LONDON (IT BOLTWISE) – Nachdem zwei aufeinanderfolgende Optionsabläufe das sogenannte Max-Pain-Niveau kaum beeinflusst haben, wirkt der Markt für Bitcoin gerade bemerkenswert antriebslos. Am Freitag sind rund 19.000 Bitcoin-Optionen mit einem nominalen Volumen von etwa 1,2 Mrd. US-Dollar abgelaufen, ohne dass sich ein Preisziehen zeigte. Stattdessen sprechen die Daten für dünne Nachfrage auf beiden Seiten: Käufer wie Verkäufer agieren offenbar mit Zurückhaltung. Entscheidend wird nun ein separates Optionskonstrukt über 2,5 Mrd. US-Dollar, das bis zum 31. Juli eine Bewegung oberhalb von 70.000 US-Dollar verlangt.

Über weite Teile des Julis hatten Bitcoin-Trader eine Erklärung parat, warum die Kursbewegung ausbleibt: Eine dichte Optionslage, so die Narrative, „kapselt“ den Preis ein. Konkret ging es um Kontrakte, deren Abwicklung die Verkäufer der Optionen möglichst schadensarm gestalten wollen. Wenn Händler solche Positionen absichern oder in Schritten hedgen müssen, kann das kurzfristig die Bewegungsfreiheit dämpfen. Doch mit zwei aufeinanderfolgenden Freitags-Abläufen ist genau dieses Argument in sich zusammengefallen: Der Markt ist danach wieder dort gelandet, wo er vorher gestartet ist.
Am Wochenende notierte Bitcoin rund unter 64.000 US-Dollar; der Wochenverlauf blieb dabei geprägt von einer vergeblichen Verteidigung der 66.000-US-Dollar-Marke und einem anschließenden Rückfall durch eben jene Zone, die zuvor „gehalten“ werden sollte. Der zentrale Ablauftag liefert den nüchternen Gegenbeweis: Auf Deribit liefen etwa 19.000 Bitcoin-Optionen im Gegenwert von ungefähr 1,2 Mrd. US-Dollar um 08:00 UTC aus. Der Exchange nannte als „Max-Pain“ für diese Laufzeit 64.500 US-Dollar, Bitcoin schloss aber bei 64.140 US-Dollar, also rund 360 US-Dollar darunter. Damit war nicht nur die Richtung anders als erwartet, sondern auch der Abstand zu einem angeblichen „Anziehungszentrum“ groß genug, um die These zu entwerten.
Max Pain klingt in der öffentlichen Diskussion wie ein mechanischer Magnet, ist aber in der Sache vor allem eine Kennzahl, die den minimalen Auszahlungsbetrag der Optionsverkäufer bei Settlement-Preis x beschreibt. Eine Option wiederum gibt das Recht, Bitcoin zu einem festen Preis an einem bestimmten Datum zu kaufen oder zu verkaufen. Max Pain wird dann aus der offenen Optionsstruktur berechnet: Es ist die Preisregion, in der die Verkäufer beim Verfall am wenigsten zahlen müssten. Der entscheidende Punkt für die Praxis lautet: Max Pain enthält keine eigene Preisfahrbahn. Es ist eine Momentaufnahme, wo sich Wetten gestapelt haben, nicht ein Steuerungsmechanismus, der den Markt aktiv in diese Region drückt.
Dass das so schwer „durchzuziehen“ ist, zeigt auch der Vergleich der beiden Wochenenden: Eine identisch große Optionslaufzeit lag zuvor mit einem Max-Pain-Niveau von 63.000 US-Dollar daneben, und Bitcoin driftete anschließend dennoch in Richtung 65.400 US-Dollar. Zwei unterschiedliche Abläufe, zwei unterschiedliche Ergebnisse – in beiden Fällen ohne ein sichtbares Ziehen zum Max-Pain. Dazu kommt eine weitere Einschränkung, die in Marktkommentaren oft unterschätzt wird: Selbst wenn sich die Optionszahlen pro Strike lesen lassen, bleibt unklar, auf welcher Seite konkrete Marktteilnehmer stehen und wie sie während der Hedging-Phasen tatsächlich reagieren. Ohne diese Zuordnung lässt sich die „Dealer-Positionierung“ meist nur als Annahme rekonstruieren.
Was dagegen unmittelbar aus dem Handelsbild erkennbar war, betrifft das Tempo auf beiden Seiten des Orderbuchs. CryptoQuant verfolgt exchange-weite Flows, die zeigen, welche Seite über den Spread hinausgeht, um gefüllt zu werden – ein Proxy dafür, wer „in Eile“ ist. Sowohl am Donnerstag als auch am Freitag waren die Verkäufer die schnellere Seite. Der Coinbase-Premium-Index, der den Preis auf dem größten US-Handelsplatz gegenüber Offshore-Venues vergleicht, rutschte am Freitag auf einen Discount von 0,088 % – der höchste Wert seit dem 16. Juli. Gleichzeitig wurden die Hebel-Long-Positionen deutlich stärker herausgedrängt: Leverage-Longs verloren am Freitag 45,9 Mio. US-Dollar, während die Short-Seite nur 7,4 Mio. US-Dollar sah; rechnerisch ergibt sich damit ein Verhältnis von etwa sechs zu eins zugunsten der Long-Ausbuchungen. Auffällig ist dabei, dass der Hebel selbst nicht explosionsartig angestiegen ist: Funding Rates lagen im Schnitt bei 0,0038 % und damit unter 0,0064 % fünf Tage zuvor, also nur knapp über neutral.
Ein weiterer Belastungsfaktor war die Kapitalflüsse über Spot-Bitcoin-ETFs. Am Donnerstag gingen sie um 225,2 Mio. US-Dollar zurück und beendeten damit eine sieben Sitzungen lange Zuflussserie, die knapp an die 1 Mrd. US-Dollar heranreichte; besonders stark war der Beitrag von BlackRocks IBIT mit 202,5 Mio. US-Dollar an der Umkehr. Dennoch blieb die Woche insgesamt leicht positiv bei rund 274 Mio. US-Dollar. Auf der Makroseite drückte außerdem die neu aufkeimende Spannung zwischen den USA und dem Iran auf die Risikobereitschaft: Aktien fielen ins Wochenende, und Crypto Fear and Greed sank um drei Punkte auf 28. Auch die Volatilität entspannte sich spürbar: Die implizite Volatilität glitt in Richtung 35 %.
Die „noch lebende“ Wette im Optionskomplex ist allerdings konkret genug, um kurzfristig Erwartungen zu fokussieren. Der Blick richtet sich auf Deribits offene Positionen bei den Strikes 70.000 und 72.000 US-Dollar für den monatlichen Ablauf am 31. Juli: Zusammen trägt das Board dort fast 5 Mrd. US-Dollar Open Interest, das etwa 18 % des gesamten Bitcoin-Optionsbuchs von rund 28 Mrd. US-Dollar ausmacht. Interessanterweise dominieren Calls in beiden Strikes. Am 20. Juli lagen dabei rund 27.000 Kontrakte bei 70.000 US-Dollar und etwa 21.000 bei 72.000. Ein besonders großer Block fällt auf: Er kombiniert den Kauf von 20.000 Calls am 70.000-Strike mit dem Verkauf von 20.000 Calls am 72.000-Strike – eine Konstruktion mit grobem Bruttobezugswert von etwa 2,5 Mrd. US-Dollar über beide Legs.
Dieses Setup belohnt eine Bewegung oberhalb von 70.000 US-Dollar und bremst darüber hinaus den weiteren Nutzen, sobald 72.000 erreicht oder überschritten ist. Es ist also weniger eine Wette auf „maximalen Kurs“, sondern auf einen spezifischen Pfad innerhalb eines Zeitfensters. Genau deshalb wirkt die Terminkette so heikel: Der Ablauf liegt rund zwei Tage nach einer Sitzung des Federal Open Market Committee, bei der die Kommunikation über den Satzungstext als Signaldomäne gilt, weil keine detaillierten ökonomischen Projektionen angekündigt sind. Die Rahmenlage ist zudem bereits eingepreist: Seit mehreren Sitzungen bewegten sich Zinserwartungen in einer Spanne von 3,50 % bis 3,75 %, während Terminkurse in der Nähe von etwa „ein Drittel Wahrscheinlichkeit“ für einen Viertelpunktanstieg handeln – und ein Cut faktisch bei null bleibt. Für Bitcoin bedeutet das, dass zusätzlich zu den Optionshebeln auch Makro-„Timing“ entscheidet: Damit der 70.000-Strike „in the money“ schließt, fehlen etwa 9 % in sechs Tagen. Derivateimplikationen deuten nur auf eine begrenzte Wahrscheinlichkeit hin, dass der Markt die Schwelle überhaupt anspielt; besonders nah am Markt sitzt zugleich Gamma-Exposure, aber der größere, weit entfernte Block entfaltet erst dann spürbaren Effekt, wenn der Preis den größten Teil der Strecke selbst zurücklegt. Am Ende bleibt die harte Erkenntnis: Die wöchentlichen Abläufe haben bislang keine Magnetwirkung entfaltet, und die Richtung überlässt Bitcoin weiter vor allem dem Spot-Markt – nur dass diesmal eine große, ziemlich präzise Optionswette das Publikum mental auf eine konkrete Schwelle zwingt.
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