HARWELL (OXFORDSHIRE) / LONDON (IT BOLTWISE) – Ein internationales Forscherteam hat gezeigt, wie sich bestehende Radio-Teleskope als unabhängige Radar-Receiver nutzen lassen, um Satelliten und Weltraumschrott in geostationären Umlaufbahnen deutlich besser zu erkennen. Besonders für GEO, rund 37.000 Kilometer über der Erde, fehlen bislang oft die nötige Sensitivität und der schnelle Echtzeit-Blick. Das Long Baseline Multistatic Radar kombiniert dafür verteilte Funkanlagen und verarbeitet Messdaten live. Damit rückt eine operative, kosteneffiziente „Capability-Multiplication“ in den Fokus, statt nur in Laborprototypen zu bleiben.

In der Praxis ist Weltraumüberwachung längst mehr als eine reine „Tracking“-Aufgabe. Sobald sich Satelliten, inaktive Raumfahrzeuge und andere Trümmer in Umlaufbahnen überlagern, wird aus dem reinen Beobachten eine Sicherheits- und Betriebsfrage: Wer zu spät erkennt, dass in der Nähe eine potenzielle Kollision oder Störung droht, riskiert Ausfallzeiten bei Kommunikation, Navigation oder Wetterdaten. Genau hier setzt das Long Baseline Multistatic Radar (LBMR) an und versucht, die Detektion und Charakterisierung von Objekten in geostationären Umlaufbahnen (GEO) spürbar zu verbessern. GEO ist dabei kein Randfall: Dort liegen viele besonders wertvolle Assets, darunter Satelliten für militärische, staatliche sowie kommerzielle Kommunikation, Navigations- und Wetterdienste.
Technisch betrachtet ist das Kernproblem die Signalökonomie. Während klassische Radarsysteme Objekte in niedrigen Erdumlaufbahnen (LEO) noch vergleichsweise zuverlässig verfolgen können, verlangt GEO wegen der Entfernung von rund 37.000 km eine deutlich höhere Senderleistung, um ausreichend starke Echos zu erzeugen. Ohne diese „kräftige“ Funkbrücke wird es schwer, selbst kleinere Objekte zuverlässig zu erkennen oder ihre Eigenschaften so zu bestimmen, dass Betreiber fundierte Entscheidungen treffen können. LBMR löst das nicht durch den Bau eines einzelnen, hochspezialisierten Radars, sondern durch die Umnutzung vorhandener Infrastruktur: Radio-Teleskope werden als unabhängige Radar-Receiver integriert, die als Teil eines multistatischen Setups Messungen aus getrennten Richtungen liefern. Die erhoffte Wirkung ist entsprechend drastisch: Laut Projektbeschreibung soll die Sensitivität mehr als zehnfach steigen und damit die Detektion kleinerer Objekte auch in größeren Entfernungen ermöglichen.
Besonders interessant ist dabei die Echtzeit-Orientierung der Demonstration. Das LBMR-Projekt zeigt, dass verteiltes Sensing nicht nur im Off-Labor-Kontext funktioniert, sondern in einem Live-Ablauf Daten verarbeitet, während Vertreter aus Regierung, Verteidigung und Industrie die Radar-Demonstrationen verfolgen. Übertragen auf den operativen Alltag bedeutet das: Betreiber benötigen nicht nur ein „nachträgliches“ Bild der Umlaufbahn, sondern eine fortlaufende, konsistente Sicht auf die Umgebung, damit sich Risiken zeitnah bewerten lassen. Um das zu erreichen, mussten die Partner vor allem Synchronisation, verteilte Messwerterfassung und die Verarbeitung der Signale aufeinander abstimmen. Genau diese Kopplung adressiert LBMR: Es verbindet UK- und internationale Anlagen zu einem System, das Messungen synchronisiert und in eine verwertbare Echtzeitdarstellung überführt.
Für die Umsetzung greift das Projekt auf bedeutende britische Forschungs- und Kommunikationsinfrastruktur zurück. Genannt werden unter anderem das 76-metre Lovell Telescope am Jodrell Bank Observatory sowie das e-MERLIN-Radio-Teleskopnetz. Ergänzend kommt eine 30-m GES-Satellitenkommunikationsantenne zum Einsatz, wodurch sich die Demonstration auch als Beispiel für „Dual Use“ lesen lässt: Einrichtungen, die primär für Wissenschaft oder Kommunikation aufgebaut wurden, können bei Bedarf die Rolle von Sensor-Knoten übernehmen. Die Live-Demonstration fand am European Space Agency ECSAT-Facility in Harwell (Oxfordshire) statt. Damit wird zugleich deutlich, warum multistatische Ansätze gerade im Kontext der GEO-Überwachung attraktiv sind: Statt nur eine Kette aus Sender und Empfänger zu optimieren, wird das Messsystem so erweitert, dass unterschiedliche Empfangspfade ein vollständigeres Bild liefern.
Der Projektkontext erklärt außerdem, warum es für die Sicherheits- und Raumfahrtindustrie strategisch relevant ist. LBMR wird vom UK Space Agency gefördert und arbeitet mit einem breiten Partnerkonsortium, darunter Experten aus Universitäten sowie weiteren Forschungseinrichtungen, die sowohl technische Radar-Expertise als auch Funk- und Systemkompetenz einbringen. Dazu zählen unter anderem die University of Manchester, die Goonhilly Earth Station, das MIT Lincoln Laboratory sowie die australische nationale Wissenschaftsorganisation CSIRO. In der Summe entsteht ein Netzwerk, das auf vorhandene Stärken setzt, statt neue Plattformen komplett von Grund auf aufzubauen. Für Unternehmen und Entwicklungsteams ist das insofern spannend, als sich damit der Aufwand für neue Sensorik-Wellen reduzieren kann: Wenn bestehende Anlagen als Receiver-Elemente nutzbar werden, sinkt die Eintrittsbarriere für MLOps-ähnliche, datenintensive Workflows in der Sensorverarbeitung – zumindest im Vergleich zu einer komplett separaten Radarinfrastruktur.
Historisch betrachtet folgt LBMR einer Entwicklungslinie, die bei Radar und Funkmessungen schon seit Jahren sichtbar ist: weg von einzelnen, monolithischen Messsystemen hin zu verteilten Setups, die mit besserer Signalverarbeitung und robusteren Synchronisationsverfahren aus komplexen Messgeometrien mehr Informationsgehalt ziehen. Der Schritt hin zur GEO-Fähigkeit ist dabei vor allem eine Frage der erreichbaren Sensitivität pro verarbeiteter Datenrate. Wenn LBMR tatsächlich die „mehr als zehnfache“ Steigerung erreicht, verschiebt sich die Schwelle dessen, was technisch und operativ beobachtbar wird – also etwa, wie gut sich kleinere Objekte in relativer Nähe von GEO-Assets charakterisieren lassen. Für Betreiber bedeutet das potenziell weniger Blindzonen und schnelleres Reagieren bei Anomalien, etwa wenn nichtkooperative Objekte oder Trümmerlagen das Risiko erhöhen.
Ob die Demonstration in einen breiten Rollout übergeht, hängt nun an zwei Punkten: der Wiederholbarkeit im Dauerbetrieb und der Integration in bestehende operative Prozesse. LBMR liefert bereits ein Argument für die Skalierbarkeit über vorhandene Assets und die Zusammenarbeit über Länder- und Institutsgrenzen hinweg. Gleichzeitig bleibt die technische Herausforderung, solche verteilten Multistatic-Setups für wechselnde Beobachtungsfenster und unterschiedliche Signalbedingungen dauerhaft zuverlässig zu betreiben. Wenn das gelingt, hätten Entscheider im Raumfahrt- und Sicherheitsbereich einen neuen Hebel, um „congested and contested space“ nicht nur zu beobachten, sondern handlungsfähig zu managen – mit einem Ansatz, der auf Radarprinzipien setzt, sie aber mit Radioastronomie-ähnlicher Sensorik und Echtzeitverarbeitung neu kombiniert.
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