LONDON / LONDON (IT BOLTWISE) – Eine neue Studie ordnet Aphantasie präziser ein: Betroffene haben demnach vor allem Schwierigkeiten, Gesichter in der Wahrnehmung genau zu verarbeiten und sich sie langfristig zu merken. Überraschend bleibt jedoch die Fähigkeit erhalten, anhand zweier Fotos zuverlässig zu entscheiden, ob sie dieselbe Person zeigen. Die Arbeit zerlegt Gesichtserkennung damit in messbare Teilfähigkeiten statt sie als einheitliches Defizit zu behandeln. Für Kliniken und Forschung ist das relevant, weil „Gesichtsblindheit“ nicht automatisch das gleiche bedeutet wie Aphantasie.

Menschen, die keine „Augen im Kopf“ bilden können, kämpfen oft nicht mit dem Sehen an sich, sondern mit der Fähigkeit, sich Bilder im Geist zu erzeugen. Diese als Aphantasie bekannte psychologische Besonderheit beschreibt eine deutlich reduzierte oder fehlende Fähigkeit, visuelle Vorstellungen zu konstruieren. Wenn Betroffene gedanklich „einen Apfel“ abrufen sollen, entsteht bei vielen nicht das mentale Bild aus Form und Farbe, sondern eher Wissen ohne anschauliche Darstellung. Genau an diesem Punkt setzt eine aktuelle Untersuchung an: Sie fragt nicht nur, ob Gesichter schwerer zu erkennen sind, sondern welcher Teilprozess der Gesichtserkennung ausfällt.
Im Zentrum steht dabei die klassische Alltagsbeobachtung, dass Aphantasie häufig mit Problemen bei der Gesichtserkennung einhergeht. Frühere Arbeiten hatten bereits auf Selbstberichte verwiesen, nach denen Betroffene Namen an Gesichter schwerer knüpfen oder wiedererkennen. In manchen Fällen erfüllen Betroffene sogar Kriterien einer neurologisch bekannten Gesichtsblindheit, die oft als Prosopagnosie beschrieben wird. Die neue Studie verschiebt jedoch den Fokus: Statt Aphantasie pauschal als „Gesichtsblindheit light“ zu behandeln, wird die Gesichtserkennung in einzelne Phasen zerlegt – Wahrnehmung, Zuordnung und Gedächtnis – um zu prüfen, ob alle Phasen gleichermaßen betroffen sind.
Um diese Teilmechanismen zu isolieren, wurden 34 Erwachsene mit angeborener Aphantasie rekrutiert und mit 41 Personen ohne auffällige Einschränkungen in der visuellen Vorstellungsfähigkeit verglichen. Die Gruppen waren grob nach Alter angepasst; die mittlere Spanne lag bei etwa 40 bis 42 Jahren. Zur Einordnung der Bildhaftigkeit nutzten die Forschenden den Vividness of Visual Imagery Questionnaire, mit dem Teilnehmende die Lebhaftigkeit ihrer mentalen Bilder bewerten. Wer sehr niedrige Werte angab, wurde der Aphantasie-Gruppe zugeteilt; bei hohen Werten landeten die Teilnehmenden in der Kontrollgruppe. So lässt sich zumindest statistisch abgrenzen, ob Unterschiede in den Gesichtsaufgaben wirklich mit dem Grad an visueller Imagination zusammenhängen.
Für die eigentlichen Tests kombinierten die Autorinnen und Autoren mehrere Aufgaben, die jeweils auf unterschiedliche Aspekte abzielen. Im Oxford Face Matching Test sahen die Teilnehmenden 200 Paare von Gesichtern, die jeweils nur knapp über anderthalb Sekunden eingeblendet wurden: In der Hälfte der Fälle waren es zwei Fotos derselben Person, in der anderen Hälfte zwei unterschiedliche Personen. Danach entschieden die Teilnehmenden, ob es sich um dasselbe Individuum handelt, und bewerteten zusätzlich, wie ähnlich sich die Gesichter „perzeptiv“ wirken, auf einer Skala von 0 bis 100. Entscheidend ist: Die Auswertung trennte bewusst eine reine Entscheidungskomponente von der Frage, wie präzise die visuelle Ähnlichkeit im Moment der Wahrnehmung beurteilt wird.
Damit die Wahrnehmung nicht nur über subjektive Urteile gemessen wird, verwendeten die Forschenden eine analytische Strategie mit Referenzwerten aus Computer-Vision. Die menschlichen Ähnlichkeitsbewertungen wurden mit Ähnlichkeitswerten verglichen, die drei fortgeschrittene Gesichtserkennungs-Algorithmen generierten. Weichen die menschlichen Ratings stark von den objektiven algorithmischen Bewertungen ab, deutet das auf geringere Genauigkeit in der Wahrnehmung komplexer Gesichtsmerkmale hin. Genau das zeigten die Ergebnisse bei der Aphantasie-Gruppe: Ihre Ähnlichkeitsurteile im gepaarten Foto-Setting deviieren signifikant stärker. Das spricht dafür, dass die grundlegende Verarbeitung feiner, komplexer Gesichtsinformationen weniger präzise ist – während nicht automatisch alle Facetten der Gesichtserkennung „kaputt“ sein müssen.
Doch die eigentliche Überraschung kommt, wenn die Analyse zum Matching und zum Gedächtnis übergeht. Beim grundsätzlichen Face-Matching – also der Frage, ob zwei nebeneinander gezeigte Fotos dieselbe Person zeigen – waren die Aphantasie-Teilnehmenden genauso genau wie die Kontrollgruppe. Die Fähigkeit zur Unterscheidung blieb also offenbar erhalten, sobald die Aufgabe im Modus „gleiche Person vs. andere Person“ gelöst wird. Erst beim Face Memory Test zeigten sich klarere Einschränkungen: Die Teilnehmenden mussten sechs neue Gesichter lernen und anschließend in 72 Durchläufen das Zielgesicht unter Ablenkern identifizieren, wobei die Schwierigkeit mit veränderter Beleuchtung und Perspektive stieg. In den späteren Phasen wurde der „Schnappschuss“-Charakter gezielt erschwert, sodass stärker eine strukturelle Gedächtnisrepräsentation gefordert war. Die Aphantasie-Gruppe schnitt dabei signifikant schlechter ab; selbst nachdem der statistische Einfluss von Wahrnehmung und Matching rechnerisch herausgerechnet wurde, blieb die geringere Gedächtnisleistung bestehen.
Für die Einordnung ist auch wichtig, dass die Studie nicht in eine simple Schublade „Aphantasie = schwere Prosopagnosie“ verfällt. In den Selbstberichten zur Alltagsfähigkeit erreichten etwa 26 Prozent der Aphantasie-Teilnehmenden einen strengen Schwellenwert, der auf Gesichtsblindheit hindeutet; in der Kontrollgruppe erreichte niemand diese Grenze. Gleichzeitig gilt laut den Testwerten: Die Mehrheit der Aphantasie-Teilnehmenden wurde in den objektiven Kriterien nicht klinisch als Prosopagnosie klassifiziert. Zudem fanden die Autorinnen und Autoren keine statistisch signifikanten Unterschiede in den gemessenen autistischen Traits zwischen beiden Gruppen; lediglich ein leichter Trend zugunsten höherer Werte bei Aphantasie war erkennbar. Die Daten zeichnen damit eher das Bild einer selektiven Schwäche: Aphantasie wirkt besonders auf Gesichtswahrnehmung und vor allem auf Gesichtsgedächtnis, während der schnelle Abgleich zweier Fotos nicht zwangsläufig leidet. Für Forschung und Praxis bedeutet das: Wenn man Unterstützungs- oder Trainingsprogramme entwickelt, sollte man Aufgaben nicht „als ein einziges Gesichtsproblem“ behandeln, sondern die betroffenen Teilfähigkeiten gezielt messen und adressieren.
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