BERLIN / LONDON (IT BOLTWISE) – Die Bundesregierung will Startups und Scaleups künftig gezielt in ihrer Wachstumsphase unterstützen. Im Zentrum steht erstmals der Bereich Sicherheit und Verteidigung, verbunden mit besseren Wegen zu Wachstumskapital. Dazu soll der Ausbau des Deutschlandfonds helfen, während Projekte zur „Schneller Gründen“-Digitalisierung Verwaltungsprozesse durchgehend erfassen sollen. Branchenvertreter begrüßen den Kurs, verlangen aber Tempo bei der Umsetzung.

Neue Startup- und Scaleup-Strategie: Staat fördert Sicherheit, Finanzierungszugang und Bürokratieabbau
Neue Startup- und Scaleup-Strategie: Staat fördert Sicherheit, Finanzierungszugang und Bürokratieabbau (Foto: IT BOLTWISE)
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Die neue Startup- und Scaleup-Strategie der schwarz-roten Koalition setzt einen klaren Schwerpunkt: Wachstum soll planbarer werden, bevor erfolgreiche Gründungen für ihre internationale Expansion ins Ausland abwandern. Hintergrund ist, dass sich der Finanzierungspfad in Europa und Deutschland für junge Unternehmen zunehmend unruhig zeigt. So weist das im Text genannte Start-up-Barometer für das erste Halbjahr 2026 zwar einen Anstieg auf rund 5,3 Milliarden Euro eingesammeltes Risikokapital aus, gleichzeitig sinkt aber die Zahl der Finanzierungsrunden um elf Prozent. Genau diese Schere – mehr Geld, aber weniger Runden – ist für viele Teams in der frühen bis mittleren Wachstumsphase gefährlich, weil sie sich für jedes weitere Runterbrechen von Risiken stärker rechtfertigen müssen.

Ein zentraler Hebel ist die Verbreiterung des Zugangs zu Wachstumskapital über staatliche Absicherung. Der Text nennt hierfür den Ausbau des Deutschlandfonds, der als Förder- und Absicherungsprogramm funktioniert: Staatliche Garantien sollen das Investitionsrisiko reduzieren, damit privates Kapital überhaupt erst in Zukunfts- und Infrastrukturprojekte in Deutschland fließt. Der Fonds ist dabei auf eine Größenordnung ausgelegt, die laut Strategiepapier bis zu 130 Milliarden Euro an privatem Kapital mobilisieren soll. Für Startups bedeutet das nicht automatisch mehr Kapital „pro Deck“, aber es zielt darauf, Investitionen robuster zu machen – und damit die Hürde zu senken, wenn Risikoprämien steigen oder Märkte in einzelnen Segmenten austrocknen.

Besonders auffällig ist die neue Ausrichtung im Sicherheits- und Verteidigungsbereich. Im Strategiepapier wird ausdrücklich erstmals dieser Bereich in den Fokus der staatlichen Förderung genommen, und der Text koppelt das an eine geopolitische und wirtschaftliche Dynamik, die auch im Technologiesektor spürbar ist. Im Technologiesegment zeigt der EY-Report laut dem vorliegenden Text ein starkes Investorennarrativ: Technologiegetriebene Startups sind „Lieblinge der Investoren“, und zusätzlich zieht der Verteidigungssektor Zuflüsse in Höhe von 579 Millionen Euro im ersten Halbjahr an. Daraus leitet die Bundesregierung ab, ein spezielles Direktbeteiligungsvehikel für Startups aus der Sicherheits- und Verteidigungsindustrie aufzulegen und den Zugang zu öffentlichen Aufträgen zu erleichtern – ein Schritt, der für junge Firmen besonders relevant ist, weil die ersten großen Referenzen häufig aus der öffentlichen Beschaffung kommen.

Parallel dazu adressiert die Strategie ein Problem, das über Geldfragen hinausgeht: Bürokratie. Das Projekt „Schneller Gründen“ soll Verwaltungsprozesse durchgängig digitalisieren. In der Praxis bedeutet das weniger Medienbrüche zwischen Formularen, Datenbanken und Genehmigungswegen – und damit potenziell schnellere Time-to-Market-Kaskaden, etwa wenn Gesellschaftsgründung, steuerliche Erfassung oder weitere Registerschritte nicht mehr als separate Projektbausteine betrachtet werden müssen. Dazu kommt der Textanforderung nach eine europäische Harmonisierung: Eine einheitliche Rechtsform soll grenzüberschreitende Aktivitäten erleichtern. Das ist strategisch, weil Skalierung in vielen Geschäftsmodellen nicht an einer nationalen Grenze endet, sondern zunächst über Vertrieb, Partnerschaften und Kundenanforderungen international „vor die Tür“ kommt.

Beim Thema Finanzierung bleibt die Strategie aber nicht auf klassische Venture-Runden begrenzt. Der Text nennt ausdrücklich, dass Wagniskapital-Investitionen auch in der Altersvorsorge eine größere Rolle spielen sollen. Zusätzlich sollen Stiftungen leichter in Startups investieren können. Diese beiden Punkte sind vor allem dann entscheidend, wenn der Markt – wie im Text beschrieben – verstärkt in „sichere Wetten“ und wenige Mega-Deals mit Volumen von über 50 Millionen Euro geht. Wenn Kapital sich auf wenige sehr große Runden konzentriert, leiden kleinere Unternehmen nicht nur an Bewertungsfragen, sondern auch an Liquiditätstakten: Manche Teams schaffen es dann nicht, bis die nächste Runde „verlässlich“ geschlossen ist. Mit der Ausweitung potenzieller Investorengruppen will die Strategie das Fundament der Gründerszene in der Breite stärken.

Ganz konkret in den Arbeitsmarkt greift die Strategie über den Fachkräftemangel, der im Text als abschließendes Thema adressiert wird. Dazu gehört, dass flexiblere Kündigungsregeln für hoch vergütete Arbeitsverhältnisse vorgesehen sind und steuerliche Rahmenbedingungen für die Mitarbeiterkapitalbeteiligung verbessert werden sollen. Das zielt auf einen Wettbewerbsvorteil im globalen Kampf um Talente, weil Startup-Teams sich häufig zwischen Planbarkeit und Attraktivität der Vergütung entscheiden müssen. Wenn Arbeitsrechtliche Spielräume steigen und Beteiligungsmodelle steuerlich attraktiver gestaltet werden, kann das die Zugkraft erhöhen – gerade dann, wenn andere Wirtschaftsbereiche hohe Jobverluste verzeichnen und Fachkräfte sich neu orientieren.

Wie stark der Plan tatsächlich wirkt, hängt jedoch an der Umsetzungstaktung. Der Text dokumentiert eine geteilte Rezeption: Helmut Schönenberger vom Startup-Verband bewertet den Schritt als entscheidend, aber knüpft die Erwartung an „Realität“ aus dem Papier: Aus dem Text wird wörtlich, dass es jetzt darauf ankomme, was daraus folge, und dass Gesetze rasch nachgezogen werden müssten. Der Bundesverband Beteiligungskapital (BVK) spricht dem Vorhaben Eignung zu, die Wettbewerbsfähigkeit des Standorts nachhaltig zu stärken und mehr privates Kapital für Innovationen zu mobilisieren, warnt aber ebenfalls vor der fehlenden gesetzlichen Fortsetzung. Auch Bitkom begrüßt den Fokus auf Wachstumsfinanzierung, Bürokratieabbau, die Verzahnung mit der Wissenschaft sowie die Internationalisierung – weist gleichzeitig darauf hin, dass bereits ein Viertel der Legislaturperiode vergangen sei und noch viele Punkte offen seien. Für Unternehmen heißt das: Die Richtung ist klar, der Nutzen entscheidet sich an Zeitplan, Detailausgestaltung und daran, wie schnell aus Strategiepapieren umsetzbare Verfahren werden.

Für Startups und Scaleups ergibt sich damit ein mehrdimensionaler Ansatz, der technologische Themen mit Standortlogik verknüpft. Die Kombination aus größerer Kapitalverfügbarkeit (durch Garantien und breitere Investorengruppen), schnelleren Gründungs- und Verwaltungswegen (Digitalisierung und europäische Rechtsform) sowie einem gezielten Zugangspfad in die Sicherheits- und Verteidigungsindustrie schafft potenziell neue Einstiegshürden für Teams, die bisher an Finanzierungstakt und Beschaffungszyklen scheiterten. Gleichzeitig bleibt es eine Frage, wie die einzelnen Instrumente praktisch zusammenspielen: Wenn digitale Prozesse reibungslos laufen, aber öffentliche Ausschreibungen weiterhin lange nachziehen, verpufft Wirkung. Umgekehrt kann Kapital helfen, wenn administrative Hürden fallen. Entscheidend wird daher sein, ob die Regierung im nächsten Schritt die angekündigten Maßnahmen in konkrete Programme, Fristen und Gesetzesvorlagen übersetzt und damit den Finanzierungskorridor für Wachstumsphasen tatsächlich stabilisiert.


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