BEIJING / LONDON (IT BOLTWISE) – China hat den Aufbau seiner ersten kommerziellen Satellitenkonstellation zur Überwachung von Weltraumschrott gestartet. Im Fokus steht ein 120-Satelliten-Netzwerk für eine nahezu durchgängige Zielerkennung über viele Umlaufbahnen hinweg. Der erste Start mit einer Lijian-1-Rakete bringt die Phase LX630 mit 14 Satelliten in Bewegung. Entwickler setzen dabei auf einen KI-gestützten Bordcomputer für Routineeinsätze und schnelle Reaktionen, ohne dass ständig Bodenpersonal eingreifen muss.

China beginnt mit dem Aufbau einer kommerziellen Konstellation, die das Risiko durch Weltraumschrott im Alltag messbar reduzieren soll: Eine erste Generation von Satelliten wurde bereits auf den Weg gebracht, um rund um die Uhr Ziele in verschiedenen Bahnhöhen zu detektieren. Kernziel ist eine zuverlässigere, datenreiche Überwachung über niedrige, mittlere und hohe Umlaufbahnen hinweg, während die Zahl an Starts und aktiven Missionen weiter steigt. Die Nachricht ist damit nicht nur ein weiterer Satellitenstart, sondern ein Schritt hin zu systematischem Space-Traffic-Management mit stärkerer Automatisierung.
Der operative Auftakt erfolgte am Freitag per Start einer Lijian-1-Rakete aus dem Nordwesten Chinas; damit ging der erste Satellit der „Gande Constellation“ in den Orbit. Für die Ingenieursseite wird der Mehrwert klar benannt: Die Konstellation soll eine Lücke in Chinas Fähigkeiten zur raumgestützten Schrottbeobachtung schließen. Entwickelt wird das Projekt von ATmoto Technology, einem privaten Raumfahrtunternehmen mit Sitz in Peking. Geplant ist ein gestuftes Vorgehen in drei Phasen, wobei eine vollständige Ausbaustufe noch vor dem Jahr 2030 erreichbar sein soll.
Technisch startet das Vorhaben mit der ersten Phase, die als LX630 bezeichnet wird und 14 Satelliten umfasst. Diese Satelliten werden gemeinsam von Liangxi Aerospace Technology Group und ATmoto Technology gebaut, wobei Liangxi in Wuxi im Osten des Landes fertigt. Schon in dieser Anfangsstufe liegt der Schwerpunkt auf umfassendem Monitoring und dem Katalogisieren von Objekten. Entscheidender Unterschied zu „nur beobachten“-Konzepten: Laut den Projektangaben ist der erste Satellit mit einem onboard KI-unterstützten Computer ausgestattet, der Routineüberwachung, Notfallreaktionen und schnelle Verfolgungsaufgaben flexibel ausführen soll. Dadurch wird der Prozess entkoppelt von häufigen Bodeninterventionen, was gerade bei schnellen Annäherungen im Orbit den Unterschied zwischen Reaktionszeit und verpasster Gelegenheit ausmachen kann.
Zusätzlich zu der KI-gestützten Zielverarbeitung wird dem Satelliten eine Fähigkeit zur Bahntransferevolution zugeschrieben. In der Praxis bedeutet das: Der Satellit kann für Nahbereichsbeobachtung und weitere komplexe In-Orbit-Operationen näher an Zielobjekte heranmanövrieren, ohne dass jedes Ereignis zwingend einen komplett neuen Start oder eine harte Missionsumbuchung auslöst. Gerade solche In-Orbit-Fähigkeiten sind ein vielversprechender Hebel, um aus einem „groben Lagebild“ ein präziseres Objektverhalten abzuleiten. Das knüpft an eine reale Problemkulisse an: Medienberichten zufolge soll die Anzahl von Schrottfragmenten größer als ein Zentimeter bereits die Marke von einer Million überschritten haben. Diese Teile bewegen sich mit etwa 7,9 km pro Sekunde und tragen bei einem Aufprall enorme kinetische Energie.
Dass der Bedarf nicht abstrakt ist, zeigen konkrete Beobachtungen aus vergangenen Missionen: So musste ein bemanntes Raumschiff im Rahmen einer längeren Verweildauer an der Raumstation bleiben, nachdem während der Mission Schäden am Fenster der Rückkehrkapsel durch einen Einschlag von Weltraumschrott aufgetreten waren. In einem weiteren Fall führten Arbeiten im Außenbereich der Raumstation dazu, dass unter anderem Solarmodule repariert wurden, deren Komponenten ebenfalls orbitalen Trümmern zum Opfer gefallen waren. Solche Ereignisse verdeutlichen, warum Überwachung, Katalogpflege und schnelle Tracking-Mechanismen in den operativen Alltag rücken. Die Gande Constellation steht damit in einer Reihe von Initiativen, die sowohl Abschirmungskonzepte verbessern als auch die Detektion und Reaktionsfähigkeit erhöhen.
Bemerkenswert ist außerdem, wie das Projekt seinen kulturellen Anker setzt: Die Konstellation trägt den Namen „Gande“, verbunden mit einem chinesischen Astronomen aus der Zeit der Warring States, der für frühe Sternkataloge bekannt ist. Das ist keine technische Information, aber es signalisiert, dass die Raumfahrt hier nicht nur als Ingenieurdisziplin, sondern auch als langfristige Beobachtungs- und Datenstrategie verstanden wird. Für die nächsten Ausbaustufen nennen die Entwickler klare Funktionsblöcke: Die zweite Phase soll 36 Satelliten ergänzen, die mit hochauflösender Bildgebung sowie Sensoren für das elektromagnetische Umfeld ausgerüstet sind. Die dritte Phase sieht 70 KI-aktivierte Satelliten vor, die auf Objekterkennung, Verhaltensanalyse und autonome Entscheidungsfindung zielen.
Für Unternehmen und Betreiber im Orbit ergibt sich daraus vor allem ein Erwartungsprofil: Wenn mehr Satelliten die Aufgabe übernehmen, wird die Katalogisierung statistisch robuster, und Entscheidungen können schneller dort getroffen werden, wo die Zeit knapp ist – direkt im System. Gleichzeitig verschiebt sich die Bedeutung von KI nicht nur in die Modellstufe, sondern in die Betriebsarchitektur: KI-gestützte Bordlogik entscheidet über Routine, Ausnahmezustände und Timing, während Sensorsignale und In-Orbit-Operationen die Grundlage für präzisere Lagebilder liefern. In einem Markt, in dem immer mehr Starts, Planetarmissionen und Satellitendienste entstehen, ist das strategisch relevant, weil es Risiken reduziert, bevor sie sich in Ausfällen, Reparaturen oder Missionserweiterungen manifestieren. Mit dem geplanten Vollausbau vor 2030 wird die Konstellation damit zu einem echten Infrastrukturversuch: Entscheidend wird sein, wie gut die Sensorik mit dem KI-gestützten Betrieb verzahnt ist und wie belastbar die Kette von Detektion, Tracking und Katalogpflege in realen Ereignissen bleibt.
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