HAMBURG / LONDON (IT BOLTWISE) – Seit der Coronakrise macht sich in Deutschland eine pessimistische Grundstimmung breit, wie Umfragen bis 2024 zeigen. Ein Zukunftsforscher sieht dafür vor allem eine anhaltende Dominanz negativer Meldungen, die Gefühle von Angst vor der Zukunft verstärke. Gleichzeitig spielen gefälschte Nachrichten im Netz eine Rolle: Ein großer Teil der Befragten glaubt, dass Fake News Zweifel an Online-Informationen erhöhen. Offen bleibt, ob Menschen das Problem mittlerweile bewusster handhaben oder sich eher an die Verzerrung gewöhnen.

Seit der Coronakrise beobachtet ein Hamburger Zukunftsforscher Horst Opaschowski eine Veränderung im Meinungs- und Gefühlsbild der Bevölkerung: Mehr Menschen als zuvor geben an, nicht recht zu wissen, worauf sie sich angesichts der anhaltenden Krisenlage freuen können. Seine Kernaussage zielt weniger auf eine einzelne politische oder wirtschaftliche Entwicklung als auf einen über Jahre anhaltenden Stimmungspegel. Das Muster soll sich in repräsentativen Erhebungen ablesen lassen, die Opaschowski seit vielen Jahrzehnten mit unterschiedlichen Umfrageinstrumenten begleitet.
Der Mechanismus dahinter erklärt er mit der Informationsumgebung: Medien hätten nach seiner Einschätzung eine Mitschuld, weil negative und teils gefälschte Nachrichten in der öffentlichen Wahrnehmung zunehmend dominieren. In den genannten Umfragekooperationen mit dem Ipsos-Institut werden dabei Werte berichtet, die besonders eindrücklich auf die Breite der Wirkung deuten: In den Jahren 2020 bis 2024 hätten jeweils rund drei Viertel der Befragten in diese Richtung tendiert. Opaschowski bringt das Bild auf den Punkt, indem er „ständige Alarm- und Krisenmeldungen“ wie einen Brandbeschleuniger beschreibt. Wichtig ist dabei sein Hinweis, dass die Menschen nicht naiv seien: Sie wollen laut seinem Fazit informiert und aufgeklärt werden, erwarten jedoch ebenso positive Nachrichten und konkrete Lösungsansätze aus Politik und Medien.
Technisch betrachtet lässt sich diese Dynamik auch als Zusammenspiel aus Inhaltsangebot, Aufmerksamkeitsmechanismen und psychologischer Gewichtung von Risiken verstehen. Negative Meldungen sind in der Regel schneller verfügbar, lassen sich stärker zuspitzen und werden in der täglichen Nachrichtenlogik häufig mit hoher Frequenz ausgespielt. Wenn sich dann über längere Zeiträume die Bilanz „Probleme ohne Perspektive“ durchsetzt, verschiebt sich die Erwartungshaltung: Selbst bei insgesamt kritischem Blick auf Informationen bleibt ein Gefühl der Überforderung möglich. Genau hier setzt Opaschowskis zweite Stoßrichtung an: Andauernde Negativnachrichten ohne begleitende Lösungen seien für viele zu dominant. Dass die Bevölkerung nicht nur Alarm hören, sondern auch „Erklärungen“ und „Optionen“ möchte, klingt damit wie ein Ruf nach strukturiertem Risiko- und Fortschrittsframing.
Neben der Tonalität der Berichterstattung nennt der Zukunftsforscher auch gefälschte Nachrichten (Fake News) als Verstärker. In einer repräsentativen Umfrage vom vergangenen Mai stimmten 76 Prozent der Aussage zu, dass gefälschte Nachrichten wachsende Zweifel an im Internet verbreiteten Informationen erzeugen. Bemerkenswert ist der Vergleich zum Vorjahr: Für 2024 wird berichtet, dass damals noch 84 Prozent diese Wirkung gespürt hätten. Daraus ergibt sich für ihn eine offene Frage, ob die Menschen inzwischen bewusster mit dem Problem umgehen oder sich möglicherweise stärker an Falschinformationen gewöhnt haben. Die Zahl ist damit nicht nur ein Stimmungsindikator, sondern auch ein Hinweis auf Lern- und Gewöhnungsprozesse in der digitalen Informationsnutzung.
Dass die Wirkung von Fake News regional unterschiedlich ausfällt, macht Opaschowski ebenfalls fest: In Bayern lägen die Werte bei 74 Prozent, während Nordrhein-Westfalen mit 90 Prozent deutlich höher liege. In den übrigen Bundesländern seien keine Extremwerte erkennbar oder die Ergebnisse wegen kleiner Fallzahlen nicht belastbar ausgewertet worden. Für Unternehmen, Plattformbetreiber und auch für öffentliche Institutionen ist das relevant, weil es nahelegt, dass Gegenmaßnahmen nicht überall identisch wirken. Unterschiedliche Mediennutzungsgewohnheiten, lokale Netzwerke und regionale Themenlandschaften können dazu führen, dass dieselbe Art von Desinformation verschieden „ankommt“.
Für den weiteren Umgang mit dem Problem folgt aus der beschriebenen Lage eine praktische Schlussfolgerung: Es reicht nicht, Fake News isoliert zu „bekämpfen“, wenn zugleich das Gesamtbild der Nachrichtenwelt überwiegend negativ bleibt. Die Menschen wollen informiert werden, zugleich aber nicht dauerhaft in einer Krisenkaskade gehalten werden. Das bedeutet nicht, dass über Risiken geschwiegen werden sollte; vielmehr geht es um eine Balance aus Transparenz, Kontext und messbaren Lösungsperspektiven. Wenn Medien zusätzlich stärker auf Problemlösungen, Fortschritte und konkrete Handlungsoptionen verweisen, könnte sich der berichtete Stimmungsdruck reduzieren. Für Organisationen, die mit Kommunikation arbeiten, heißt das: Inhaltsqualität und -taktung sind ebenso entscheidend wie die inhaltliche Wahrheit.
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