BERLIN/MÜNCHEN / LONDON (IT BOLTWISE) – Im ersten Halbjahr hat Bayern seine installierte Windleistung um 59 Megawatt erhöht und damit den Ausbau wieder sichtbar beschleunigt. Prozentual wächst der Zubau zwar deutlich, bundesweit bleibt Bayern aber nur für etwa 3 Prozent des Nettozubaus verantwortlich. Bremsend wirkt vor allem das Zuschlagsvolumen: 86 Megawatt sind im aktuellen Rahmen nur ein Bruchteil der Bundesmenge. Gleichzeitig spricht das Wirtschaftsministerium von mehr als 1.000 Anlagen in der Pipeline, ein großer Teil aber wartet noch auf Genehmigung oder Inbetriebnahme.

Windenergie in Bayern legt zu, doch beim Zubau bleibt der Freistaat bundesweit Schlusslicht
Windenergie in Bayern legt zu, doch beim Zubau bleibt der Freistaat bundesweit Schlusslicht (Foto: IT BOLTWISE)
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Bayern erlebt bei der Windenergie derzeit eine zweigeteilte Dynamik: Die Zahlen zeigen zwar ein klares Plus, doch im bundesweiten Vergleich fällt der Fortschritt im gleichen Atemzug deutlich kleiner aus. Für das erste Halbjahr weist eine aktuelle Bilanz der Branchenverbände BWE und VDMA Power Systems sowie der Fachagentur Wind und Solar einen Zuwachs von 59 Megawatt bei der installierten Leistung im Freistaat aus. Insgesamt gingen 11 Anlagen in Betrieb, eine wurde stillgelegt. Rein prozentual steigt der Zubau damit zwar um mehr als 40 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum, aber die absolute Einordnung relativiert den Effekt: Bayern verantwortet nur rund 3 Prozent des Nettozubaus bundesweit.

Technisch und planerisch ist das ein Muster, das viele Regionen kennen, die zwar in einzelnen Schritten wachsen, aber dennoch unter der bundesweiten Ausbaugeschwindigkeit bleiben. Im direkten Vergleich zeigt sich das deutlich: Nordrhein-Westfalen kommt auf einen Nettozubau von 502 Megawatt, Niedersachsen auf 381 Megawatt und Schleswig-Holstein auf 340 Megawatt. Selbst Baden-Württemberg, das bei Windkraft ungünstigere Bedingungen als die nördlichen Länder hat, erreicht 169 Megawatt. Interessant ist zugleich, dass Bayern beim Bestand an Windenergieanlagen eher besser dasteht: 1.182 Windräder liefern zusammen 2,8 Gigawatt, das entspricht etwa 4 Prozent des bundesweiten Werts. Daraus lässt sich lesen, dass der Freistaat seinen Anlagenpark langfristig aufgebaut hat, der aktuelle Zuwachs aber langsamer ausfällt als in mehreren Ausbau-Regionen.

Ein zentraler Hebel hinter dem Wiederanspringen ist die bundesweit beachtete 10-H-Regel zum Abstand von Windkraftanlagen zur Wohnbebauung. Laut dem Bericht führte diese Regel zeitweise dazu, dass der Ausbau in Bayern praktisch zum Erliegen kam. Seitdem die Abstandsregel nicht mehr gilt, steigen die Zahlen wieder. Damit verschiebt sich auch das Bild bei Genehmigungen: Bei den Genehmigungen für Windräder erreicht Bayern 742 Megawatt und liegt damit bundesweit auf Rang vier. Besonders auffällig ist dabei der Hinweis auf besonders schnelle Genehmigungen. Für die Praxis heißt das: Der Engpass liegt weniger in der formalen Genehmigungstätigkeit, sondern eher in der Frage, ob die Projekte nach dem Genehmigungsprozess tatsächlich gebaut und ans Netz gebracht werden.

Genau an dieser Stelle wird der Ausbau politisch und wirtschaftlich. Der Bericht macht klar, dass es vor allem davon abhängt, ob Zuschläge für eine garantierte Abnahme des Stroms erzielt werden. Beim Zuschlagsvolumen schneidet Bayern derzeit jedoch eher schlecht ab: 86 Megawatt sind nur ein kleiner Bruchteil der bundesweiten Mengen und liegen um rund zwei Drittel unter dem Niveau des Vorjahreszeitraums. Damit entsteht ein klassischer Zielkonflikt in der Windenergie-Entwicklung: Ohne ausreichende Zuschläge fehlt dem Projektentwickler häufig die Finanzierungssicherheit, während die Genehmigungsbehörden im Hintergrund bereits Fortschritte produzieren. Auch das erklärt, warum ein Land trotz guter Genehmigungszahlen beim realisierten Nettozubau zurückbleiben kann.

Das bayerische Wirtschaftsministerium setzt demgegenüber auf den Projektvorrat und argumentiert mit einer breiten Pipeline. Stand 31. Mai nennt das Ministerium mehr als 1.000 Windenergieanlagen, von denen rund zwei Drittel mit mindestens 4,1 Gigawatt beantragt und noch nicht genehmigt sind. Ein weiteres Drittel mit rund 2,5 Gigawatt sei genehmigt, aber noch nicht in Betrieb. Diese Aufteilung ist für die Steuerung relevant, weil sie unterschiedliche Zeitachsen beschreibt: Beantragte Projekte müssen erst durch Genehmigungs- und Planungsrunden; genehmigte Projekte hängen dagegen stärker an Baukapazitäten, Lieferketten, Netzanschlüssen und eben den Zuschlägen. In den jüngsten Ausschreibungsrunden sieht auch das Ministerium ein Defizit und bezieht sich auf die Forderung, süddeutsche Standorte stärker zu berücksichtigen.

Der politische Schwerpunkt liegt dabei auf der Verknüpfung von Standortpolitik und Ausschreibungslogik. Minister Hubert Aiwanger (Freie Wähler) kritisierte Ende Juni sinngemäß, dass Bayern Windräder bauen wolle, der Bund es aber blockiere, und betonte, dass Strom dort erzeugt werden müsse, wo er gebraucht werde. Als Konsequenz sollen die Rahmenbedingungen angepasst werden, unter anderem mit einem Zuschlagsmanagement, das der Südregion mindestens 20 Prozent des Ausschreibungsvolumens sichert. Für Unternehmen in der Entwicklung und im Betrieb ist das vor allem ein Signal: Investitionen in einen Windpark sind nur dann planbar, wenn die Ausschreibungsseite eine hinreichende Marktgröße liefert und die Projekte nicht nachträglich am falschen Zeitpunkt in die Warteschleife geraten.

Für die weitere Entwicklung zeichnet sich damit ein Prüfstein ab, der über Bayern hinausgeht. Genehmigungen können zwar schneller werden, doch ohne passende Zuschläge bleibt der Schritt von der genehmigten Fläche zur realisierten Leistung unsicher. Historisch kennen viele Systeme genau diesen Bruch zwischen „Erlaubnis“ und „Finanzierbarkeit“: In der Praxis entscheidet am Ende nicht nur die rechtliche Zulassung, sondern das Zusammenspiel aus Ausschreibungsdesign, Abnahmebedingungen und Netzplanung. Wenn Bayern nun durch bessere Genehmigungstaktung und die größere Pipeline wieder mehr Projekte in den Bau überführen will, wird die Ausschreibungsseite zum Taktgeber – und damit auch zur Stellschraube für den bundesweiten Vergleich.


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