WIEN / LONDON (IT BOLTWISE) – Roman Rafeiner blickt im Jubiläumsgespräch auf vier Jahrzehnte Wiener Kapitalmarkt zurück und macht dabei vor allem eines sichtbar: Ohne persönliche Netzwerke lief hier lange praktisch gar nichts. Vom „Dornröschenschlaf“ der Wiener Börse über den Boom der 1980er Jahre bis zu 9/11, Lehman und Corona beschreibt er, wie sich Marktmechanik und Arbeitsalltag immer wieder neu sortierten. Im Mittelpunkt stehen Sales-Kontakte, Market-Maker-Absprachen und der Derivatedesk – heute ergänzt durch digitale Arbeitsformen. Für Entscheider und Tech-affine Leser ist das Gespräch zugleich eine Erinnerung daran, wie sehr Infrastruktur und Kommunikation den Kapitalmarkt prägen.

Vier Jahrzehnte Wiener Kapitalmarkt: Roman Rafeiner über Boom, Krisen und Netzwerke
Vier Jahrzehnte Wiener Kapitalmarkt: Roman Rafeiner über Boom, Krisen und Netzwerke (Foto: IT BOLTWISE)
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Wer den Wiener Kapitalmarkt verstehen will, sollte nicht nur auf Indizes und Kursverläufe starren, sondern auch auf die Art, wie Informationen damals in Sekundenbruchteilen von der Filiale in den Handel gelangten. Genau diesen Pfad zeichnet Roman Rafeiner nach: Er beschreibt seinen Einstieg 1982 bei der Girozentrale, später den Wechsel zur Erste Group 1989 und die Entwicklung vom klassischen Wertpapiergeschäft hin zur digitalen Gegenwart. Auffällig ist, wie stark der Rückblick von „Kollegenschaft“ und persönlicher Erreichbarkeit geprägt ist – also von Faktoren, die in Datenmodellen selten direkt auftauchen, im Tagesgeschäft aber oft über Timing und Ergebnis entscheiden.

Rafeiners Start wirkt dabei fast wie ein Gegenbild zu dem, was man heute unter Kapitalmarkt-Dynamik versteht. Er lernte Wertpapierarbeit zunächst in einer Emissionsabteilung, die nach seiner Schilderung lange Zeit nahezu ausschließlich aus Anleihe-Emissionen bestand. Das wurde dann breiter: Inlandsemissionen wie Pfandbriefe und Bundesanleihen wechselten sich ab mit moderneren Auslandsanleihen in Form von Eurobonds. In dieser Phase beschreibt er die Wiener Börse als „Dornröschenschlaf“ – ein Markt, der aus seiner Perspektive nicht nur weniger Aktivität zeigte, sondern auch weniger Kapitalmarktsprache im Alltag der Beteiligten. Als dann ein grundlegender Stimmungsumschwung einsetzte, fanden laut seinem Bericht viele verfügbare Kräfte rasch den Weg in die Börsenabteilung.

Besonders die Jahre 1985 und 1989 sind für Rafeiner ein Saisonalitätsbrecher: Der Markt sei „wie ein Riesenschwammerl“ aus dem Boden geschossen, die Arbeitsbelastung entsprechend hoch gewesen und gleichzeitig als Lernbeschleuniger wahrgenommen worden. Der Übergang in den Sales-Bereich folgte nicht als Bruch, sondern als logische Erweiterung: Rafeiner betreute Sparkassen als Ansprechpartner und deckte ein breites Produktportfolio ab – von Investmentfonds über Anleihen und Aktien bis hin zu Optionsscheinen, die in Österreich laut seinem Bericht früher Fuß fassten als in Deutschland. Für die praktische Marktarbeit bedeutete das, dass Produktkenntnis und Vertriebslogik eng ineinandergreifen mussten, weil die Kundenanfrage häufig schneller war als die Reaktionszeit, die heutige Systeme „out of the box“ liefern.

Der technische Kern des Börsengeschäfts war in dieser Zeit weniger eine Softwarefrage als eine Netzwerkfrage. Rafeiner schildert, wie in den 1990er Jahren eine Filiale einen Anlagewunsch hatte, der Berater anschließend anrief, dann beim Market Maker nach den verfügbaren Positionen nachfragte und die Informationen zurück in die Region spielte. Ohne Internet war diese direkte Kette essenziell – man musste wissen, wen man in welcher Sekunde erreichen konnte. Mit seinem Wechsel 1989 zur Erste Group verschob sich zudem die Logik: Dort gab es ein Filialnetz, das zusätzliche Vertriebsmöglichkeiten eröffnete, und Rafeiner fand sich im Brokerservice wieder – genau in der Zeit, als die Erste Investconsult (EIC) entstand. Später absolvierte er zudem eine Ausbildung zum Market Maker, wodurch er im Kundengeschäft insbesondere für Futures und Optionen zuständig wurde, vor allem auch für Absicherungsgeschäfte.

Auch Krisen lassen sich bei Rafeiner nicht als abstrakte Kapitel lesen, sondern als konkrete Arbeitsrealität. Am 11. September 2001 erinnert er sich, dass das Büro die Ereignisse gemeinsam über Fernseher in den Handelsräumen verfolgte; anschließend habe es mehrere Tage ohne Handel gegeben, zudem Flug- und Dienstreiseverbote weltweit. Interessant ist sein Rückblick auf die Charts: Dort zeige sich langfristig kaum ein „echter Kursausschlag“, während die emotionale Wucht der Situation unvergessen geblieben sei. Nach der Lehman-Pleite beschreibt er eine greifbare Nervosität in der Bank, die Sorge sei allgegenwärtig gewesen, „jetzt alles in Trümmern versinkt“. Er ordnet diese Erinnerung dabei auch selbstkritisch ein – gerade weil nicht nur die Branche, sondern die Gesamtbevölkerung betroffen war.

Mit Corona erlebt er dagegen etwas, das eher in Richtung Resilienzbericht geht. Er sieht Banken in einer positiven Rolle, weil rasch Programme und Kreditlinien aufgestellt worden seien. Besonders beeindruckt zeigt er sich von der technischen Umstellung auf Homeoffice: Der abrupte Wechsel habe reibungslos funktioniert – und das auch im Nachhinein bemerkenswert gefunden. Gleichzeitig bleibt ein sozialer Nachhall: Die Isolation habe ihm unangenehm zugesetzt, weil persönlicher Kontakt zu Kollegen für ihn einen hohen Stellenwert hat. Diese Kombination ist für heutige KI- und Automatisierungsdiskussionen relevant, weil sie zeigt, dass digitale Betriebsfähigkeit zwar Prozesse stabilisiert, die menschliche Ebene aber nicht automatisch ersetzt. Genau dort, wo KI-gestützte Assistenzsysteme Verfügbarkeit erhöhen, wird laut diesem Erfahrungsbericht die Frage nach Teamkohäsion umso dringlicher.

Am Ende seines Gesprächs verdichtet sich der rote Faden auf Kollegenschaft und Alltagsroutinen, etwa am Derivatedesk mit Christian Drastil, wo Zusammenarbeit für ihn „etwas Besonderes“ war. Daneben tauchen auch persönliche Entscheidungen auf: Rafeiner schließt österreichische Aktien nicht grundsätzlich aus, erhält im Rahmen eines Mitarbeiterbindungsprogramms regelmäßig Aktien seines Arbeitgebers, der Erste Group, und beschreibt diese Position als nicht unangenehm. Seine Aussage, dass die Erste-Aktie nahezu die einzige Einzelaktie sei, passt zu dem Bild, dass er sich im Berufsleben bewusst nicht in intensives eigenes Trading hineinziehen ließ. Stattdessen nimmt sogar Fußball Raum ein – bei ihm ein Rapid-Interesse, gepaart mit Kritik an zu viel taktischem „Rasenschach“. So endet der Beitrag nicht mit einer reinen Marktbetrachtung, sondern mit einer Wiener Lokalgeschichte: Rafeiner stammt aus dem Gebiet zwischen Donau und Donaukanal, ging später in die Donaustadt zur Schule und bezeichnete den ersten Jahrgang an der neu gegründeten Schule als großen Glücksfall. Für den Wiener Kapitalmarkt wird damit klar: Die entscheidenden Bewegungen entstehen nicht nur an Terminbörsen, sondern auch in Lebensläufen, in Netzwerken und in den Kommunikationswegen, die Menschen über Jahrzehnte aufgebaut haben.


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