SÜDTEXAS / LONDON (IT BOLTWISE) – Trotz erfolgreicher Raketenstarts und neuer Satellitenabwürfe rutscht die SpaceX-Aktie auf ein neues Jahrestief. Am Kursverlauf wird sichtbar, wie stark sich operative Fortschritte und Investorenerwartungen gerade auseinanderentwickeln. Technisch bereiten Teams in Texas den nächsten Starship-Vorstoß vor, während der Markt parallel auf das Startfenster für Flug 13 sowie auf die auslaufende Lock-up-Frist Anfang August schaut. Für Anleger wird damit ausgerechnet der nächste Test zum Stimmungstreiber.

Die SpaceX-Aktie gerät aktuell unter Druck, obwohl das operative Tagesgeschäft zuletzt nach Plan lief. Zeitweise fiel das Papier am Mittwoch auf 102,32 Euro, den tiefsten Stand seit dem Börsengang. Zum Handelsschluss stand ein Minus von 5,52 Prozent bei 102,38 Euro; damit liegt der Kurs knapp die Hälfte unter dem Hoch von 194,46 Euro, das erst Mitte Juni erreicht wurde. Für viele Marktteilnehmer ist das ein klassisches Spannungsfeld zwischen Ergebnissen „am Himmel“ und Bewertung „auf dem Parkett“.
Genau diese Diskrepanz wird an den jüngsten Missionen deutlich: Am Dienstag startete SpaceX innerhalb weniger Stunden zwei Falcon-9-Missionen. Von Vandenberg aus brachte die Rakete die Starlink-Mission 17-39 ins All, nachdem ein früherer Startversuch wegen eines Triebwerksabbruchs verschoben worden war. Von Cape Canaveral setzte eine zweite Falcon 9 das „Mission Robotic Vehicle“ aus, eine Servicedrohne für die Lebensverlängerung geostationärer Satelliten – ein Segment, in dem sich der Nutzen von Orbit-Dienstleistungen erst über langfristige Betriebsphasen amortisiert. Gleichzeitig verweist die Kursentwicklung nicht auf fehlende Lieferfähigkeit, sondern auf einen anderen Treiber: verstärkte Leerverkäufe und die schrittweise Freigabe gesperrter Aktien nach dem Börsengang.
Technische Indikatoren untermauern, dass der Markt das Risiko kurzfristig höher einpreist. Der RSI liegt bei 33,2 und signalisiert damit eine überverkaufte Aktie. Noch deutlicher wird die Nervosität über die 30-Tage-Volatilität, die bei 90,25 Prozent liegt – ein Niveau, das typisch für Phasen ist, in denen Anleger hektisch Positionen drehen und Erwartungen in kurzen Zeitfenstern neu bewerten. In solchen Phasen reicht ein einzelner operativer Erfolg oft nicht aus, um die kurzfristige Verkaufslogik zu drehen, zumal die Kursbildung zusätzlich von dem Angebot an neu handelbaren Aktien beeinflusst wird.
Während sich die Aktie also „ausverkauft“, meldet Starbase in Südtexas parallel Fortschritte bei Starship-Tests. Booster 20 steht bereits auf der Startrampe für den nächsten Flug; gleichzeitig rollte Booster 21, vorgesehen für Flug 14, nach erfolgreichem Kryo-Test vom Massey’s-Testgelände zurück. Diese parallele Bearbeitung zweier Super-Heavy-Booster ist mehr als nur Tempo – sie passt zu dem Ziel, die Abstände zwischen den großen Flugtests zu verkürzen. Das ist entscheidend, wenn das Wiederverwendungskonzept von Starship wirtschaftlich skalieren soll: Nicht jeder Test muss perfekt in jeder Kennzahl sein, aber die Iterationsgeschwindigkeit entscheidet darüber, wie schnell technische Risiken in Serienqualität „ausgerollt“ werden.
Im Zentrum steht für die nächsten Tage jedoch Booster 20. Er soll im Startfenster ab Donnerstag, dem 23. Juli, zu Starship-Flug 13 abheben. Nach einem Startabbruch am 16. Juli – vier Raptor-Triebwerke zündeten zum Zeitpunkt T-0 nicht korrekt – haben Ingenieure mindestens zwei bis drei Raptor-3-Triebwerke am Booster ausgetauscht. Flug 13 ist außerdem mit einem klaren Nutzlastziel verbunden: Der Flug soll 20 Starlink-V3-Satelliten transportieren. Laut Angaben zur Produktgeneration zielt Starlink V3 auf eine zehnfache Kapazität gegenüber bisherigen V2-Mini-Modellen und dient zugleich als Testbett für Hardware- und Software-Updates, die nach Abschluss der von der FAA überwachten Untersuchung zum Zwischenfall bei Flug 12 eingeführt werden.
Parallel dazu bleibt die Anlegererzählung politisch und strategisch aufgeladen. Cathie Wood von ARK Invest hält in der aktuellen Debatte an ihrer These fest und beschreibt SpaceX nicht als klassischen Raketenanbieter, sondern als KI-Infrastrukturspieler. Ihre Argumentation lautet sinngemäß: Starlink V3 könnte den Weg zu „orbitalen Rechenzentren“ ebnen – also zu einer Erweiterung des bestehenden Breitbandgeschäfts weit über reine Satellitenkommunikation hinaus. Damit verschiebt sich der Bewertungsmaßstab: Nicht nur Startkosten und Frequenzen zählen, sondern die Frage, wie schnell aus Netzkapazität eine dauerhafte, softwaregetriebene Plattformleistung werden kann.
Für den Markt rückt jetzt das 90-minütige Startfenster von Flug 13 in den Fokus, das morgen um 18:45 Uhr Ostküstenzeit öffnet. Ein erfolgreicher Test gilt als möglicher Wendepunkt für die Marktstimmung – vor allem, weil Anfang August die Lock-up-Frist ausläuft und weitere Aktienpakete handelbar werden. Genau in solchen Zeitfenstern entscheidet sich oft, ob sich die Kursreaktion der vergangenen Tage als „Übertreibung“ entpuppt oder ob sie ein tiefer liegendes Bewertungsproblem markiert. Bis dahin bleibt das Bild widersprüchlich: operative Fortschritte nehmen zu, doch der Aktienkurs reagiert mit erhöhter Volatilität und klarer Unterbewertung gegenüber dem jüngsten Hoch.
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