BOCHUM / LONDON (IT BOLTWISE) – Die BaFin untersagt einer der größten Sterbekassen Deutschlands das Neugeschäft. Auslöser sind Abschreibungen in Höhe von rund 30 Millionen Euro, die vor allem aus Immobilieninvestitionen in Pflegeheimen stammen. Betroffen ist unter anderem die künftige Bewertung der Eigenmittelsituation und damit die Sicherheit für die Mitglieder. Für den Bochumer Versicherungsverein auf Gegenseitigkeit steht nun die Frage im Raum, wie schnell die Bilanz wieder belastbar wird.

Die BaFin greift bei einer der größten Sterbekassen Deutschlands ein: Dem Bochumer Versicherungsverein auf Gegenseitigkeit (BVaG) wurde das Neugeschäft untersagt. Solche Maßnahmen wirken für Versicherungsvereine besonders einschneidend, weil sie nicht nur ein einzelnes Produkt betreffen, sondern die Fähigkeit, neues Geschäft aufzubauen, unmittelbar abwürgen. Der Verein zählt rund 120.000 Mitglieder und gehört damit zu den großen Akteuren in einem Marktsegment, das im Alltag oft im Schatten klassischer Lebensversicherer steht.
Im Kern geht es um eine Verschlechterung der finanziellen Basis. Berichten zufolge liegt die Ursache bei Abschreibungen in Höhe von rund 30 Millionen Euro, die der Verein im Zuge notwendiger Wertkorrekturen vornehmen muss. Nach dem vorliegenden Kontext sollen die Verluste vor allem bei Immobilieninvestitionen in Pflegeheimen entstanden sein. Damit verschiebt sich der Fokus von der versicherungstechnischen Leistung hin zur Kapitalanlage: Wenn Immobilienwerte unter Druck geraten, schlagen Bewertungsanpassungen zeitnah auf die Eigenmittelsituation durch und können selbst bei stabilen Leistungsversprechen zu einem Aufsichtsthema werden.
Für Sterbekassen ist diese Kopplung an die Kapitalanlage besonders relevant, weil ihre Geschäftsmodelle anders aufgebaut sind als viele erwarten. Mitglieder schließen ausschließlich eine Sterbegeldversicherung ab, die auf 8.000 Euro begrenzt ist. Stirbt ein Mitglied, wird eine festgelegte Summe ausgezahlt, mit der Angehörige das Begräbnis bezahlen können. Gleichzeitig existieren häufig Überschüsse, die an die Mitglieder zurückfließen. Genau diese Mechanik macht Bewertungsfragen heikel: Schon vergleichsweise “kleine” prozentuale Änderungen bei Immobilienwerten können im Gesamtsaldo spürbar werden, wenn der Bestand groß ist und die Kapitalanlagen einen erheblichen Teil der Steuerungslogik übernehmen.
Der BVaG bestätigt, dass es Abschreibungsbedarf in seinem Kapitalanlageportfolio gibt. In der Kommunikation anfragenbezogen heißt es, dass Wertberichtigungen und Bewertungsanpassungen wesentlich zur aktuellen Eigenmittelsituation beigetragen hätten. Die abschließende Bewertung soll im Rahmen laufender Abstimmungen mit Wirtschaftsprüfer, Aktuar und Aufsicht erfolgen. Technisch ist das ein vertrauter Ablauf in der Versicherungsaufsicht: Bewertungsannahmen werden geprüft, die Auswirkungen auf Kennzahlen wie Eigenmittel und Solvabilität werden nachvollzogen, und es wird geklärt, ob Wertminderungen ausreichend konservativ angesetzt wurden und wie sie sich zeitlich und bilanziell auswirken.
Die BaFin bestätigt zwar keine Details zum konkreten Fall, verweist aber auf systemische Probleme bei Sterbekassen. Das ist insofern bedeutsam, als es die Maßnahme über den Einzelfall hinaus politisch und regulatorisch rahmt. Wenn eine Aufsicht das Neugeschäft stoppt, steht meist im Hintergrund die Frage, ob die laufende Finanzierung und der Ausbau des Bestands mit der aktuellen Risikosituation vereinbar sind. Für den BVaG bedeutet das: Auch wenn zunächst “nur” das Neugeschäft untersagt wird, kann aus Sicht der Aufsicht bei anhaltender Schwäche der Erlaubnisentzug und eine Abwicklung folgen. Laut der Darstellung wird zudem geprüft, wie hoch der Abschreibungsbedarf tatsächlich ist und welche Auswirkungen er auf die Mitglieder hat.
Historisch sind Sterbekassen oft als Vereine auf Gegenseitigkeit organisiert und haben eine lange Tradition. Der BVaG wurde 1968 von Mitarbeitern der Montanindustrie gegründet und zählt heute 120.000 Mitglieder. Diese Verwurzelung im Vereinsprinzip erklärt teilweise, warum das Thema in der öffentlichen Wahrnehmung häufig als eher lokal oder “klassisch” erscheint. Doch die aktuelle Entwicklung zeigt, dass auch etablierte Strukturen nicht immun gegen Bewertungszyklen sind. Gerade bei Pflegeheim-Immobilien kann das Zusammenspiel aus Miet- und Betreiberannahmen, Refinanzierungskosten und regionalen Erlösrisiken zu deutlich stärkeren Wertanpassungen führen als in stabilen Asset-Segmenten.
Für Unternehmen, die in der Versicherungsinfrastruktur tätig sind, lohnt sich der Blick auf die operativen Konsequenzen: Abschreibungen dieser Größenordnung bedeuten nicht nur Bilanzkorrekturen, sondern auch zusätzlichen Prüf- und Abstimmungsaufwand entlang der Wertfindung, der Dokumentation und der Governance. Aktuarielle Modelle müssen im Licht neuer Bewertungsansätze plausibilisiert werden, das Risikomanagement braucht klare Annahmen für die Fortführung der Kapitalanlage, und die Kommunikation gegenüber Mitgliedern wird sensibel, sobald konkrete Auswirkungen auf Leistungen oder Konditionen möglich werden. Gleichzeitig ist das ein Signal für den gesamten Markt: Kapitalanlageportfolios werden stärker als früher auf Bewertungs- und Liquiditätsrisiken hin “aufsichtsnah” betrachtet.
Damit steht der BVaG vor einer doppelten Aufgabe: kurzfristig muss die Abschreibungslogik belastbar abgeschlossen werden, damit die Eigenmittelsituation nachvollziehbar und ausreichend bewertet ist. Langfristig entscheidet sich, ob das Sterbekassengeschäft wieder wachsen kann, ohne das Risikoprofil der Kapitalanlage erneut in einen Bereich zu bringen, der für die Aufsicht nicht akzeptabel ist. Aus dem aktuellen Schritt der BaFin lässt sich jedenfalls ableiten, dass Bewertungsrisiken in Immobilienbeständen bei Versicherungsvereinen den Charakter von “Bilanzposten” verlieren und zu einem direkten Steuerungshebel werden.
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