SEATTLE / LONDON (IT BOLTWISE) – Das Startup Prentis geht in Gespräche, um 100 Millionen US-Dollar bei einer Bewertung von 1 Milliarde US-Dollar einzusammeln. Im Kern trainiert das Team Modelle, die Büroprozesse in realen Anwendungen und Systemen Schritt für Schritt ausführen sollen. Ziel sind KI-Agents, die Routineaufgaben wie das Durcharbeiten von Versicherungsfällen oder das Klären von Zoll-Rückerstattungen automatisieren. Der Ansatz setzt auf einen vergleichsweise kleineren Modellkern und verspricht dadurch niedrigere Kosten pro Aufgabe, während der Markt gleichzeitig stark umkämpft ist.

Prentis, ein neues KI-Labor für sogenannte Computer-Use-Modelle, will die nächsten finanziellen Schritte gehen: Laut übereinstimmenden Angaben aus dem Umfeld der Gespräche steht eine Zielsumme von 100 Millionen US-Dollar im Raum, verbunden mit einer Unternehmensbewertung von 1 Milliarde US-Dollar. Das Unternehmen positioniert sich damit nicht als generischer Chatbot-Anbieter, sondern als Spezialist für KI-Systeme, die am Ende wie ein Büro-Mitarbeiter am Rechner arbeiten: Sie sollen typische Workflows in realen Anwendungen und über Dokument- und Systemgrenzen hinweg zuverlässig abarbeiten. Gegründet wurde Prentis im April; die Technologie wird bereits darauf ausgerichtet, wiederkehrende Prozessketten so zu steuern, dass am Ende weniger manuelle Suche nach Informationen und weniger Kopierarbeit anfällt.
Die konkrete Zielrichtung ist dabei auffällig praxisnah. Prentis trainiert Modelle darauf, wie Office-User Routinetätigkeiten ausführen – also wie man in einem Formular von Feld zu Feld navigiert, wie man relevante Informationen aus Dokumenten ableitet und wie man dabei zwischen verschiedenen Systemen wechselt. Der geplante Sprung ist allerdings nicht nur „besseres Assistenz-Textverständnis“, sondern ein stärker agentenartiger Betrieb: Die Agenten sollen bestimmte Aufgaben eigenständig übernehmen und dabei die für den jeweiligen Kunden typischen Prozessvarianten abbilden. In der Kommunikation des Startups werden Beispiele genannt, etwa die Bearbeitung von Versicherungsfällen oder das Automatisieren von Ausnahmen rund um Zoll-Rückerstattungen, bei denen heute häufig händisch nach Papierunterlagen gesucht und geprüft werden muss.
Finanziell versucht Prentis zudem, den Markteintritt über einen klaren Value-Mechanismus zu gestalten. Es wurden bereits Verträge im Gesamtumfang von bis zu 50 Millionen US-Dollar abgeschlossen, und zwar mit mehreren Kundentypen aus dem Gesundheits- und Industrieumfeld sowie mit Unternehmen, die im Bereich Waren- und Bekleidungsproduktion aktiv sind. Entscheidend ist dabei weniger der Umfang allein, sondern das Abrechnungsmodell, das in den vorliegenden Investor-Unterlagen skizziert wird: Die genannten Größen spiegeln eine annualisierte Schätzung wider, die auf einem vertraglich festgelegten Anteil an den tatsächlich realisierten Einsparungen basiert – etwa 20% des Savings, wobei es sich ausdrücklich nicht um erkannte Umsatzerlöse handelt. Damit verschiebt das Startup das Risiko teilweise auf die eigene Seite: Die Leistung muss im Produktivbetrieb „performen“, und die Vergütung folgt dem Ergebnis.
Technisch stützt Prentis seine Argumentation auf Benchmark-Ergebnisse und auf eine Modellstrategie, die sich an den Kosten von Deployments orientiert. Das Unternehmen beschreibt ein Modell namens Hive-32B und behauptet, es übertreffe Wettbewerber – genannt werden dabei unter anderem GPT-5.4 und Claude Opus 4.6 – auf zwei Computer-Use-Tests: WindowsAgentArena misst die End-to-End-Erledigung von Aufgaben in echten Windows-Anwendungen, während ScreenSpot-v2 darauf prüft, ob ein Modell die passenden Bedienelemente auf dem Bildschirm auffinden kann. Der Pitch lautet außerdem, dass die eigenen Vorteile aus einem kleineren, günstigeren Modell resultieren: Prentis spricht von etwa zehnmal geringeren Kosten pro Aufgabe im Vergleich zu „frontier APIs“ und leitet daraus ab, dass sich damit KI-Agents ökonomischer über viele alltägliche Workflows hinweg ausrollen lassen – also nicht nur in isolierten Pilotprojekten.
Gerade hier prallen jedoch Anspruch und Realität des Markts aufeinander. Automatisierung von Büro- und Fachaufgaben gilt zunehmend als ein Haupttreiber für KI-Nutzung, aber der Wettbewerb ist laut Insiderkreisen bereits jetzt intensiv. Zu den genannten Playern zählen unter anderem Anthropic, OpenAI sowie Thinking Machines, die ebenfalls in Richtung KI-Agents für Computer-Use arbeiten. Besonders interessant: Anthropic wird in dem Kontext als aktiver Nachfrager nach Talenten im Segment beschrieben – mit einem konkreten Beispiel für eine frühere Übernahme eines Computer-Use-Startups, bei dem das Produkt danach eingestellt wurde. Das zeigt, wie schnell sich der Kategorie-Markt konsolidieren kann: Wer nicht genügend Differenzierung in Model-Performance, Integrationsfähigkeit oder Betriebskosten vorweist, wird oft nicht langfristig als eigenständige Produktlinie durchgestellt.
Die personelle Zusammensetzung von Prentis soll das Tempo im Aufbau erklären. Mit Ritankar Das als CEO und Mitgründer sitzt ein Serien-Unternehmer am Steuer, flankiert von großen Namen aus der Tech- und Investmentwelt, darunter Reid Hoffman und Marc Pincus. Das Management bringt dabei nicht nur Netzwerkpower mit, sondern auch konkrete Startup-Expertise aus mehreren KI- und Healthcare-Bezügen: D as betreibt unter anderem die Holding Titan und hat darüber unter anderem Tala Health (virtuelle Versorgung), Forta Health (autismusspezifische Betreuung) und Dascena (Disease Prediction) in der Vergangenheit aufgebaut bzw. begleitet – mit einem Exit von Dascena, der 2022 an CirrusDx berichtet wurde. Dass Prentis gleichzeitig als Nebenprojekt der anderen Aktivitäten beschrieben wird, könnte zudem erklären, warum das Unternehmen bereits mehr als 25 Mitarbeitende in der Organisation haben will, darunter Forschende mit Stationen bei OpenAI, Google DeepMind, Meta, Tencent und Alibaba.
Für Unternehmen liegt der eigentliche Hebel nicht nur in der Modellqualität, sondern in der Frage, ob Computer-Use-Agents in echten IT-Landschaften stabil genug werden, um Prozesse zuverlässig zu schließen. Genau diese Lücke – von der Bildschirmerkennung bis zur sicheren Ausführung in konkreten Anwendungen – ist in den genannten Benchmarks zumindest teilweise abgedeckt, aber die entscheidende Prüfung findet später statt: Wie gut hält ein Agent mit variierenden Dokumentformaten, wie robust reagiert er auf UI-Änderungen, und wie eng lassen sich Sicherheits- und Rollenmodelle mit der Agentenlogik verschränken? Wenn Prentis die versprochenen „Kosten pro Aufgabe“ und die Performance in Produktivläufen tatsächlich erreicht, kann das Abrechnungsmodell mit Leistungsbindung ein starkes Kaufargument sein. Gleichzeitig bleibt abzuwarten, ob die nächste Agentengeneration bei Büro-Workflows wirklich schneller skaliert als bei Softwareentwicklung – oder ob der Markt am Ende doch stärker fragmentiert, weil Integrationen und Betriebskosten die ROI-Rechnung stärker bestimmen als die reine Modellgüte.
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