LONDON (IT BOLTWISE) – Der aktualisierte CLARITY Act richtet sich nicht nur gegen unklare Marktstrukturen in Krypto-Handel und DeFi, sondern stopft eine bislang vielgenutzte „Decentralized In Name Only“-Lücke. Er rückt zudem eine oft übersehene Schutzklausel für Self-Custody-Wallets in den Fokus: Inaktivität soll nicht automatisch als „abandoned property“ oder als Verfallsgrund gelten. Damit erhöht sich für langfristige Halter und Anbieter die Rechtsklarheit, während die Vorlage nächste Woche im Senat auf eine mögliche Abstimmung zusteuert. Besonders relevant wird das, weil parallel immer wieder zentrale Börsen schließen und das Thema Custody in der Praxis an Brisanz gewinnt.

CLARITY Act schließt DINO-Lücke – und schützt Self-Custody vor „abandoned property“
CLARITY Act schließt DINO-Lücke – und schützt Self-Custody vor „abandoned property“ (Foto: IT BOLTWISE)
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Der überarbeitete Digital Asset Market Clarity Act (CLARITY Act) setzt gleich an zwei Stellen an: Er soll erstens das sogenannte „DINO“-Loch schließen, das Krypto-Plattformen mit dem Anspruch „dezentral“ in die Lage versetzt hat, sich regulatorischen Pflichten wie Anti-Geldwäsche-Anforderungen (Bank Secrecy Act) und dem Sanktionsrahmen zu entziehen. Senatorin Cynthia Lummis (R-WY) ordnet das Gesetz dabei bewusst als Durchgriff auf die Praxis ein: „bring every corner of the digital asset market inside the Bank Secrecy Act and sanctions framework“ und „won’t hide from the law anymore.“ Im Kern geht es um Plattformen, die zwar Dezentralität behaupten, in der operativen Realität aber weiterhin durch Betreiberstrukturen gesteuert werden.

Technisch und organisatorisch ist diese Unterscheidung entscheidend, weil „Dezentralität“ in der Regulierung nicht als Marketingbegriff genügt. Sobald eine Plattform Funktionen wie Order-Routing, Zugriff auf Liquiditätspools, Admin-Keys oder zentrale Eingriffsmöglichkeiten bereitstellt, entsteht ein faktisches Macht- und Kontrollverhältnis, das eine reine Pro-forma-Dezentralitätsstory unterläuft. Genau hier setzt der CLARITY Act an: Er soll den Ausweichcharakter von „dezentral im Namen“ reduzieren, sodass Betreiber sich nicht länger hinter Architektur-Vokabular verstecken, wenn zentrale Steuerung weiterhin existiert. Für Unternehmen bedeutet das, dass Compliance künftig stärker an tatsächliche Kontrollmechanismen gekoppelt wird – nicht nur an das äußere Versprechen eines dezentralen Systems.

Der zweite, weniger beachtete Hebel ist die Self-Custody-Schutzklausel. Alex Thorn, Head of Research bei Galaxy Digital, verwies auf eine Passage mit der Nummer 20216: Inaktivität, Dormanz oder das Fehlen eines Interesses des Eigentümers darf demnach nicht als Grundlage dafür gelten, dass ein digital gehaltenes Asset als „abandoned“, „unclaimed“ oder als Verfallsgegenstand betrachtet wird – weder nach Bundes-, noch nach Landes- oder kommunalem Recht. Thorn bezeichnete diese Stelle als „great section“ und argumentierte, sie liefere einen bundesrechtlichen Vorrang (preemption) gegenüber Landesgesetzen, die Self-Custody-Assets wegen Nichtbewegung in den Status „abandoned property“ drücken könnten. Damit wird ein Konflikt gelöst, der langfristige Halter besonders trifft: Wenn eine Wallet über längere Zeit unverändert bleibt, war die Rechtslage in der Praxis anfällig für Interpretationen, die das Asset im schlimmsten Fall in Richtung Einziehung oder Übergang nach „escheat“ bewegen können.

Gerade jetzt kommt diese Selbstverwahrer-Klausel mit zusätzlichem Marktstress zusammen. Berichten zufolge hat BitMart (BMX) als dritte zentrale Börse in diesem Monat angekündigt, den Betrieb einzustellen – nach AscendEX (ASD) und BitMEX (BMEX). In diesem Jahr 2026 seien bislang mehr als 30 Krypto-Projekte geschlossen worden. Solche Schließungen erhöhen den Fokus der Nutzer auf Custody-Modelle, weil der Zugriff auf Vermögenswerte nicht nur von Handelsplattformen abhängt, sondern von der Frage, wer Wallet-Schlüssel kontrolliert und wie rechtlich mit Inaktivität umgegangen wird. Der CLARITY Act adressiert dabei weniger die technische Frage „wie sicher ist Self-Custody“, sondern stärkt den rechtlichen Status der Assets, solange sie rechtmäßig in Selbstverwahrung gehalten werden.

Während der DINO-Teil vor allem Betreiberstrukturen und damit verbundene Kontrollansprüche adressiert, verschiebt die Self-Custody-Klausel die Verhältnisse bei der Eigentumssicherung. Das ist auch deshalb politisch relevant, weil der Gesetzesentwurf einerseits den Markt enger an den Bank Secrecy Act und Sanktionen koppeln soll, andererseits aber nicht den falschen Reflex auslösen darf, Self-Custody wegen Nichtnutzung zu bestrafen. Goldman Sachs-CEO David Solomon unterstützt den Entwurf; Coinbase-CEO Brian Armstrong bezeichnete die Lage offenbar als „one-yard line“ der Passage. Damit zeichnet sich ein Spannungsfeld ab: mehr Durchsetzung für diejenigen, die als „dezentral“ auftreten, aber faktisch zentrale Kontrolle ausüben, und gleichzeitig klarere Schutzräume für Eigentümer, die die Schlüssel selbst halten.

Für die nächsten Schritte ist vor allem die zeitliche Einordnung wichtig: Der CLARITY Act soll laut Berichten kommende Woche eine mögliche Abstimmung im Senat erreichen. Unternehmen sollten bis dahin besonders prüfen, welche Mechanismen in ihren Produkten als Kontrolle erkennbar wären – etwa über Admin-Funktionen, Schlüsselverwaltungsmodelle oder zentrale Eingriffspunkte. Gleichzeitig wird die Self-Custody-Klausel für Compliance- und Rechtsabteilungen zum Thema, sobald es um Wallet-Inaktivität, Dokumentationspflichten und die interne Interpretation möglicher Risiken aus Landesrecht geht. Wenn die Vorschrift tatsächlich als bundesrechtlicher Vorrang wirkt, reduziert sie die Wahrscheinlichkeit widersprüchlicher Bewertungen zwischen Staaten – und sie kann damit die Planungssicherheit für Anbieter und langfristige Nutzer spürbar erhöhen.


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