GRIECHENLAND / LONDON (IT BOLTWISE) – Das griechische IRIS-System steuert laut Plan auf 176 Millionen Nutzer zu und soll bis Jahresende in die European Payments Alliance (EuroPA) hineinwachsen. Parallel rollt im Handel mit Wero ein neues Echtzeit-Zahlverfahren aus, das etwa im deutschen Online-Shop von Lidl startet. Im Hintergrund treiben Institute auch tokenisierte Abwicklung und regulierte Euro-Stablecoins voran. Für Banken und Händler wird damit Echtzeit-Interoperabilität zum Wettbewerbsfaktor, nicht nur zum technischen Upgrade.

Europa diskutiert den digitalen Zahlungsverkehr gerade an mehreren Fronten gleichzeitig: oben auf der Policy-Ebene über ein souveränes Echtzeit-Zahlungssystem, unten in der Umsetzung über laufende Rollouts regionaler Netze. Der konkrete Aufhänger ist das griechische IRIS-System, das bereits kostenlose Peer-to-Peer-Zahlungen in Echtzeit per Mobilnummer erlaubt. Während Analysten am 26. Juli 2026 die grundsätzliche Machbarkeit einer einheitlichen europäischen Lösung abwägen, zeigt IRIS vor allem eines: Integration entsteht nicht als Big-Bang, sondern über Reichweite, Schnittstellen und die Gewohnheiten der Nutzer.
IRIS wächst dabei deutlich schneller, als man es von klassischen Zahlungsverkehrs-Programmen kennt. Laut Plan soll die Nutzerbasis bis Ende des laufenden Jahres von derzeit 57,3 Millionen Menschen auf 176 Millionen steigen. Der Weg dorthin führt über eine schrittweise Ausweitung auf zunächst Italien, Spanien, Portugal und Andorra; anschließend ist eine weitere Skalierung auf insgesamt 18 Länder vorgesehen. Zusätzlich kommt ein institutionelles Element hinzu: Im Zuge dieser Skalierung ist der Beitritt in die European Payments Alliance (EuroPA) vorgesehen, wobei alle griechischen Banken den Einstieg bis zum Jahresende vollziehen sollen. Technisch betrachtet bedeutet das vor allem, dass Verfügbarkeit und Settlement-Logik nicht länger nur national gedacht werden, sondern sich an einen größeren Verbund ausrichten müssen.
Parallel dazu gewinnt im Handel ein anderes Echtzeit-Ökosystem an Bedeutung, das stärker im Endkundenerlebnis verankert ist. Die European Payments Initiative (EPI) bringt mit Wero eine Retail-Lösung, die als Nachfolgelösung für Giropay positioniert wird und in mehreren Ländern schon im Alltag ankommt: In Deutschland ist Wero im Juli 2026 als neue Echtzeit-Zahlungsoption in einem Online-Shop eines großen Discounter-Anbieters integriert worden. Nutzer können Zahlungen über ihre Banking-App oder per QR-Code anstoßen, und zwar über teilnehmende Bankinstitute hinweg. Auch Neobroker wie bunq nutzen die Infrastruktur und bieten in Belgien inzwischen belgische IBANs sowie Wero-Zahlungen an. Dahinter steht das Ziel, bestehende Dienste wie Payconiq und iDEAL in ein einheitlicheres europäisches System auf Basis von Instant SEPA zusammenzuführen.
Während sich IRIS und Wero im Frontbereich der Zahlungsabwicklung wiederfinden, verlagert sich der Fokus für viele Institutionen auf die Backoffice-Frage: Wie schnell und risikoarm lässt sich Abwicklung über Grenzen hinweg durchführen? Hier spielt das BIS Project Agorá eine Rolle, das in aktuellen Untersuchungen betont, dass tokenisierte Zahlungen grenzüberschreitende Transaktionen in Sekunden ermöglichen können und zugleich Abwicklungsrisiken reduzieren. Entscheidend ist dabei weniger die Schlagzeile als der technische Mechanismus: Tokenisierung kann Abwicklungsdaten und Zustandswechsel so bündeln, dass Prozessketten kürzer werden und zwischen Parteien weniger Medienbrüche entstehen. Eine Live-Testphase für diese Technologie wurde bereits angekündigt, womit der Schritt vom Konzept in den operativen Betrieb näher rückt.
Ein weiterer Strang betrifft stabile digitale Währungen als Infrastruktur für Liquidität. Das Euro-Stablecoin-Konsortium Qivalis plant den Markstart für die zweite Jahreshälfte 2026 und arbeitet dabei mit 37 Banken aus 15 Ländern. Entwickelt werden soll ein regulierter Euro-Stablecoin unter den Vorgaben der MiCA-Verordnung, unterstützt durch den Dienstleister Fireblocks. Das strategische Ziel ist, die Dominanz von Dollar-Stablecoins zu brechen. Als Kontext nennt der Bericht einen Marktanteil von 82,5 Prozent für Dollar-basierte Werte bei einem Gesamtmarkt von 322,1 Milliarden USD, während Euro-Stablecoins lediglich 0,18 Prozent erreichen. Für Banken und Plattformbetreiber ist das weniger eine Währungsfrage als eine Frage nach nutzbaren Settlement-Ketten: Wo Liquidität verfügbar ist und wie gut sich ein Vermögenswert in bestehende Prozesse einbinden lässt, entscheidet oft schneller über Erfolg oder Stillstand als die reine Technologie.
Auch in Regionen außerhalb des Kernmarkts und sogar innerhalb einzelner Länder wird die Wettbewerbslogik sichtbar. EZB-Präsidentin Christine Lagarde hat den geplanten Beitritt Nordmazedoniens zur TIPS-Clone-Plattform für November 2026 bestätigt; gemeinsam mit Albanien und dem Kosovo soll das Land damit Bosnien und Montenegro in einem Projektkontext folgen, der auf eine regionale Infrastruktur für Instant Payments zielt und lokale Systeme an europäische Standards angleicht. In Irland wiederum ist mit Zippay ein Instant-Payment-Dienst gestartet, an dem Bank of Ireland, AIB und PTSB beteiligt sind; er ist direkt in die Apps der Banken integriert und tritt damit auch gegen Angebote wie Revolut an. Die Konditionen sind klar begrenzt: 1.000 Euro pro Tag für Sendungen und bis zu 500 Euro pro Einzeltransaktion bei Zahlungsanfragen. Als Differenzierung nennen die beteiligten Institute vor allem Sicherheitsstandards und Kundenservice. Damit wird deutlich, wie sich das Feld verschiebt: Nicht der einzelne Anbieter gewinnt, sondern das Zusammenspiel aus Geschwindigkeit, Sicherheit und Interoperabilität – und genau dort liegt die nächste Projektagenda für IT-Teams in Banken, bei Händlern und bei Zahlungsdienstleistern.
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