ELLWANGEN / STUTTGART / LONDON (IT BOLTWISE) – Der angeschlagene Batteriehersteller Varta hat einen Antrag auf Insolvenz in Eigenverwaltung gestellt. Das Amtsgericht Stuttgart hat den Eingang von vier Insolvenzanträgen bestätigt, nachdem zuvor eine Zerschlagung der Gruppe angekündigt wurde. Als Grund gilt, dass kein frisches Kapital mehr fließt. Für Gläubiger rückt nun die Frage in den Vordergrund, ob die profitablen Akku- und Batterie-Sparten verkauft und getrennt weitergeführt werden.

Der Krisenfall bei Varta wechselt von der Sanierungsplanung in die gerichtliche Phase: Nach Angaben aus Finanzkreisen hat der Batteriehersteller aus Ellwangen einen Antrag auf Insolvenz in Eigenverwaltung gestellt. Damit behalten die Verantwortlichen zunächst eine gewisse Handlungsfähigkeit, aber die Zeit wird knapp. Schon wenige Tage zuvor war bekannt geworden, dass der Gruppe ausgerechnet das droht, was viele Turnaround-Vorhaben verhindern sollen: die Aufspaltung in einzelne Einheiten, damit einzelne Geschäftsbereiche nicht als Ganzes untergehen.
Das Amtsgericht Stuttgart bestätigte den Eingang von vier Insolvenzanträgen des Unternehmens. Konkret bedeutet das: Mehrere Anträge werden nun von der zuständigen Richterin geprüft, bevor der gerichtliche Rahmen festgezurrt ist. Als zentraler Auslöser wird in der Berichterstattung genannt, dass kein frisches Geld mehr nachgekommen ist. Wenn Eigentümer und finanzierende Kreise keine weitere Liquidität bereitstellen, sinkt die Verhandlungsmasse gegenüber Gläubigern schnell; dann werden Verkäufe, Übertragungen oder die Zerschlagung von Teilbereichen wahrscheinlicher, weil operative Sanierung allein nicht mehr reicht.
Marktseitig ist das nicht überraschend, nur hart in der Konsequenz: Varta stand über Jahre für Batterien im Alltag und hat die Marke über Jahrzehnte mit Produkten wie Fernbedienungszellen, Taschenlampen-Batterien und Spielzeugbatterien geprägt. Anfang der 2000er gab es bereits eine Zerschlagung, die später durch ein Comeback abgelöst wurde: Mit winzigen Knopfzellen-Batterien für kabellose Kopfhörer gelang der Sprung zurück in ein volumenstarkes Segment. Genau diese strategische Abhängigkeit von wenigen großen Abnehmern wird in der Krise zum Risiko, sobald Bestellungen zurückgehen oder ein technologischer Trend die Stückzahlen verschiebt.
Als Varta 2017 zurück an die Börse kam und 2021 mehr als 900 Millionen Euro erzielte, wirkte das wie ein belastbarer Turnaround. Doch 2022 brach der Umsatz mit den Knopfzellen um 47 Prozent ein, und die Ursachen lagen laut vorliegender Darstellung nicht nur in der Nachfrage: Asiatische Konkurrenten holten auf, die Verhandlungsmacht gegenüber Zulieferketten und Kunden schwand, und die Abhängigkeit von einem dominierenden Kunden wurde zum Verhängnis. 2024 stiegen dann Porsche und der Investor Michael Tojner im Zuge einer Sanierung ein; die bisherigen Aktionäre gingen leer aus, Varta verschwand von der Börse. Diese Abfolge zeigt, wie stark sich in kapitalintensiven Konsumgütermärkten die Spielregeln ändern, wenn die Finanzierungslinie reißt: Erst wird umgestrukturiert, dann kommt die Restrukturierung unter Druck, und schließlich wird der Exit über den Verkauf von Teilen organisiert.
In der aktuellen Phase geht es deshalb weniger um ein einzelnes Werk als um Verwertung: Die wichtigsten Gläubiger, darunter die Deutsche Bank sowie mehrere Hedgefonds, wollen nach den vorliegenden Informationen das profitable Geschäft mit Haushaltsbatterien übernehmen. Parallel wird das Interesse an weiteren Bereichen deutlich, etwa an der Sparte für Mikrobatterien; dabei wird explizit ein Einsatzspektrum rund um Knopfzellen für Hörgeräte genannt. Technisch betrachtet hängt die Werthaltigkeit solcher Sparten an stabilen Fertigungsprozessen, an qualifizierten Lieferketten und an regulatorisch sowie sicherheitstechnisch belastbaren Produktarchitekturen. In einer Insolvenz werden diese Faktoren zu Verkaufsargumenten: Nicht das Narrativ der Marke entscheidet, sondern ob sich Produktion und Qualität in eine neue Eigentümerstruktur überführen lassen.
Für Gläubiger ist die Insolvenz in Eigenverwaltung zugleich ein Werkzeug, um Zeit zu gewinnen und Optionen zu priorisieren: Wenn Teilbereiche separat fortgeführt werden können, steigt die Chance auf höhere Erlöse als bei einem vollständigen Stillstand. Gleichzeitig bleibt das Risiko der zweiten Zerschlagung hoch, weil die Gruppe bereits 139 Jahre Unternehmensgeschichte hinter sich hat und jetzt die zweite große Zäsur droht. Aus Unternehmenssicht bedeutet das: Beschäftigte, Lieferanten und Kunden müssen sich auf schnelle Entscheidungen einstellen, etwa bei Übergangsverträgen, Bestandsfreigaben und der Frage, welche Fertigungslinien und Markenrechte tatsächlich übertragen werden. Für den Markt stellt sich damit auch die Wettbewerbsperspektive neu auf – denn wer Haushaltsbatterien und Mikrobatterien übernimmt, entscheidet darüber, wie die nächsten Produktzyklen in einem reifegradstarken Industrieumfeld aussehen.
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