing- und capacity-nahe Effekte auftreten – etwa durch Service-Resilienzmechanismen, kurzfristige Umverteilungen von Last oder Anpassungen in der Netzwerkbereitstellung. Wie stark der Cloud-Betrieb dadurch in der Region wirklich berührt wird, dürfte sich laut Lage erst in den kommenden Tagen zeigen, sobald Monitoringdaten, Latenzmetriken und Ticket-Volumen in den Betriebskanälen sichtbar werden.
In Summe ergibt sich damit ein Bild, das für die Bewertung der Amazon-Aktie nicht nur „Wachstum“ oder „Gegenwind“ gegeneinander stellt, sondern die Reihenfolge der Risiken genauer macht. Auf der positiven Seite steht eine weiter skalierende B2B-Plattform mit klaren Nutzerdaten und spürbarer Angebotsbreite; auf der anderen Seite stehen Finanzierungseffekte rund um KI-Investitionen, bei denen Leasingverträge die Transparenz zu kurzfristigen Kennzahlen verschieben können. Dazu kommt eine regionale Unsicherheit, die nicht aus der Unternehmensstrategie selbst entsteht, aber sehr wohl in den laufenden Betrieb hineinspielen kann. Für Unternehmen als potenzielle Cloud-Kunden dürfte diese Mischung vor allem eine Frage aufwerfen: Wie robust sind SLA- und Kapazitätszusagen in einer Lage, in der sowohl Investitionszyklen als auch externe Faktoren gleichzeitig wirken?
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