LONDON (IT BOLTWISE) – Vor dem nächsten EZB-Zinsentscheid bleibt das Muster auffällig: Tagesgeldzinsen steigen langsamer als Festgeldkonditionen. Während viele Institute den Juni-Schritt im Tagesgeld bisher kaum spiegeln, haben sie bei Festgeldern die durchschnittlichen Sätze teils spürbar angehoben. Für Sparer rückt damit weniger der nominale Zinssatz, sondern die Kaufkraftentwicklung unter dem Strich in den Fokus. Wer dauerhaft hohe Zinsen will, muss laut den Auswertungen häufiger als bisher aktiv werden.

Beim anstehenden EZB-Zinsentscheid verdichtet sich ein Detail, das viele Sparer aus dem Alltag kennen: Banken reagieren nicht überall gleich schnell auf Änderungen der Leitzinsen. Erwartet wird, dass die Notenbank den Zins unverändert lässt. Schon vor dem Termin haben jedoch viele Institute die Festgeldzinsen nach oben korrigiert, während beim Tagesgeld die Anpassungen deutlich zäher ausfallen. Dieses Auseinanderlaufen wirkt im Kundengeschäft wie ein Preisschild, das je nach Laufzeit unterschiedlich gedruckt ist.
Konkreter wird das Bild, wenn man Durchschnittswerte über verschiedene Laufzeiten betrachtet. Zu Beginn des Monats März lagen die durchschnittlichen Zinsen für einjähriges Festgeld bei glatt 2 Prozent und sind inzwischen auf 2,35 Prozent gestiegen. Zweijährige Anlagen legten im selben Zeitraum von 2,07 auf 2,44 Prozent zu, bei zehnjährigen Laufzeiten kletterten die Durchschnitte von 2,51 auf 2,9 Prozent. Auffällig ist dabei der Abgleich zur EZB-Vorgabe: Der aktuelle Einlagezinssatz liegt bei 2,25 Prozent. Das heißt, viele Banken zahlen für Festgeld in allen ausgewerteten Laufzeiten im Schnitt mehr, als sie selbst als Gegenleistung erhalten, wenn sie Kundengelder bei der EZB parken.
Technisch und betriebswirtschaftlich lässt sich das als Zinsdifferenz erklären, also als Spanne zwischen Refinanzierungskosten und dem, was Banken an der Kreditvergabe verdienen. Genau darauf verweist eine Auswertung eines Vergleichsportals: Banken nutzen Spareinlagen zur Finanzierung ihres Kreditgeschäfts und profitieren von der Zinsmarge. Wenn sich Institute Geld am Kapitalmarkt beschaffen, sind die Zinskosten derzeit laut der Analyse ebenfalls sehr hoch. In diesem Umfeld bleiben Spareinlagen für die Kreditwirtschaft attraktiv, und entsprechend groß wird der Wettbewerb um Einlagen. Darum steigen bei Festgeld oft schneller die Konditionen, weil die Bank damit planbar Mittel für eine bestimmte Laufzeit sichert.
Beim Tagesgeld dagegen zeigt sich ein anderes Timing. Seit dem EZB-Entscheid im Juni haben lediglich 17 Prozent von insgesamt 823 ausgewerteten Banken und Sparkassen ihre Tagesgeldzinsen erhöht; im Schnitt fiel die Anpassung um 0,18 Prozentpunkte aus. Die bundesweiten Durchschnittszinsen für verfügbare Tagesgeldangebote stiegen nur leicht auf 1,38 Prozent, zuvor lagen sie bei 1,33 Prozent. Besonders die regionalen Institute fallen hierbei auf: Sparkassen zahlen im Durchschnitt 0,41 Prozent, bei regionalen Genossenschaftsbanken liegen die Werte bei 0,47 Prozent. Für Sparer bedeutet das: Wer nur auf den nominalen Zins schaut, bekommt ein trügerisch ruhiges Bild, obwohl sich bei Festgeld bereits deutlich mehr bewegt.
Wer Konditionen vergleichen will, muss außerdem zwischen Bestandskunden und Neukunden unterscheiden. In der Spitze bieten Banken derzeit bis zu 4 Prozent Tagesgeldzinsen an, zum Beispiel in Angeboten, die sich an Neukunden richten. Solche Neukundenaktionen gelten typischerweise nur für einen begrenzten Zeitraum von einigen Monaten; anschließend fallen die Zinsen oft auf deutlich niedrigere Bestandskundensätze zurück. Wer dauerhaft sehr hohe Tagesgeldzinsen nutzen möchte, muss daher regelmäßig wechseln oder gezielt nach attraktiven Einstiegskonditionen suchen. Aus Anlegersicht ist das weniger eine Frage des „richtigen“ Zinssatzes als eine Frage der Dauerhaftigkeit der Kondition.
Entscheidend ist zusätzlich die Perspektive auf den Realzins, also darauf, wie sich die Rendite nach Abzug der Inflation anfühlt. Bei einer Inflationsrate von aktuell 2,3 Prozent in Deutschland bringen durchschnittliche Festgelder über die Laufzeiten hinweg eine leicht positive Realrendite. Im Klartext: Bei den derzeit genannten Durchschnittsniveaus kann die Kaufkraft trotz Preissteigerungen stabil bleiben oder sogar minimal wachsen, was für viele Haushalte psychologisch und strategisch wichtig ist. Gleichzeitig gilt: Tagesgeld ist zwar flexibel, aber die geringen Anpassungen vieler Institute drücken dort den Effekt für die Kaufkraft. Deshalb verlagert sich der Fokus vieler Sparer auf eine Kombination aus Laufzeitwahl, Realzinsbetrachtung und konsequenter Kontrolle der Konditionen.
Praktisch heißt das: Wer nicht häufig wechseln will, sollte sich am aktuellen Wettbewerb bei Standardkonditionen orientieren. Unter deutschen Banken liegt der höchste Bestandskundenzins für Tagesgeld derzeit bei 2,5 Prozent (Ascory Bank), bei Banken mit Sitz im europäischen Ausland werden bis zu 2,6 Prozent genannt (Ferratum). Für eine längerfristige Strategie ist damit weniger der nächste EZB-Termin der einzige Auslöser, sondern vor allem die Frage, wie schnell und wie vollständig Banken ihre Refinanzierungskosten über verschiedene Produktlinien weitergeben. Sobald sich hier weitere Verschiebungen abzeichnen, dürfte das Thema Einlagenwettbewerb noch stärker in den Fokus rücken.
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