LONDON (IT BOLTWISE) – In East London entsteht mit dem „Lift House“ ein Hacker House, das ausdrücklich gegen das überdrehte Startup-Event-Theater in San Francisco setzt. Sechs Bewohner kombinieren Co-Living, gemeinsames Arbeiten und einen festen Rhythmus aus Journaling, Sport und ruhigem Austausch. Im Mittelpunkt steht dabei nicht nur „Londonmaxxing“ als Lifestyle-Optimierung, sondern auch ein konkretes Unternehmensziel: KI-gestützte Agenten in der Praxis besser deployen. Die Frage bleibt, wie lange sich dieses Modell gegen den Sog schneller Exit-Logik und US-Investorendruck behaupten kann.

Im East-London-Umfeld fällt ein bestimmtes Wohn- und Arbeitsmodell schon beim ersten Blick auf: Das „London Island Founder House“, intern „Lift House“ genannt, sitzt in einem mehrstöckigen Gebäude mit Blick auf das Wasser und wirkt wie ein bewusst kuratiertes Gegenstück zu den klassischen Hacker Houses. Sechs Menschen Anfang/Mitte 20 leben dort gemeinsam, arbeiten oft im selben Haus und ersetzen einen Teil des sonst üblichen „Demo Day“-Getöses durch einen erklärten Fokus auf Lebensqualität und mentale Routine. Rowan Aldean, 26, beschreibt das Ziel als „holistic improvement in life“ statt als Pflichtprogramm rund um Sprint-Kultur. Der entscheidende Unterschied ist dabei nicht nur der Kalender, sondern auch das Selbstverständnis: Das Haus wird nach dem Lift benannt – also nach dem Aufzug im Gebäude – und versteht sich als „uplift“-Mission für Tech-Gründer.
Konkreter wird es beim Alltag, den die Bewohner selbst als planbar und zugleich flexibel darstellen. Der Zeitraum im Lift House ist nicht starr; einige bleiben nur etwa einen Monat, andere planen mindestens sechs Monate. Einkäufe erledigen die Bewohner grundsätzlich selbst, doch viele kochen gemeinsam und teilen Zutaten. Auch die Reinigung wird aufgeteilt, während Details zur Miete bewusst nicht öffentlich gemacht werden. Interessant ist vor allem das „Balanced“-Narrativ: Der Anspruch, Ambition ohne permanenten Adrenalin-Modus zu leben, wird im Haus wöchentlich in soziale Rituale übersetzt. Sonntags journaling zusammen: David Amor, 28, hat diese Praxis in den Alltag eingebracht und nutzt sie als Messinstrument – unter anderem für Zeit in der Natur, Ernährung und Bewegung, also für Parameter, die Gründer sonst selten mit derselben Disziplin tracken wie Roadmaps.
Technisch und wirtschaftlich hängt diese Kultur dennoch eng an der aktuellen KI-Welle, nur eben mit anderer Tonlage. Aldean baut nach eigener Darstellung eine „applied AI“-Startup-Organisation, die Unternehmen dabei unterstützt, KI-„Agents“ so zu deployen, dass sie im Betrieb funktionieren statt nur im Demo-Video zu überzeugen. Das ist ein bemerkenswerter Kontrast zu einer reinen Event-Ökonomie: Während in US-Hacker-House-Storylines häufig von nächtelangen 72-Stunden-Sprints, illegalen Warehouse-Setups oder großen Galas die Rede ist, soll Lift House gerade keine performativen Übertreibungen reproduzieren. Die Begründung von Aldean greift dabei über den Lifestyle hinaus: Er verweist darauf, dass DeepMind als Beispiel für „Frontier Innovation“ ohne „song and dance“ auskommt. Im gleichen Atemzug ordnet er das Haus in einen Trend ein, der in der Londoner Szene als „Londonmaxxing“ beschrieben wird – nicht als Abkehr von Erfolg, sondern als Versuch, den Erfolg im eigenen Ökosystem mit all seinen Möglichkeiten zu optimieren.
Die Einordnung in den Marktkontext wirkt besonders, wenn man die Finanzierungslage der Region betrachtet. Für Londoner KI-Startups nennt der Bericht Daten in Richtung 12 Milliarden US-Dollar bis 2026, während insgesamt 14,7 Milliarden US-Dollar in alle London-Startups geflossen sein sollen. Außerdem werden sechs Unternehmen hervorgehoben, die jeweils mehr als 500 Millionen US-Dollar eingesammelt haben – darunter Wayve, Superintelligence, ElevenLabs, Recursive sowie Ineffable Intelligence und Isomorphic Labs. Besonders relevant ist: Mehrere dieser Firmen wurden von DeepMind-Alumni gegründet, was erklärt, warum die Londoner Szene aktuell so stark von KI getrieben wird. Gleichzeitig formuliert das Lift House einen kulturellen Gegenentwurf zu „Startup bro“-Rhetorik: Abende für Volleyball im lokalen Ligabetrieb, gelegentlich Klavier im Wohnzimmer oder gemeinsame Catan-Runden sind Teil eines Alltags, der Gespräche mit Forschern, Investoren und Operators zulässt, ohne in Dauer-Show zu kippen.
Damit berührt das Konzept auch die Frage nach der britisch-europäischen Risikowahrnehmung. Aldean beschreibt, dass US-Gründer häufig anderes Feedback- und Druckklima erleben als britische: In Großbritannien gebe es eine kulturelle Aversion gegenüber Risiko, eine stärkere Neigung zu Demut und eine Stigmatisierung von Scheitern. Ein spezieller Begriff dafür ist das „tall poppy syndrome“, bei dem Medien und Öffentlichkeit die „zu erfolgreiche“ Person erst hochziehen und anschließend rigoros herunterreißen. Für das Lift House bedeutet das: Nicht jeder will sichtbar jeden Gewinn maximieren, weil Sichtbarkeit hier als Angriffsfläche funktionieren kann. Luke betont zugleich, warum London für ein early-stage Setup attraktiv sein kann: Es gebe ein gutes Netzwerk, früh zugängliches Kapital und die Option, außerhalb der reinen Tech-Blase zu leben. Kulturell wirkt das für ihn eher wie New York als wie San Francisco.
Wirtschaftlich wird dieses „early-stage-first“ auch über Förderlogik und Steueranreize flankiert. Luke und Varun sagen, sie hätten Venture-Capital zum Teil bewusst gemieden und stattdessen die Möglichkeiten des britischen SEIS/EIS-Systems genutzt, das eigentlich mehr Angel-Investitionen in lokale Startups anziehen soll. Die Argumentationslinie ist dabei bemerkenswert pragmatisch: Investoren könnten beim Einsatz in bestimmten Fällen eine ähnliche Gesamtsteuerbelastung erreichen wie bei Einkommensteuer, während gleichzeitig das Startup Kapital erhält. Parallel existiert bereits die Erwartung, dass viele britische Firmen mittelfristig Richtung USA expandieren müssen. Varun beschreibt es als eine Art „factory line“: Erst aufbauen, dann dort erweitern, wo später sehr viel Kapital verfügbar ist. In der Realität üben US-Investoren ebenfalls Druck aus – im Bericht wird von einem Fall berichtet, in dem eine Investition erst nach einer Standortverlagerung erfolgte, während die Familie in Großbritannien blieb, um Kinderbetreuung zu sichern.
Am Ende bleibt die zentrale Spannung des Lift House: Es will ein Zuhause sein, das „für die Langstrecke“ konstruiert statt für den schnellen Rausch. Die Bewohner haben eine Vertragslaufzeit von ungefähr einem Jahr übrig und im Haus gibt es Zustimmung, das Modell so lange wie möglich am Leben zu halten. London hat zwar auch öffentlichere Co-Living-Hacker-House-Formate, darunter offenbar regionale Ableger in einem globalen Netzwerk; zugleich gab es mit „The London Founder House“ vor 2024 ein Gegenmodell, das nach Angaben im Bericht irgendwann wieder auslief und dabei dennoch Einfluss auf die Community über Events und vernetzte Akteure hinterließ. Interessant ist, dass Lift House ausgerechnet mit Fitness und einem Hobby außerhalb des eigenen Unternehmens Zugangskriterien setzt – ähnlich wie es viele in „Londonmaxxing“ nutzen, um Abwanderung zu vermeiden. In Aldeans Worten geht es nicht darum, kurzfristig zu brennen, um einen Blitz-Erfolg zu jagen, sondern darum, eine Kultur des Bauens zu etablieren, die länger hält.
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