FARNBOROUGH / LONDON (IT BOLTWISE) – Rüstungs-Konzerne investieren dieses Jahr so viel wie nie in Militär-Startups und verschieben damit ihren Fokus von reiner Großplattform-Entwicklung hin zu schneller Tech-Adaption. Laut Dealroom flossen bisher 4,1 Mrd. US-Dollar in Venture-Capital-Runden an Defence-Tech-Unternehmen. Im Umfeld der Farnborough-Ausstellung zeigt sich zudem, wie stark der Kapitalmarkt auf Drohnen, Robotik und Gegenmaßnahmen setzt. Für Konzerne bedeutet das: mehr frühe Beteiligungen, mehr M&A-Druck und eine engere Verzahnung mit Entwicklungs-Teams.

Europäische Rüstungs-Konzerne pushen KI- und Drohnen-Startups mit Rekordinvestitionen
Europäische Rüstungs-Konzerne pushen KI- und Drohnen-Startups mit Rekordinvestitionen (Foto: IT BOLTWISE)
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Wer Farnborough dieses Jahr gesehen hat, versteht die Logik hinter dem Kapitalstrom: In dem Moment, in dem Drohnen, autonome Systeme und schnelle Gegenmaßnahmen den Takt moderner Konflikte bestimmen, müssen auch etablierte Rüstungskonzerne ihre Innovationszyklen neu verkürzen. Genau deshalb wird die diesjährige Investitionswelle als „Rekord“ eingeordnet – nicht nur als Signal von mehr Geld, sondern als Versuch, den Mix aus bewährten Plattformen und neuen, disruptiven Technologien aktiv zu gestalten. Datengrundlage sind dabei Zahlen von Dealroom: Die „defence primes“ – große Anbieter mit engen Verbindungen zu westlichen Regierungen und Streitkräften – beteiligten sich demnach in diesem Jahr bisher an Venture-Capital-Runden in Höhe von 4,1 Mrd. US-Dollar.

Technisch betrachtet wirkt diese Entwicklung wie eine Branchen-Umstellung vom klassischen Produktportfolio hin zu einem Portfolio aus Fähigkeiten. In den Konflikten der jüngeren Zeit wird die Notwendigkeit betont, dass etablierte Systeme nicht einfach ersetzt werden, sondern neben neuen Bausteinen bestehen können. Das spiegelt sich auch in den Themen, die auf der Messe sichtbar waren: Defence-Tech-Startups präsentierten Technologien, die sich für Banken und Investoren besonders gut in eine Roadmap übersetzen lassen – etwa autonome Drohnen, Sensorik, Maritime-Robotik und Navigationskomponenten. Auffällig ist zudem die Skalierung des Messe-Ökosystems: Laut Veranstaltern lag der Anteil der Verteidigungsunternehmen bei einem Rekord von der Hälfte der 1.636 Aussteller, weil zuvor vor allem zivil getriebene Luftfahrt dominiert hatte.

Die Kapitalmärkte verbinden diese Nachfrage inzwischen mit deutlich höheren Deal-Werten. Insgesamt seien globale defence-bezogene Transaktionen – einschließlich M&A und Fundraisings – bereits über 40 Mrd. US-Dollar gekommen und lägen damit auf Kurs, den bisherigen Rekord von 59 Mrd. US-Dollar aus dem Jahr 2019 zu brechen. Besonders viel Momentum zeigen die Startups selbst: Die Summe, die Defence- und Security-Startups eingesammelt haben, erreicht nach Dealroom 39,8 Mrd. US-Dollar. Parallel zeigt sich im Wettbewerb um Tech-Assets eine Verschiebung hin zu „Nimble“-Playern, die schneller als klassische Großorganisationen entwickeln können und damit in den Portfoliostrategien eine andere Rolle spielen.

Dass das nicht nur bei Investitionen bleibt, sieht man an den großen Übernahme- und Bietergefechten. Thales plant den Kauf von Exail Technologies, das als maritimes Robotics- und Navigationsthema beschrieben wird, für 3,9 Mrd. Euro; Thales habe damit einen französischen Wettbewerber, Safran, geschlagen. Ebenfalls am selben Tag überbot Lockheed Martin Rivalen inklusive Thales, um Ultra Maritime für 3,45 Mrd. US-Dollar zu übernehmen. Solche Sequenzen sind mehr als einzelne Deals: Sie zeigen, dass große Verteidigungskonzerne ihre Tech-Stacks zunehmend über M&A sowie großvolumige Fundraisings aufstocken wollen, statt Innovation ausschließlich intern zu erarbeiten. Für die Startups ist das ein zweischneidiges Signal: Einerseits beschleunigt es Finanzierung und Marktzugang, andererseits steigt der Druck, ihre Technologie so zu positionieren, dass sie in bestehende Produktlinien integriert werden kann.

Die zweite große Säule ist die Verstärkung von Forschung und Entwicklung sowie der Aufbau eigener Startup-Investmentarme. Laut Vertical Research Partners haben 13 der größten Waffenhersteller – Airbus und Boeing werden wegen ihrer großen zivilen Aktivitäten ausgenommen – ihr internes R&D demnach von 2021 bis 2026 um mehr als 25 % auf 11,6 Mrd. US-Dollar erhöht. Konkrete Beispiele aus Europa unterstreichen, wie zielgerichtet das geschieht: BAE hat 50 Mio. Euro in zwei Fonds zugesagt, die von Lakestar und Expeditions geführt werden; Lockheed Martin will zudem mindestens 100 Mio. US-Dollar in UK- und europäische Defence-Tech-Startups investieren und dabei seine Start-up-Arm-Planung von 400 Mio. US-Dollar auf 1 Mrd. US-Dollar ausweiten. Besonders relevant für das „Technologie-Fit“-Thema: Im Rahmen des Fonds koppelt der US-Konzern Startup-Teams mit eigenen Ingenieurinnen und Ingenieuren, um früh zu prüfen, wie sich die Technologie in die eigenen Angebote integrieren lässt.

Auch auf der Airbus-Seite wird die Strategie über Partnerschaften und Fonds konkret. Die deutsche Defence- und Space-Einheit nennt, zum Teil entlang des internationalen Konfliktgeschehens, eine zunehmende Geschwindigkeit des technologischen Wandels als Grund dafür, „viable partner systems“ aufzubauen – also verlässliche Ökosysteme mit kleineren, agilen Akteuren. Gleichzeitig wird ein neuer Fonds beschrieben: Der E2D-Fonds, der auf 500 Mio. Euro zielt, soll Technologien adressieren, die sowohl zivile als auch militärische Nutzung ermöglichen; außerdem wird auf Kooperationen mit mehreren Startups verwiesen, darunter die ukrainische SkyFall und der estnische Missile-Builder Frankenburg Technologies. Für Unternehmen im Markt heißt das: Der Wert entsteht weniger in einzelnen Produktinnovationen, sondern in der Fähigkeit, KI-gestützte Analyse-, Navigations- und Autonomiebausteine in vernetzte Systeme zu überführen und dabei Schnittstellen, Betriebslogik und Sicherheitsanforderungen gleichzeitig mitzudenken.

Am Ende entscheidet dann die praktische Frage, die Investoren bei Gesprächen offenbar besonders häufig stellen: Wie sieht die zukünftige Kriegsführung aus – und welche Technologien lösen darin konkrete Engpässe? Im Text werden als Leitplanken die Erfahrungen aus Russlands anhaltender Invasion in der Ukraine sowie aus dem US-Konfliktkontext mit Iran genannt, in dem Luft- und Seedrohnen sowie Gegenmaßnahmen eine wachsende Rolle spielen. Für die Startups geht es damit um mehr als „Proof of Concept“; sie müssen belegen, dass Leistung unter realistischen Rahmenbedingungen funktioniert und sich skalieren lässt. Für Defence-Primes bedeutet es wiederum, dass sie sich stärker wie Venture-Capital-Anleger verhalten: nicht nur Ressourcen in die nächsten Großplattformen zu stecken, sondern auch in die nächste Fähigkeitsgeneration – inklusive der dafür nötigen Engineering-Integration.


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