LONDON (IT BOLTWISE) – Mehrere börsennotierte Firmen mit dem Digital-Asset-Treasury-Modell (DAT) bauen ihre Bitcoin-Bestände ab, teils bis hin zur vollständigen Liquidation. Auslöser sind nicht nur Kursverluste: Viele Unternehmen müssen Schulden bedienen, laufende Kosten finanzieren oder Cash-Reserven stabilisieren. Besonders sichtbar wird der Richtungswechsel an London-notierten Gesellschaften, die einzelne Positionen reduzieren oder sogar vom Börsenhandel zurücktreten. Gleichzeitig nutzen auch Miner-Verantwortliche Verkäufe, um Kapazitäten für KI-Infrastruktur umzuwidmen.

Der DAT-Ansatz (Digital Asset Treasury) galt ab 2020 als eine Art Blaupause für börsennotierte Krypto-Treasurys: Unternehmen nahmen eigenes Kapital und Finanzierungsmittel, kauften Bitcoin auf und hofften, dass der Vermögensmix aus steigenden Kursen und optimiertem Kapitalbedarf langfristig überwiegt. Strategy, das den Trend bereits 2020 angestoßen haben soll, prägte damit eine ganze Welle öffentlich gelisteter Nachahmer. Als der Bitcoin-Kurs von einem Bereich umgerechnet mit zuletzt genannten 64.994,61 US-Dollar im Verlauf wieder Richtung Rekord marschierte und im Oktober 2025 auf rund 126.000 US-Dollar zusteuerte, passte das Narrativ für viele Bilanzen: Wer verfügte, konnte “Akkumulation” betreiben und gleichzeitig Kapitalmarkt-Storys liefern.
Doch seitdem hat sich die Rechnung spürbar verschoben. In den vorliegenden Angaben wird für den Zeitraum danach ein Kursrückgang von etwa 50% genannt, was für DAT-Modelle direkt durchschlägt: Aktienkurse verlieren an Bewertungsfantasie, gleichzeitig steigen die faktischen Risiken für Liquidität und Covenants. VanEck nennt in der Auswertung von Digital-Assets-Research Matthew Sigel, dass mehrere Firmen inzwischen entweder vollständig aus dem Krypto-Exposure herausgehen oder die Bestände deutlich reduzieren. Am klarsten wird das Vorgehen bei Satsuma Technology (SATS): Dort genehmigten die Aktionäre die Liquidation sämtlicher 668 BTC, die Rückzahlung von Kapital und eine Delistung von der London Stock Exchange. Das ist mehr als eine Portfolio-Entscheidung; es beendet auch die öffentliche Kapitalmarkt-These, dass Bitcoin als zentraler Treasury-Asset funktionieren müsse.
Parallel dazu zeigen andere Fälle, wie der Rückbau praktisch abläuft, ohne das gesamte Unternehmen sofort neu zu positionieren. Smarter Web Company (SWC) verkaufte beispielsweise 178 BTC, um eine Wandelanleihe bzw. ein “convertible instrument” zu bedienen. In der Begründung des Managements taucht dabei ein typisches Spannungsfeld auf: Man erkennt sowohl Fiat- als auch Bitcoin-denominierte Wandelinstrumente grundsätzlich als potenziell nützlich an, hält die konkrete Kapitalstruktur aber derzeit nicht für die richtige Lösung. Genau solche Passagen sind wichtig, weil sie erklären, warum die DAT-Strategie nicht zwingend “falsch” gewesen sein muss, aber für das aktuelle Zins- und Risikoumfeld offenbar nicht mehr optimal passt.
Andere Unternehmen fahren einen schrittweisen Abbau, der vor allem kurzfristige Verbindlichkeiten absichert. Sequans Communications (SQNS) verkaufte 1.025 BTC und reduzierte anschließend fast 80% der verbliebenen Bestände, um konvertible Schulden zurückzuzahlen. Dabei wird ausdrücklich festgehalten, dass weitere Käufe ausgeschlossen sind und die verbleibenden 658 BTC möglichst monetarisiert werden sollen. Nakamoto (NAKA) steht wiederum für einen Sonderfall unter den DAT-Vertretern: Die Kursentwicklung wird mit einem Rückgang von 99% seit dem SPAC-Deal im Mai 2025 beschrieben. Um dennoch Arbeitskapital zu sichern, wurden rund 284 BTC verkauft, inklusive der Absicherung im Kontext von Übernahmen (BTC Inc. und UTXO Management). Zudem signalisiert VanEck’s Sigel, dass etwa 40 BTC aus dem Derivate-Programm realisiert wurden, während fast 70% der restlichen 5.342 BTC als Sicherheit für einen bei Kraken auslaufenden Kredit dienen, der im Dezember fällig wird.
Gerade dieser letzte Punkt illustriert die technische Logik hinter vielen “DAT”-Entscheidungen: Bitcoin wird nicht nur als Asset gehalten, sondern häufig über Loan- und Derivate-Strukturen in eine Taktung aus Sicherheiten, Laufzeiten und potenziellen Auslösern eingebunden. Wenn große Teile eines Bestands verpfändet sind, wird der Handlungsspielraum kleiner – und “Verkäufe” können sich dann wie eine Notbremse anfühlen, obwohl sie auf vorher definierte Risiko- und Liquiditätspläne zurückgehen. Sigel beschreibt in diesem Zusammenhang sogar eine “binary event” als mögliche Konsequenz der Kreditfälligkeit. Für Anleger und Treasury-Verantwortliche heißt das: Nicht der Blick auf den Spot-Kurs allein entscheidet, sondern die gesamte Kette aus Sicherheitenmanagement, Fälligkeiten und der Frage, wie viel Liquidität man ohne teure Re-Finanzierung bereitstellen kann.
Bemerkenswert ist zudem, dass der Abbau nicht nur Spezialisten trifft. Auch Kryptominer wie Bitdeer und MARA Holdings sollen laut den Angaben Bitcoin verkauft haben, um Schulden zurückzuzahlen oder Re-Purchases zu finanzieren und daneben Energie- und Rechenkapazitäten für KI-Rechenzentren umzuwidmen. Damit verschiebt sich die Ressourcenlogik: Während früher Mining und Treasury oft gemeinsam über die Krypto-Volatilität argumentiert wurden, rücken nun Investitionsbudgets für KI-Infrastruktur in den Vordergrund. Es wird außerdem von Empery Digital berichtet, das fast die Hälfte seiner Bitcoin verkauft haben soll, um Buybacks und Schulden zu bedienen, und von Strategy, das in den letzten Wochen rund 3.620 BTC verkauft haben soll sowie weitere Verkäufe autorisiert hat, um US-Dollar-Reserven zu stützen. Obwohl Strategy als Pionier weiterhin mit mehr als 840.000 BTC der größte börsennotierte öffentliche Halter bleibt, bleibt die Kapitalmarkt-Kommunikation vorsichtig: CEO Michael Saylor wird mit der Aussage zitiert, man werde wahrscheinlich Bitcoin verkaufen, um eine Dividende zu finanzieren und den Markt “zu immunisieren”. Das klingt nach Absicherung statt nach pauschalem Ausstieg.
Unterm Strich deutet die Häufung solcher Maßnahmen auf eine breitere Entkopplung vom reinen Akkumulationsmodell hin. Kursrückgänge wirken als Katalysator, aber die konkreten Auslöser sind oft betriebsnah: Debt-Servicing, Wandelinstrumente, Verpfändungsstrukturen und die Notwendigkeit, Liquidität in Fiat bereitzuhalten. Zusätzlich sorgen Managementwechsel und gescheiterte Corporate-Deals für weitere Unsicherheit – unter anderem wird ein Rücktritt als CEO bei Twenty One Capital genannt und ein nicht abgeschlossener Merger bei BSTR wegen ungünstiger Marktbedingungen. Für Unternehmen bedeutet das: Wer DAT nutzt, braucht heute stärker als früher ein belastbares Szenariomodell für Preisbewegungen, Sicherheitenquoten und Refinanzierungskosten; wer umschichtet, tut das in mehreren Schritten und mit Blick auf Fälligkeiten. Für den Markt wiederum heißt es, dass “Krypto-Treasury” zunehmend weniger wie ein einheitliches Narrativ wirkt und mehr wie ein Portfolio aus Risikohebeln, der in einzelnen Runden angepasst wird – bis hin zur Delistung oder vollständigen Liquidation.
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