BASEL / LONDON (IT BOLTWISE) – Novartis legt Quartalszahlen vor und liefert trotz eines massiven Entresto-Einbruchs mehr als erwartet. Der Nettoumsatz steigt im zweiten Quartal um 3 Prozent auf 14,4 Milliarden US-Dollar, während das bereinigte operative Kernergebnis bei 5,94 Milliarden US-Dollar liegt. Gleichzeitig beschleunigt der Verlust der Patentexklusivität den Rückgang bei Entresto, doch die Onkologie-Produkte Kisqali und Scemblix stabilisieren die Gesamtsicht spürbar. Der Konzern hält am Ausblick fest – entscheidend bleibt, wie stark die Entresto-Wirkung in der zweiten Jahreshälfte tatsächlich nachlässt.

Novartis trifft trotz Entresto-Rutsch die Analysten deutlich und setzt auf Onkologie
Novartis trifft trotz Entresto-Rutsch die Analysten deutlich und setzt auf Onkologie (Foto: IT BOLTWISE)
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Novartis wirkt auf den ersten Blick wie ein Konzern, der gerade in die Talsohle rutscht: Ausgerechnet das einstige Kassenschlager-Medikament Entresto verliert weiter an Boden und drückt die Umsatzlinie spürbar nach unten. Beim zweiten Quartal zeigt sich jedoch ein klassisches Muster in der Pharmaökonomie: Die „Gewinnzeile“ kann schlechter aussehen als das operative Fundament, wenn absehbare Patentabbrüche auf kurzfristige Sondereffekte treffen. Genau diese Diskrepanz macht die Meldung für Investoren so relevant, denn die Zahlen übertreffen die Erwartungen an mehreren zentralen Stellen deutlich.

Operativ liefert der Konzern aus Basel eine breite Wachstumswirkung, während die Kennzahlen zur Gewinnqualität gleichzeitig ein anderes Bild zeichnen. Der Nettoumsatz steigt im zweiten Quartal um 3 Prozent auf 14,4 Milliarden US-Dollar und liegt damit über der durchschnittlichen Analystenschätzung. Noch stärker fällt die Überraschung beim bereinigten operativen Kernergebnis aus: Es bleibt mit 5,94 Milliarden US-Dollar stabil auf Vorjahresniveau und übertrifft damit eine erwartete Größe von 5,31 Milliarden US-Dollar. Auch beim Gewinn je Aktie gelingt Novartis mit 2,41 US-Dollar ein deutlicher Treffer oberhalb der Konsensprognose von 2,17 US-Dollar, wodurch die anfängliche Schwäche aus dem ersten Quartal zumindest teilweise kompensiert wird.

Die eigentliche Belastung bleibt Entresto. Der Umsatz bricht im zweiten Quartal um 50 Prozent auf 1,18 Milliarden US-Dollar ein und verfehlt die (bereits gedämpfte) Erwartung von 1,23 Milliarden US-Dollar. Im ersten Quartal hatte der Rückgang noch bei 42 Prozent gelegen; die Erosion beschleunigt sich damit. Als Treiber nennt das Management den Verlust der Patentexklusivität in den USA, dem ab November der nächste Einschnitt in Europa folgen soll. In solchen Phasen wirken die ersten Quartale einer Patentwelle oft wie eine Vorankündigung, bis die Generika- und Biosimilar-Konkurrenz die Marktpreise stärker erodiert und damit die Umsätze real unter Druck setzt.

Während die Altprodukte nachgeben, verschiebt sich der Fokus der Ergebnisstabilisierung klar auf neue Wachstumstreiber. In der Onkologie legt Kisqali um 44 Prozent auf 1,695 Milliarden US-Dollar zu und wird damit zum zweitstärksten Einzelprodukt im Portfolio; Scemblix wächst sogar um 89 Prozent auf 562 Millionen US-Dollar. Auch außerhalb der Onkologie liefert die Produktseite Reibungspunkte: Kesimpta steigt um 32 Prozent auf 1,424 Milliarden US-Dollar, Pluvicto klettert um 43 Prozent auf 651 Millionen US-Dollar, und Leqvio gewinnt 61 Prozent auf 480 Millionen US-Dollar. Insgesamt addieren sich die 20 größten Marken auf ein Plus von 2 Prozent – ein Hinweis darauf, dass die neuen Zugpferde die schrumpfenden Altumsätze zwar nicht verhindern, aber spürbar abfedern können.

Dass das Konzernergebnis dennoch sinkt, lässt sich aus der Trennung von operativem Kerngeschäft und „Bottom Line“ erklären. Der Konzerngewinn fällt um 19 Prozent auf rund 3,26 Milliarden US-Dollar, nach 4,02 Milliarden US-Dollar im Vorjahresquartal; auch der ausgewiesene Gewinn je Aktie sinkt von 2,07 auf 1,71 US-Dollar. Als Ursachen nennt Novartis vor allem höhere Ertragssteuern sowie einen höheren Zinsaufwand – Faktoren, die nicht direkt aus dem laufenden Produktgeschäft stammen. Zusätzlich gibt das ausgewiesene, nicht bereinigte operative Ergebnis um 2 Prozent auf knapp 4,75 Milliarden US-Dollar nach. Für Analysten und CFO-Teams ist diese Struktur wichtig: Sie signalisiert, dass das operative Momentum zwar stabil sein kann, der ausgewiesene Gewinn aber durch steuerliche und finanzierungsseitige Effekte dennoch verwässert wird.

Mit Blick auf die historische Komponente ordnet Novartis die Entwicklung als Teil der „schlimmsten Patentwelle“ in der Firmengeschichte ein. Mehrere frühere Blockbuster verlieren in kurzer Zeit ihren Patentschutz – neben Entresto auch Promacta und Tasigna. Der Zeitpunkt ist aus Market-Sicht heikel, weil Patentabläufe typischerweise in Wellen laufen: In der ersten Jahreshälfte 2026 sollen die negativen Effekte stärker ausfallen als in der zweiten. Um den Übergang abzufedern, setzt der Konzern parallel auf Übernahmen und Lizenzdeals sowie auf eine ambitionierte Forschungspipeline, in der etwa Wirkstoffe gegen Muskelerkrankungen, Radiopharmazeutika gegen Prostatakrebs sowie ein Kandidat gegen chronische Nesselsucht genannt werden. Dazu kommt, dass neue Zulassungen wie die in Kanada die „Replacement“-Strategie im Portfolio unterstützen sollen.

Trotz der dynamischen Rückgänge hält Novartis am Jahresausblick fest. Für das Gesamtjahr erwartet der Konzern weiterhin ein währungsbereinigtes Umsatzwachstum im niedrigen einstelligen Prozentbereich, während das bereinigte operative Kernergebnis in ähnlicher Größenordnung sinken soll. In der ersten Jahreshälfte lag der Nettoumsatz insgesamt bei 27,52 Milliarden US-Dollar, währungsbereinigt entspricht das einem Plus von 1 Prozent; das währungsbereinigte operative Kernergebnis gab um 7 Prozent nach. An der Börse starteten Anleger vor den Zahlen zunächst verhalten: Die Aktie fiel am Berichtstag zunächst um rund 2 Prozent, nachdem sie Ende Februar mit 131 Franken ein Zwölfmonatshoch markiert hatte. Ob die robusten operativen Resultate die lange erwartete Entlastung von der Entresto-Wirkung tatsächlich einleiten, wird sich laut Marktlogik vor allem daran zeigen, wie stark der Rückgang in den kommenden Quartalen hinter die Zahlenlinie rückt.


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