BERLIN / LONDON (IT BOLTWISE) – Eine geplante Steuererhöhung auf Spirituosen stößt in der Bevölkerung auf breite Zustimmung, doch viele erwarten keine spürbare Verhaltensänderung. Laut einer Umfrage des Instituts Forsa für die Kaufmännische Krankenkasse (KKH) halten knapp zwei Drittel den Schritt für sinnvoll, skeptisch bleibt ein Drittel. Besonders gering fällt der Glaube an eine echte Lenkungswirkung aus: Zwei Drittel zweifeln, dass der Alkoholkonsum signifikant zurückgeht. Gleichzeitig fordern viele mehr Aufklärung und Prävention statt zusätzlicher Preishebel.

Steuererhöhung für Spirituosen ab 2027: Zustimmung, aber Zweifel an der Lenkungswirkung
Steuererhöhung für Spirituosen ab 2027: Zustimmung, aber Zweifel an der Lenkungswirkung (Foto: IT BOLTWISE)
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Die Debatte um eine höhere Besteuerung alkoholischer Getränke dreht sich nicht mehr nur um Gesundheitspolitik, sondern zunehmend auch um die Frage, ob der Staat mit Preisänderungen tatsächlich Verhalten steuern kann. Der jetzt vorliegende Entwurf zielt auf eine 20-prozentige Steueranhebung bei Spirituosen wie Rum, Wodka und Korn, die ab dem 1. Januar 2027 gelten soll. Daneben werden Sekt, Champagner, Likörweine und Alkopops stärker belastet, während Bier und Wein von der Regelung ausgenommen bleiben.

Dass die politische Linie dabei auf Zustimmung trifft, zeigt die Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Forsa im Auftrag der Kaufmännischen Krankenkasse (KKH): Knapp zwei Drittel der Befragten bewerten den Schritt als sinnvoll, während ein Drittel skeptisch bleibt und die Maßnahme als nicht zielführend einordnet. Bemerkenswert ist, dass diese Unterstützung nicht automatisch mit Vertrauen in die Wirksamkeit gleichgesetzt wird. So trennt die Erhebung klar zwischen Zustimmung zur Maßnahme und Erwartung, dass sich der Konsum tatsächlich in die gewünschte Richtung verschiebt.

Genau hier setzt die zweite, für die Ausgestaltung entscheidende Erkenntnis an: Der Glaube an die Lenkungswirkung bleibt eher gering. Zwei Drittel der Befragten bezweifeln, dass der Konsum alkoholischer Getränke durch die Erhöhung der Steuern signifikant zurückgehen wird. Nur 29 Prozent hoffen auf eine Verhaltensänderung; selbst unter denjenigen, die die Steuererhöhung befürworten, liegt die Zahl derer, die eine positive Wirkung erwarten, bei 35 Prozent. Für politische Entscheidungsträger bedeutet das: Es reicht nicht, eine Maßnahme mehrheitlich zu begründen, sie muss auch plausibel machen, warum sie im Alltag messbar wirkt.

Zusätzlichen Druck erhält die Politik durch Hinweise auf erwartete Nebenwirkungen. Viele Befragte rechnen damit, dass sich der Alkoholkonsum stärker auf Bier und Wein konzentriert, weil genau diese Kategorien von der Steueranhebung ausgenommen sind. Ebenso wird eine mögliche Verlagerung ins Ausland als realistisches Szenario betrachtet, falls dort Alkohol günstiger verfügbar ist. Damit steht das Design der Steuerlogik auf dem Prüfstand: Wenn einzelne Segmente preislich anders behandelt werden, kann sich die Nachfrage verschieben, statt insgesamt zurückzugehen.

Ein weiterer Aspekt aus der Umfrage liefert Hinweise auf die Präferenz für alternative oder ergänzende Instrumente. 74 Prozent der Befragten plädieren für mehr Aufklärung und Prävention als effektive Maßnahmen zur Eindämmung des Alkoholkonsums in Deutschland. Das ist im Kern ein Signal gegen die Vorstellung, dass ein isolierter fiskalischer Hebel allein genügt. Unternehmen in der Getränkeindustrie können daraus ableiten, dass der politische Diskurs zunehmend ganzheitliche Ansätze fordert – also neben Preis- und Abgabenfragen auch Programme zur Risikokommunikation, Zielgruppenprävention und Informationsarbeit.

Auf der wirtschaftlichen Ebene unterstreicht der Gesetzesentwurf die Größenordnung der fiskalischen Ziele: Das Bundeskabinett hat den Entwurf bereits beschlossen, der eine 20-prozentige Steuererhöhung auf Spirituosen vorsieht und die genannten weiteren Produktgruppen stärker besteuert. Die Bundesregierung rechnet dabei mit jährlichen Mehreinnahmen von 455 Millionen Euro. Gleichzeitig werden Fragen zur Wettbewerbsfähigkeit und Standortattraktivität explizit tangiert, weil zusätzliche Kosten entlang der Wertschöpfungskette wirken können – von der Produktion über die Logistik bis hin zum Handel und zur Preisgestaltung am Point of Sale.

Für Investoren und Betreiber in der Getränkeindustrie entsteht daraus ein zweischneidiger Erwartungsraum. Einerseits kann ein Preissignal die Nachfrage innerhalb einzelner Kategorien verschieben und damit Marktanteile umverteilen; andererseits ist die Skepsis in der Bevölkerung gegenüber der tatsächlichen Konsumreduktion ein Indikator dafür, dass ein Teil der Steuerlast vermutlich nicht in sinkenden Absatzmengen endet, sondern vor allem in Strukturverschiebungen. Gerade wenn Bier und Wein steuerlich geschont werden, kann sich die Nachfrage dort stärker bündeln, während Premiumspirituosen, Liköre oder Mischgetränke unter Preisdruck geraten. Für die strategische Planung heißt das, Annahmen zur Elastizität nicht nur ökonomisch, sondern auch kommunikativ zu testen.

Aus Unternehmenssicht stellt sich damit die Frage, wie Konsumlenkung künftig glaubwürdiger adressiert werden kann, ohne ausschließlich auf Steuerhebel zu setzen. Eine mögliche Antwort liegt in einer Kombination aus Marktanpassung und verantwortungsbewusster Kommunikation: Produktportfolios, die stärker auf niedrigere Alkoholgehalte, Portionsgrößen oder gesundheitsbezogene Informationsmaßnahmen ausgerichtet sind, können Chancen eröffnen, während Hersteller ihre Preis- und Vertriebsstrategien auf unterschiedliche steuerliche Stufen ausrichten müssen. Gleichzeitig bleibt für die Politik entscheidend, ob Aufklärung und Prävention, die laut Umfrage besonders stark befürwortet werden, mit der Steueränderung zeitlich und inhaltlich so verzahnt werden, dass am Ende nicht nur Einnahmen, sondern auch messbare Effekte entstehen.


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