LONDON (IT BOLTWISE) – In der Nacht zum Sonntag setzt Russland nach Angaben der ukrainischen Seite wieder auf eine Mischung aus Marschflugkörpern, ballistischen Raketen und zahlreichen Drohnen. Während die Luftabwehr mehrere Ziele abwehrt, steigen die zivilen Opferzahlen auch in den Folgetagen. Kiew weitet parallel Angriffe mit Drohnen ins russische Hinterland aus, unter anderem auf Logistik- und Industrieeinrichtungen. Zugleich bleibt der politische Spielraum nach bisherigen Hinweisen eng: Verhandlungen liegen auf Eis, und mögliche Impulse aus Washington werden vom Kreml mit Skepsis betrachtet.

Ukraine-Krieg im Live-Überblick: Ballistische Raketen, Drohnen und neue Opferzahlen
Ukraine-Krieg im Live-Überblick: Ballistische Raketen, Drohnen und neue Opferzahlen (Foto: IT BOLTWISE)
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Der Ukraine-Krieg verschiebt sich trotz fehlender greifbarer Bewegung an der Front weiter in Richtung schwerer und für die Zivilbevölkerung besonders riskanter Intensität. In der Nacht zum Sonntag meldeten mehrere Stellen neue Opfer durch russische Angriffe, darunter auch in Regionen, die nicht unmittelbar an der vordersten Linie liegen. Allein in Saporischschja kamen nach Angaben der Behörden mindestens drei Menschen durch Angriffe ums Leben, weitere fast 20 wurden verletzt. In Charkiw tötete ein Treffer nach Behördenangaben eine 40-Jährige; neun weitere Personen wurden verletzt, darunter ein zehn Jahre alter Junge. Diese Zahlen folgen einem Muster, das sich in den vergangenen Monaten immer wieder gezeigt hat: Selbst wenn die militärische Lage lokal anders aussieht, trifft die Gewalt häufig Wohn- und Alltagsinfrastruktur.

Technisch betrachtet ist dabei besonders die Zusammensetzung der Angriffswellen entscheidend. Die ukrainische Luftwaffe erklärte, Russland habe in der Nacht mit einem Marschflugkörper, sieben ballistischen Raketen und 136 Drohnen angegriffen. Abgewehrt worden seien demnach der Marschflugkörper, fünf ballistische Raketen und 104 Drohnen. Für die Luftabwehr bedeutet das: Ballistische Raketen sind aufgrund ihrer hohen Geschwindigkeit deutlich schwerer im Abfangen als Marschflugkörper, die für Angreifer zudem besser manövrierbar sind und durch ihre niedrigere Flughöhe oft später oder weniger präzise erfasst werden. Drohnen wirken in solchen Wellen dagegen häufig als „Volumenkomponente“: Sie erhöhen den Aufwand für Sensorik, Zuordnung und Abwehrsysteme, selbst wenn einzelne Drohnentypen nicht dieselbe unmittelbare kinetische Wirkung haben wie eine ballistische Rakete.

Politisch und militärisch zeigt sich zugleich ein Wechselspiel, das auch in den russischen und ukrainischen Zielsetzungen sichtbar wird. Kiews Präsident Wolodymyr Selenskyj warnte am Freitag vor einem weiteren massiven Raketenangriff aus Moskau und stellte dabei einmal mehr die Hauptstadt Kiew in den Mittelpunkt. Nach Behördenangaben wurden bei Angriffen in der Nacht zum Sonntag in Kiew drei Menschen verletzt. Das russische Verteidigungsministerium bestätigte Angriffe auf Kiew und sprach davon, „Rüstungsfabriken“ angegriffen zu haben; unabhängig überprüfbar waren diese Angaben im Bericht jedoch nicht. Auch auf der anderen Seite werden zivile Folgen in von Russland besetzten Gebieten genannt: In Saporischschja etwa berichteten dortige Besatzungsbehörden von mindestens zwölf Toten und 19 Verletzten in einer touristischen Einrichtung. Unabhängige Bestätigungen fehlen in solchen Fällen regelmäßig, was die Lageberichterstattung schwer belastbar macht.

Daneben setzt Kiew auch auf Angriffe mit Drohnen im russischen Hinterland, um die räumliche Reichweite des Krieges zu verschieben. Mehrfach habe es dabei die Ukraine auch Standorte des großen Online-Versandhändlers Wildberries angegriffen, den sie in den russischen Angriffskrieg „verstrickt“ sieht. Als Beispiel wird genannt, dass am Samstag ein Logistikzentrum in Jekaterinburg am Ural ins Visier genommen worden sei. Das Unternehmen habe Mitarbeiter evakuiert; Verletzte wurden dem Bericht zufolge diesmal nicht gemeldet. Ergänzend hieß es, es habe Meldungen über Verletzte aus den Gebieten Rostow und Belgorod gegeben. Gleichzeitig nennt der Bericht einen strategischen Ansatz: Mit Gegenangriffen auf die russische Energieindustrie wolle Kiew den Treibstoffnachschub für russische Truppen stören und Moskaus „Kriegskasse“ verkleinern. Aus Moskau kam dazu scharfe Kritik, unter anderem über die Außenministeriumssprecherin Maria Sacharowa, die bei Tass sinngemäß Konsequenzen für Kiews Vorgehen in Aussicht stellte.

Derweil dauert auch der Seekrieg in mehreren Regionen an, was die Dimension des Konflikts erweitert. Die iranische Regierung protestierte gegen einen ukrainischen Angriff auf ein Frachtschiff im Kaspischen Meer, bei dem ein Mensch getötet worden sein soll. In der Teheraner Mitteilung des Außenministeriums wurde das als Akt der Aggression beschrieben, der den Krieg weiter anfachen könne und zudem gegen das Völkerrecht verstoße. Selenskyj hatte Angriffe auf Schiffe im Kaspischen Meer in sozialen Medien verkündet und dabei laut Bericht auch Schiffe genannt, die militärische Güter geladen und einen Bezug zum Iran gehabt hätten. Später verwies Selenskyj zudem auf verstärkte Zusammenarbeit zwischen Moskau und Teheran; Russland liefere dem Bericht zufolge „intensiv“ Satellitenaufnahmen aus der Golfregion an das iranische Militär. Damit wird deutlich, wie stark sich maritime Operationen und Informationsbeziehungen in diesem Konflikt überlagern.

Am politischen Ende des Tages bleibt das Bild unübersichtlich, aber vor allem: kurzfristig eng. Selenskyj rechnet damit, dass Nordkorea Russland im Krieg mit weiteren Truppen und schweren Waffen unterstützen könnte; er nannte dabei die Vorbereitung, weitere 30.000 nordkoreanische Soldaten in der Region Woronesch unterzubringen, und berief sich auf Geheimdienstinformationen. Gleichzeitig liegen direkte Verhandlungen zwischen Moskau und Kiew nach bisherigen Angaben derzeit auf Eis, nachdem zuletzt die USA vermittelt hatten. Auch mit Blick auf ein bevorstehendes Treffen Selenskyjs mit US-Präsident Donald Trump zeigte sich der Kreml wenig optimistisch: Kremlsprecher Dmitri Peskow äußerte, man habe „etwas“ von neuen Friedensformeln gehört, werde diese aber erst im Zeitverlauf kennen, und alles Weitere hänge davon ab, ob die Vorschläge den eigenen Interessen entsprechen. Für Unternehmen in Europa bedeutet das: Sicherheits- und Risikoparameter bleiben vermutlich länger als nur saisonale Schwankungen relevant, selbst wenn an einzelnen Frontabschnitten Ruheperioden entstehen.


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