ELLWANGEN / LONDON (IT BOLTWISE) – Der Batterieexperte Dirk Uwe Sauer von der RWTH Aachen sieht in der möglichen Zerschlagung des Batterieherstellers Varta ein Risiko für die gesamte Branche in Deutschland. Er argumentiert, dass nicht nur Arbeitsplätze, sondern vor allem der Finanzierungskanal für Innovationen unter Druck geraten könnten. Gleichzeitig verweist er darauf, dass Varta technologisch stark aufgestellt sei, das Kernproblem aber bei Preis und fehlender Serienvolumenfähigkeit liege. Als Ausweg nennt Sauer unter anderem Natrium-Ionen-Batterien, die Europa unabhängiger machen könnten.

In Ellwangen gewinnt die Debatte um die Zukunft der Batterieindustrie eine neue Schärfe: Dirk Uwe Sauer, Professor an der RWTH Aachen und Inhaber des Lehrstuhls für Elektrochemische Energiewandlung und Speichersystemtechnik, ordnet die drohende Zerschlagung von Varta als Branchenrisiko ein. „Die Zerschlagung von Varta wäre ein weiterer Schlag für die Batterieindustrie in Deutschland“, sagte er. Damit setzt der Batterieexperte den Fokus weniger auf die einzelne Unternehmensschicksalsfrage, sondern auf die Frage, ob Deutschland die Fähigkeit behält, hochqualitative Batterieproduktion in ausreichendem Umfang zu skalieren und Innovationen aus dem laufenden Geschäft heraus zu finanzieren.
Im Zentrum der aktuellen Entwicklung steht ein Schritt, der den Geschäftsbereich mit bekannten Haushaltsbatterien aus dem Varta-Konzern ausgliedern soll. Laut Darstellung wird dies von einer Ad-hoc-Gläubigergruppe aus Deutsche-Bank-nahen Strukturen und Finanzinvestoren wie RBC BlueBay, Blantyre und Whitebox verfolgt; als Begründung wird die angespannte Finanzlage genannt. Varta selbst hat parallel einen Antrag auf vorläufige Insolvenz in Eigenverwaltung gestellt, um die wirtschaftliche Zukunft abzusichern und den Geschäftsbetrieb nachhaltig fortzuführen. Wichtig für die operative Bewertung: Das Geschäft mit den Haushaltsbatterien soll dem beantragten Insolvenzverfahren zufolge nicht unmittelbar betroffen sein.
Technisch bewertet Sauer Varta deutlich differenzierter als die reine Finanzlogik des Restrukturierungsprozesses. „Technologisch ist das, was Varta macht, sehr gut“, sagte er. Entscheidend wird für ihn jedoch die Wirtschaftlichkeit im Massengeschäft: „Am Ende ist aber alles eine Frage des Preises.“ Daraus leitet sich sein nächster Punkt ab, der die Wettbewerbsposition deutscher Hersteller strukturell betrifft: Deutschland verfüge über „nur wenige Unternehmen wie Varta“ und darüber hinaus nicht über die erforderliche große Volumenherstellung. Diese Lücke wirkt wie ein Verstärker für Preis- und Margendruck, weil Skaleneffekte im Einkauf, bei Produktionsanlagen sowie in der Qualitätsabsicherung in der Praxis stark darüber entscheiden, wie widerstandsfähig ein Werk gegenüber Preisspitzen bleibt.
Als Belastungsfaktor setzt Sauer den Blick explizit auf den internationalen Wettbewerb, insbesondere auf China. Dort sehe er nicht nur ausreichendes Volumen, sondern auch einen „ruinösen Preiskampf“, der selbst technologisch starke Anbieter in eine defensive Kostenposition drückt. Dass Deutschland in dieses Dilemma hineinlaufe, beschreibt er als bekannte Entwicklung: „Wir wissen schon lange, dass wir in dieses Dilemma mit der Abhängigkeit von China hineinlaufen.“ Für Unternehmen bedeutet das: Technologieführerschaft allein reicht selten, wenn Produktionsmengen, Materialzugang und Preisbildung im Markt nicht gleichzeitig abgesichert sind. In solchen Phasen wird die Frage nach der Finanzierung von Innovationen nicht abstrakt, sondern hängt unmittelbar an der Frage, wie lange ein Unternehmen entlang der Wertschöpfungskette wirtschaftlich produzieren kann.
Gerade dort setzt die strategische Brücke zu neuen Chemien an. Varta arbeitet unter anderem an Natrium-Ionen-Batterien, die in der Diskussion häufig als Zukunftstechnologie eingeordnet werden. Sauer stellt diese Perspektive in einen Europa-Kontext: „Natrium-Ionen-Batterien sind für Europa eine echte Chance, um weniger abhängig von China zu sein, weil man über den Weltmarkt hierfür besser an die benötigten Rohstoffe kommt.“ In der Logik solcher Systeme geht es nicht nur um die Wahl der Zellchemie, sondern auch um die Lieferketten-Resilienz und die Fähigkeit, Rohstoffe handelbar zu beziehen, ohne in einem eng verknappten, geopolitisch riskanten Markt festzuhängen. Wenn Europa es schafft, Natrium-Ionen-Batterien industriell auszurollen, könnte das den Preisdruck langfristig dämpfen und zugleich neue Fertigungskompetenzen aufbauen.
Für Sauer ist die Konsequenz klar: Es dürfe keine Option sein, auf europäische Batteriehersteller zu verzichten. Der Hinweis wirkt wie eine Zielmarke für Politik, Kapital und Industrieplanung zugleich, weil gerade in solchen Umstrukturierungen die mittelfristige Kompetenzbasis gefährdet wird. Dabei geht es auch um die Praxisfrage, wie Innovationen in einer Situation hoher Unsicherheit finanziert werden: Wenn ein „Gewinnbringer“ aus dem Unternehmen herausgenommen wird, stellt sich „die Frage, wie Innovationen finanziert werden können“. Der laufende Insolvenz- und Restrukturierungsprozess wird damit nicht nur als Sanierungsfall gelesen, sondern als Test dafür, ob Deutschland die industrielle Substanz erhält, die es braucht, um neue Batteriegenerationen tatsächlich in Serie zu bringen.
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