VENEDIG / LONDON (IT BOLTWISE) – Das 83. Filmfestival von Venedig startet Anfang September mit einem Wettbewerb, in dem bekannte Schauspielerinnen und -darsteller auf international renommierte Regieteure treffen. Unter den 20 Beiträgen ist auch Werner Herzog, dessen neuer Film um Zwillingsschwestern und außergewöhnliche Figuren kreist. Daneben kämpfen Filme wie „Primetime“ mit Robert Pattinson und „Bunker“ mit Penélope Cruz und Javier Bardem um den Goldenen Löwen. Auch die Doku-Linie bleibt präsent: Wim Wenders zeigt „From Inside Out – The Architecture of Peter Zumthor“, während weitere Dokumentationen politische und popkulturelle Themen aufgreifen.

Venedig 83: Werners Herzog im Wettbewerb, Wim Wenders-Doku über Peter Zumthor und Oase-Reunion
Venedig 83: Werners Herzog im Wettbewerb, Wim Wenders-Doku über Peter Zumthor und Oase-Reunion (Foto: IT BOLTWISE)
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Das 83. Filmfest Venedig stellt seine Programmschwerpunkte diesmal ungewöhnlich klar gegeneinander: hochkarätig besetzte Spielfilme stehen neben dokumentarischen Formaten, und schon der Wettbewerb wirkt wie ein Spiegel der aktuellen Kinolandschaft. Festivaldirektor Alberto Barbera benennt die Ausgangslage mit Blick auf den Goldenen Löwen als offenen Wettbewerb mit 20 Beiträgen, in denen etablierte Namen und neue Perspektiven um die Jurygunst ringen. Dass Robert Pattinson ebenso Teil des Programms ist wie ein deutsches Schwergewicht, sorgt dabei für die für Venedig typische Mischung aus Internationalität und Autor*innen-Anspruch. Gleichzeitig zieht sich ein roter Faden durch mehrere Titel: Figuren werden in Situationen gedrängt, in denen Moral, Identität oder Erinnerung nicht einfach nur verhandelt, sondern erzählerisch zugespitzt werden.

Im Wettbewerb fällt vor allem Werner Herzog auf. Sein neuer Film „Bucking Fastard“ ist laut Barbera einer der 20 Wettbewerbsbeiträge und bringt gleich mehrere Versatzstücke zusammen, die für Herzogs Kino typisch sind: skurrile Gestalten, unruhige Motivlagen und eine Erzählhaltung, die weniger glatt erklärt als verstört. Der Film basiert auf der Lebensgeschichte der Zwillingsschwestern Freda und Greta Chaplin, die als Figuren alles miteinander teilen. Orlando Bloom sowie die Schwestern Kate und Rooney Mara gehören zum Ensemble; damit treffen ein internationaler Star-Mix und Herzogs dokumentarisch angehauchte, zugleich fiktive Zugriffweise aufeinander. Barbera macht in diesem Zusammenhang deutlich, dass Herzog schon lange „bizarre, skurrile und ungewöhnliche“ Figuren anvertraue – eine Formulierung, die in Venedig nicht nur Programmankündigung ist, sondern auch Erwartungsmanagement: Wer Herzog besucht, rechnet mit Figuren, die nicht in den üblichen Realismus-Korsetts verschwinden.

Herzog ist jedoch nicht die einzige Wette im Wettbewerb. Mit „Wild Horse Nine“ kommt außerdem eine neue Arbeit von Martin McDonagh, einem Oscar-Preisträger, der in Venedig bereits mit „Three Billboards Outside Ebbing, Missouri“ und „The Banshees of Inisherin“ präsent war. „Wild Horse Nine“ zählt ebenfalls zu den Wettbewerbsbeiträgen, und die Besetzung liest sich wie eine Ansammlung präziser Darsteller für Ton- und Tempowechsel: John Malkovich, Sam Rockwell, Steve Buscemi und Tom Waits. Die schwarze Komödie verlegt die Handlung in die Sphäre der CIA-Agenten und beschreibt eine Mission – und genau diese Kombination aus Spionage-Setting und schwarzer Komik ist strategisch: Sie eröffnet dem Film die Möglichkeit, sowohl Spannung als auch Absurdität zu liefern, ohne die Figuren nur als Schachfiguren zu behandeln. Gerade Venedig-typisch ist dabei, dass das Publikum nicht nur unterhalten, sondern auch irritiert werden soll, weil McDonaghs Filme meist mit einem kontrollierten Blick auf Grausamkeit und gesellschaftliche Verdrängung arbeiten.

Auch „Primetime“ von Lance Oppenheim ist ein Wettbewerbstitel, der mit einem sehr aktuellen kulturellen Bezug arbeitet. Robert Pattinson spielt die Hauptrolle; der Film erzählt von dem US-Moderator Chris Hansen, der in einer Show mit verdeckter Kamera Sexualstraftäter überführt haben soll. Damit bewegt sich „Primetime“ an einer sensiblen Schnittstelle zwischen True-Crime-Erzählweise und Medienethik: Die Dramaturgie lebt von der Spannung, die entsteht, wenn eine Öffentlichkeit glauben soll, sie sehe die Wahrheit, während die Kamera selbst Bestandteil des Konstrukts wird. Dass ein solcher Stoff in Venedig im Wettbewerb landet, zeigt, dass das Festival auch in diesem Jahr bereit ist, Formate mit hohem Realitätsanspruch zu diskutieren. Dazu passt, dass „Bunker“ von Florian Zeller ebenfalls um den Goldenen Löwen konkurriert: Penélope Cruz und Javier Bardem spielen die Hauptrollen, Paul Dano, Stephen Graham und Patrick Schwarzenegger ergänzen das Ensemble. Bardem verkörpert einen Architekten, der einen moralisch fragwürdigen Auftrag von einem Tech-Milliardär annimmt und einen Bunker baut; die Ehe wird zum Verhandlungskörper, denn Cruz’ Figur beginnt, an der Beziehung und an der Logik des Projekts zu zweifeln.

Neben den Spielfilmen zeigt sich Venedig auch als Bühne für Dokumentarisches – und zwar nicht nur als Randnotation. Außerhalb des Wettbewerbs läuft unter anderem eine Doku über die Wiederannäherung der Oasis-Brüder Liam und Noel Gallagher und ihre Reunion-Tour. Barbera sagt, die Gallagher-Brüder hätten versprochen, dass sie in Venedig sein werden, womit der Film nicht nur inhaltlich, sondern auch als Popkultur-Ereignis wirkt. Solche Formate sind im Festivalumfeld strategisch: Sie schaffen Zugänglichkeit für ein Publikum, das eher über Musik und Biografie als über Filmtheorie kommt, und sie liefern gleichzeitig ein Thema, das in der öffentlichen Debatte seit Jahren nachhallt – wie Konflikte im Rampenlicht enden, und ob „Reunion“ mehr ist als ein Rebranding. Gleichzeitig dokumentiert Wim Wenders mit „From Inside Out – The Architecture of Peter Zumthor“ den Architekten Peter Zumthor; der internationale Titel deutet darauf hin, dass das Festival hier bewusst auch eine globale Lesart anstößt, in der Werkverständnis und gestalterische Prinzipien im Zentrum stehen.

Auch die weiteren Dokus zeigen, wie breit das Spektrum in Venedig ausfällt. Laura Poitras, die 2022 den Goldenen Löwen für „All the Beauty and the Bloodshed“ gewonnen hat, präsentiert eine Dokumentation über die politische Lage in Minneapolis während der Einsätze der US-Einwanderungsbehörde ICE. Die Nähe zu aktuellen politischen Konfliktlinien macht deutlich, dass Venedig dokumentarische Arbeit nicht als Archiv, sondern als Beitrag zu laufenden Debatten versteht. Daneben läuft eine Doku über Elon Musk von Alex Gibney; damit verbindet sich die Frage, wie sich Macht, Unternehmensdynamik und öffentlicher Diskurs im dokumentarischen Zugriff verdichten. In Orizzonti sind derweil mehrere deutsche Beiträge sichtbar: „La ragazza con la Leica“ läuft in der deutschen Fassung als „Das Mädchen mit der Leica“ mit Luna Wedler, Emilia Schüle und Aaron Altaras nach einem Werk von Alina Marazzi. Jannis Lenz steuert mit „Oase“ („Oasis“) einen weiteren Titel bei, in dem Florian Geiβelmann, Anton Petzold und Godehard Giese Rollen übernehmen.

Außerhalb des Wettbewerbs ergänzt das Festival die aktuelle Programmkurve um zusätzliche Star-Faktoren und Autor*innen-Perspektiven. „Place to Be“ von Kornél Mundruczō startet mit Pamela Anderson, Taika Waititi und der 93-jährigen Ellen Burstyn; Barbera zufolge kommt Burstyn ebenfalls nach Venedig. Zur Eröffnung läuft der neue Film von Danny Boyle, bekannt vom „Trainspotting“-Regisseur-Firmenprofil: „Ink“ handelt über britischen Boulevardjournalismus, Jack O’Connell spielt einen kompromisslosen Zeitungsredakteur. Mit Maggie Gyllenhaal steht zudem eine Präsidentin der Jury im Raum, die in Venedig auch ihren Kurzfilm „Flesh Impact“ präsentieren wird. Ellen Burstyn ist zudem in einem weiteren Wettbewerbs-/Programmkontext zu sehen, neben Dakota Johnson und Peter Sarsgaard; Barbera erwähnt außerdem, dass Burstyn einen Golden Löwen für ihr Lebenswerk erhalten soll. Für den Festivalstart vom 2. bis 12. September bedeutet das: Venedig sendet bereits vor der eigentlichen Preisfrage starke Signale in Richtung Qualität, Relevanz und Reichweite – und genau diese Mischung entscheidet häufig darüber, wie groß die Wirkung eines Jahrgangs auf die folgenden Festival- und Vertriebsrunden ausfällt.


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