BRÜSSEL / LONDON (IT BOLTWISE) – Donald Trump kündigt eine neue Section-301-Untersuchung gegen die EU an und verweist dabei auf die jüngsten Busse gegen Google. Als Grundlage dient dem US-Präsidenten das Argument, die EU betreibe einen „Raubzug“ zulasten des amerikanischen Steuerzahlers. Der Prozess folgt einem mehrmonatigen Prüfpfad beim Handelsbeauftragten, bevor mögliche Gegenmaßnahmen wie neue Zölle konkret werden. Für die Beziehungen zwischen Washington und Brüssel bedeutet das erneut eine Phase spürbarer Unsicherheit.

Der Handelsstreit zwischen den USA und der EU bekommt nach einer vergleichsweise ruhigeren Phase wieder spürbaren politischen Zündstoff: Donald Trump hat auf Truth Social eine Untersuchung nach Section 301 des US-Handelsgesetzes gegen Brüssel angekündigt. Gleichzeitig deutet er offen an, dass er neue Zölle für wahrscheinlich hält. Auslöser ist ein Rechts- und Wettbewerbsfall, der für europäische Kartell- und Plattformpolitik steht: Die EU-Kommission hatte Google wegen Verstößen im Umfeld von Google Search mit einer Strafe von 890 Millionen Euro belegt. In der Darstellung Trumps kippt damit nicht nur ein konkreter Fall, sondern auch die Grundsatzdebatte über Vergeltung, Fairness und wirtschaftliche Selbstbehauptung.
Technisch und wirtschaftlich lässt sich der Kern des EU-Vorwurfs so einordnen: Google habe bei der Suche eigene Angebote gegenüber unabhängigen Vergleichsdiensten prominenter platziert. Diese unabhängigen Portale sind für Konsumenten in der Praxis oft der Zugang zu Hotel- und Flugbuchungen sowie zu Preisvergleichen für Konsumgüter – also genau der Teil des digitalen Ökosystems, in dem Reichweite und Ranking-Entscheidungen über Marktchancen entscheiden. Wenn ein Plattformbetreiber seine Position im Suchumfeld nutzt, um eigene Dienste messbar besser sichtbar zu machen, wird das aus EU-Sicht schnell zu einem Thema für Wettbewerbsaufsicht statt nur für Produktmarketing. Trumps Reaktion verbindet diese Wettbewerbsfrage jedoch mit einer außenwirtschaftlichen Logik: Er stellt die EU nicht als regulierenden Rahmen dar, sondern als Akteur, der amerikanische Unternehmen systematisch belastet.
Trump argumentiert, die USA seien kein „Sparschwein“ für Europa und verweist zugleich auf andere Milliardenbeträge, die die EU gegen US-Tech-Unternehmen wie Apple, Meta oder Amazon verhängt hat. Dabei verschiebt sich die Perspektive von einzelnen Verfahren hin zu einem Musterbild: Brüssel agiere wie ein Gegner, der „illegales und höchst unethisches Verhalten“ durchsetze. Besonders relevant ist in diesem Zusammenhang, dass die angekündigte Section-301-Mechanik dem US-Präsidenten bereits jetzt ein Instrument an die Hand gibt, das er nach eigenen Angaben für die Rückkehr seiner Zollpolitik genutzt hat, nachdem der Oberste Gerichtshof frühere Tarife für rechtswidrig erklärt hatte. Der juristische und prozedurale Hebel bleibt damit nicht nur rhetorisch, sondern könnte in wirtschaftliche Gegenmaßnahmen münden.
Der geplante Ablauf der Untersuchung ist dabei relativ klar beschrieben. Zunächst soll das Büro des amerikanischen Handelsbeauftragten, im Text konkret als Jamieson Greer benannt, eine Untersuchung wegen des Verdachts auf unfaire Handelspraktiken einleiten. Anschließend folgt eine Phase, in der die betroffene Partei sowie weitere Beteiligte Zeit erhalten, sich zu äußern – entweder in einer Anhörung oder mit Stellungnahmen hinter verschlossenen Türen. Nach einigen Monaten soll der Handelsbeauftragte dann Ergebnisse präsentieren und dem Präsidenten mögliche Gegenmaßnahmen vorschlagen, falls der Verdacht aus seiner Sicht bestätigt wird. Genau in dieser Phase liegt ein großer Teil der Unsicherheit: Unternehmen, Verbände und Behörden wissen nicht nur, ob es zu Zöllen kommt, sondern auch, wie breit die Maßnahmen ausfallen könnten.
Damit droht erneut eine mehrmonatige Phase großer Ungewissheit zwischen Washington und Brüssel, bevor politische Entscheidungen überhaupt getroffen werden. Der Text stellt zusätzlich die Frage nach der Vereinbarkeit mit einer bestehenden Vereinbarung: Die EU und die USA hätten vor einem Jahr im schottischen Turnberry ein Abkommen geschlossen, nach dem Einfuhrzölle auf EU-Produkte 15 Prozent nicht überschreiten sollten – dabei mit erheblichen Zugeständnissen. Laut Darstellung hätten sich die USA bisher an diese Zusage gehalten, auch bei den seit Freitag geltenden Zöllen. Wenn Trump nun neue Strafzölle gegen die EU ankündigt, wäre die politische Konfliktlinie damit nicht nur eine Streitfrage über Zuständigkeiten, sondern potenziell ein Bruch mit der bisherigen Obergrenze, was wiederum die Wahrscheinlichkeit weiterer Eskalationsschritte erhöht.
In Brüssel setzt man dem mit einem zweigleisigen Argument entgegen: Erstens verweist man auf die regulatorische Autonomie der EU und die Bereitschaft, eigene Gesetze durchzusetzen. Eine EU-Sprecherin betonte zudem, dass man sich von der US-Regierung nicht von dieser Durchsetzung abhalten lasse. Zweitens soll der Vorwurf entkräftet werden, die EU diskriminiere amerikanische Unternehmen grundsätzlich. Als Gegenbeispiele nennt der Text Ermittlungen gegen chinesische Plattformen wie Temu und TikTok sowie eine separate EU-Busse gegen AliExpress in Höhe von 550 Millionen Euro wegen angeblich unzureichender Maßnahmen gegen den Versand illegaler Produkte. Damit argumentiert die EU weniger mit „Doppelstandards“ als mit einem konsistenten Aufsichtsansatz über unterschiedliche Herkunftsländer hinweg.
Für Unternehmen und Entwickler ist die Wirkung dieses Konflikts nicht abstrakt. Wenn Zölle und Handelshemmnisse mit Wettbewerbsentscheidungen in digitalen Märkten gekoppelt werden, entstehen zusätzliche Planungsrisiken in Lieferketten, Produkt-Rollouts und Preisstrategien. Noch stärker gilt das für Firmen, die in mehreren Rechtsräumen gleichzeitig arbeiten und ihre Compliance- und Rechtsverteidigungsaufwände nicht kurzfristig „wegverhandeln“ können. Zugleich zeigt der Ablauf nach Section 301, dass politische Maßnahmen in den USA oft über mehrstufige Verfahren vorbereitet werden, was zwar Zeit gibt, aber gleichzeitig auch die Wahrscheinlichkeit erhöht, dass sich Erwartungen und Gegenpositionen über Monate verfestigen. So oder so: Der Google-Fall wird damit zum symbolischen Katalysator für eine neue Runde im übergreifenden Verhältnis zwischen Washington und Brüssel.
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