LONDON / LONDON (IT BOLTWISE) – Michael Foale erinnert im Interview an die Mir-Krise vom 25. Mai 1997, als ein automatisches Andocken misslang und eine Progress-Frachtkapsel die Raumstation schwer beschädigte. Entscheidend war eine manuelle Andockentscheidung aus großer Entfernung – ohne das eigentlich vorgesehene Radar. Für die Besatzung wurde es dabei buchstäblich knapp: Als die Druckentlastung begann, waren nur noch 23 Minuten Sauerstoff übrig. Foale ordnet zudem ein, warum er selbst und insbesondere die Kosmonauten in dieser Lage nicht nur Technik, sondern auch Verantwortung unter extremem Zeitdruck tragen mussten.

Mir-Kollision 1997: Michael Foale über 23 Minuten Sauerstoff und die falsche Funkradar-Entscheidung
Mir-Kollision 1997: Michael Foale über 23 Minuten Sauerstoff und die falsche Funkradar-Entscheidung (Foto: IT BOLTWISE)
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Als die Raumfahrt Mitte der 1990er Jahre stärker nach Routinen aussah, zeigte die Mir-Kollision vom 25. Mai 1997, wie schnell aus Routine echte Existenzfragen werden können. Im Zentrum steht ein Ereignis, bei dem ein unbemanntes Progress-Frachtschiff beim Andocken eine schwere Beschädigung an der Spektr-Modulstruktur auslöste und eine Dekompression auslöste. Michael Foale, der die Situation später im Kontext einer neuen Dokumentationsreihe schildert, macht dabei vor allem zwei Dinge greifbar: erstens, wie knapp die Zeit wirklich war, und zweitens, welche technischen Entscheidungen die Lage verschärften.

Die technische Ausgangslage war zugleich einfach und tödlich: Eine manuelle Andockprozedur wurde durchgeführt, obwohl sie von der Entfernung her an die Grenzen des menschlich und instrumentell Machbaren ging. Foale beschreibt, dass die Entscheidung auf der Suche nach Einsparungen beruhte und dass das Radar, das für die präzise Steuerung nötig gewesen wäre, nicht genutzt wurde. In seinen Worten wird das Kostenargument konkret: „…and the radar was built in Ukraine and cost $2 million in that timeframe.“ Damit ist nicht nur eine Komponente benannt, sondern auch das Muster: Wenn ein Systemteil in einer kritischen Phase fehlt, muss die Besatzung das mit anderen Mitteln kompensieren – typischerweise mit zusätzlicher Unsicherheit und damit mit höherem Risiko. Genau diese zusätzliche Unsicherheit wird später auch als Problem im Manöver beschrieben: Progress wurde von einem Startpunkt in etwa 6 Kilometer Entfernung angesetzt, ohne dass die nötige Radarinformation zur Verfügung stand.

Was in der Gegenwart oft wie ein „Unglück“ klingt, hatte im Kern eine mess- und regelungstechnische Lücke. Foale erklärt, dass der Kosmonaut Vasily Tsibliev während des Manövers nicht zuverlässig bestimmen konnte, welche Schließgeschwindigkeit sich aus den verfügbaren Echtzeitmessungen ergab: „He couldn’t ascertain distance very well, but you need the distance first, and then you need to divide by time to get the velocity.“ In dieser Kette ist die Reihenfolge entscheidend: Abstand verlässlich zu erfassen ist die Voraussetzung dafür, die Geschwindigkeit überhaupt rechnerisch abzuleiten. Wenn dann noch die verfügbare Zeitfensterung hart ist, wird aus einer kleinen Messabweichung schnell eine Steuerung, die das Andockziel verfehlt. Das Ergebnis war kein sanftes „Ankommen“, sondern ein Auftreffen: Foale schildert, dass Progress abprallte, dabei Teile am Spektr-Modul beschädigte und auch eine Solaranlagenstruktur verbog. Der Schaden hatte einen physischen Punkt, an dem die Leckage ihren Ursprung nahm: eine gerissene Verbindung im Bereich der Solaranlage zum Modul.

Für die Besatzung lief parallel die Schadensbegrenzung, und genau hier wird der menschliche Faktor als technische Notwendigkeit sichtbar. Foale nennt eine Zahl, die man sich als Sicherheits- und Einsatzgröße merken muss: „With only 23 minutes of oxygen left…“ Unter diesem Zeitbudget mussten sie die Druckleckage stoppen und die unkontrollierte Bewegung des Raumfahrzeugs unterbrechen. Dass sie es dennoch schafften, ist weniger ein Zufallsargument als ein Zusammenspiel aus Prozeduren und schneller Anpassung. Foale ordnet außerdem die spätere interne Maßnahmenplanung ein: Adapter und interne Arbeiten sollten dabei helfen, Strom- und Kabelverbindungen wieder nutzbar zu machen, nachdem das Spektr-Modul nicht mehr zuverlässig integrierbar war. Er beschreibt, dass Sasha Lazutkin und Vasily Tsibliev für einen internen „spacewalk“ vorgesehen waren, wobei Tsibliev aufgrund der Stresssituation und der vor dem Eingriff vorgesehenen medizinischen Tests nicht bestehen konnte. Danach kam der Entscheidungsdruck in einer neuen Form zurück, als Foale gefragt wurde, den Schritt anstelle von Vasily zu übernehmen.

Diese zweite Phase der Krise zeigt, wie eng Technik und soziale Verantwortung in Extremsituationen beieinanderliegen. Foale erinnert sich an den Moment, in dem Valery Ryumin ihn direkt ansprach: Foale berichtet, „Oh, Michael, you’re on the radio. I’m going to ask you, would you be willing to go in and do the spacewalk inside the Spektr module instead of Vasily?“ Und während der Auftrag zunächst „nur“ eine Aufgabenverschiebung war, wurde er für die beteiligten Personen als Gesichtsverlust und Lastverschiebung wahrgenommen. Foale sagt offen, dass der Austausch eine zusätzliche Belastung für Tsibliev darstellte, weil Tsibliev die Kollision bereits als eigenen Fehler einordnete: „…it was so humiliating for him. And he took all the blame of the collision on his shoulders, which was unfair.“ In einer solchen Konstellation wird deutlich, warum Vorfallaufarbeitung in der Raumfahrt mehr braucht als reine Technikreviews: Menschen verarbeiten Schuld, Risiko und Ergebnis unter außergewöhnlicher psychologischer Spannung.

Auch jenseits der unmittelbaren Krise liefert das Interview eine zweite, weniger dramatische Erkenntnis: die Zeit nach dem Flug. Foale beschreibt, dass die Rückkehr in das normale Leben nach einer Laufbahn mit 30-jähriger NASA-Zeit und sechs Missionen zunächst schwer fiel, weil die eigene Rolle plötzlich endete. Er formuliert das als Moment, in dem ihm gesagt wurde: „Oh, you’re done.“ Gleichzeitig betont er den Wunsch, den Raumfahrtgedanken in anderer Form weiterzuführen, etwa als Mentor oder Guide auf späteren kommerziellen Missionen. Seine heutige Perspektive ist dabei pragmatisch: Das, was er an Raumfahrt emotional liebt, spiegelt sich in „s soaring and flying“ wider, nur eben nicht mehr im Spacesuit an der Außenhaut eines Moduls. Für Unternehmen und Entwickler im Enterprise-Umfeld lässt sich daraus eine Analogie ziehen: Wenn kritische Systeme ausfallen, entscheidet nicht nur das Design, sondern auch die Fähigkeit zur schnellen Verantwortungs- und Entscheidungsorganisation unter Stress.

Aus Sicht der Technikgeschichte lässt sich die Mir-Kollision außerdem in eine Entwicklung einordnen, die man auch in moderner Raumfahrt immer wieder sieht: präzise Sensorik, robuste Andockprofile und Kommunikations-/Navigationsketten werden nicht „nice to have“, sondern Sicherheitsanker. Der Punkt, dass ein Radar mit Kosten im Millionenbereich den Ausschlag gab, zeigt zwar eine haushaltspolitische Realität, macht aber zugleich klar, was passieren kann, wenn Einsparungen an einem sicherheitskritischen Instrument ansetzen. Gleichzeitig verdeutlicht die Ereigniskette, warum Training, Messwertverständnis und klare Notfallprozeduren so zentral sind: Bei einem Manöver, bei dem „distance“ nicht zuverlässig bestimmt werden kann, wächst das Fehlerpotenzial nicht linear, sondern wirkt in der Regelungskette als Verstärker. Genau deshalb bleibt die Mir-Kollision für die Raumfahrt ein Referenzfall, nicht nur als Katastrophe, sondern als Lehrstück für Systemarchitektur, Entscheidungslogik und Mensch-Maschine-Interaktion.


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