CADAQUÉS / LONDON (IT BOLTWISE) – Eine Strandwohnung aus den 60er-Jahren wurde in Cadaqués nicht „neu erfunden“, sondern gezielt modernisiert. Die Architektin Nària Selva und ihr Studio NSV haben den Grundriss verbessert, die Küche geöffnet und den Wohnbereich so zur Terrasse sowie zum Meer ausgerichtet, dass mehr Licht entsteht. Gleichzeitig blieb die Identität der ursprünglichen Architektur erhalten: Materialien, Proportionen und Details wirken, als wären sie schon immer so geplant gewesen. Entscheidend waren dabei die Erkenntnisse aus dem Haus selbst – und eine Materialpalette, die mediterrane Ruhe ausstrahlt.

Wer eine Strandwohnung in Cadaqués renoviert, steht fast zwangsläufig vor einem Zielkonflikt: Entweder man tauscht alles aus und erhält am Ende zwar Komfort, aber verliert die „Stimme“ des Hauses. Oder man verändert nur dort, wo Alltag und Funktion es verlangen, und lässt die Spuren der Entstehungszeit bewusst lesbar. Genau diese Haltung trägt die Renovierung einer Wohnung mit Ursprung in den 60er-Jahren, die die Architektin Nària Selva von NSV Studio heute als behutsames „In-die-Gegenwart-Holen“ beschreibt: modernisierte Wohnqualität, aber keine sichtbare Überdeckung der Architektur.
Räumlich beginnt die Geschichte mit einer klassischen Ausgangslage: Der Wohnbereich war stark unterteilt, zudem lag die Küche als geschlossener Raum mittig in der Wohnung. Statt diese Logik komplett aufzulösen, haben die Planerinnen und Planer der Raumaufteilung einen neuen Fokus gegeben. Die Küche wurde an den Rand verlegt und gleichzeitig zum Wohn- und Esszimmer hin geöffnet. Das Ergebnis ist ein großzügiger, lichtdurchfluteter Bereich, der nicht nur „offener“ wirkt, sondern auch funktional spürbar näher an Terrasse und Meer platziert ist. Gerade an einem Küstenort wie Cadaqués verändert diese neue Ausrichtung den Charakter des Alltags: Essen, Wohnen und der Blick nach draußen werden zu einem zusammenhängenden Erlebnis.
Auch der Schlafbereich folgte einer ähnlichen Logik: nicht kosmetische Anpassung, sondern eine Neuordnung der Nutzung. Das Hauptschlafzimmer umfasst heute ein eigenes Badezimmer mit großzügiger Dusche und einem direkten Zugang zum Hinterhof. Damit wird der private Bereich klarer strukturiert und gewinnt an Alltagstauglichkeit, ohne dass die Wohnung das Gefühl bekommt, ihre architektonische Grundlage verlassen zu haben. Interessant ist dabei, dass das Studio ausdrücklich betont, es habe die Wohnung in ihrer Substanz „unberührt“ lassen wollen: Die Kundin wünschte sich einen modernisierten Raum, der die Essenz des Hauses bewahrt und so wirkt, als sei die heutige Gestalt schon immer vorhanden gewesen. Dieses Ziel steuert Entscheidungen oft stärker als ein striktes Designkonzept.
Die entscheidende Inspiration kam laut Selva direkt aus dem Haus: aus seiner Architektur, seiner Geschichte, dem Grundstück und aus der Art, wie die moderne Gestaltung in Dialog mit der Umgebung tritt. Cadaqués ist als Ort dabei mehr als Kulisse. Das frühere Fischerdorf in Katalonien wird in der kulturellen Wahrnehmung eng mit Salvador Dalí verbunden, der dort lange lebte und arbeitete; auch Pablo Picasso, Marcel Duchamp, Joan Miró und Óscar Tusquets Blanca verbrachten prägenden Zeiten in der Gegend. Vor diesem Hintergrund wird nachvollziehbar, warum die Renovierung nicht auf „Beliebigkeit“ setzt. Óscar Tusquets hatte in der Gemeinde mehrere Wohnhäuser entworfen, und das erste Gebäude dieser Serie entstand ab 1968 in Zusammenarbeit mit Lluís Clotet, als der Architekt gerade 27 Jahre alt war. Solche Entstehungsdetails erklären, warum die Wohnung heute als Teil eines größeren architektonischen Zusammenhangs gelesen werden kann.
Technisch und gestalterisch wird das Konzept vor allem dort greifbar, wo Architektur als Nutzung verstanden wird. Selva erklärt, es sei nicht darum gegangen, konkrete Referenzen nachzuahmen, sondern Atmosphären und Ästhetik zu übertragen: den Umgang mit Höhenunterschieden, gemauerten Sitzbänken, Podesten, Keramik, schlichten Holzelementen, weißen Wänden, schattigen Bereichen und Zwischenräumen. Eine moderne Renovierung kann solche Prinzipien häufig nur verlieren, wenn man zu stark am „Erscheinungsbild“ hängt. Hier entsteht dagegen ein Entscheidungsraum, in dem das Wohnen selbst zum Maßstab wird. Deshalb wirken Maßnahmen wie die Verlegung von Bodenfliesen aus Terrakotta oder ein maßgefertigtes, erhöhtes Sofa nicht wie Nachrüstung, sondern wie Fortführung einer Idee: Das Sofa definiert den Wohnbereich als zentrales Element und reagiert auf die Raumlogik des Hauses, statt sie zu überdecken.
Um die neuen Elemente mit dem mediterranen Charakter zu verzahnen, wurde außerdem eine Material- und Farbdramaturgie gewählt, die eher auf Zurückhaltung setzt als auf Kontrast um jeden Preis. Beschrieben wird eine Palette aus mattem Weiß sowie Sand-, Erd- und Keramiktönen, ergänzt durch unbehandeltes Holz, natürliche Faserstoffe und Akzenten in Marineblau. Diese Mischung erklärt auch, warum das Interieur laut Selva „komfortabel ohne Übertreibung“ wirkt: warme Schlichtheit, aber ohne museale Nostalgie. Gerade dieser Punkt ist wichtig, denn eine Renovierung in einem Ort mit starker kultureller Erinnerung droht sonst schnell, sich „nach“ dem Vergangenen zu richten. Stattdessen soll das Zuhause so funktionieren, dass sich alles selbstverständlich an seinen Platz einfügt, ohne dass einzelne Maßnahmen zu laut werden. Dass Veränderungen kaum wahrnehmbar sind, ist dann kein Zufall, sondern das Resultat einer gezielten Balance.
Damit zeigt die Renovierung auch eine Art Baupraxis, die für viele Eigentümer und Betreiber von Wohnimmobilien relevant ist: Verbesserung der Grundrissqualität und der Wegeführung, aber mit einer gestalterischen „Schichtstrategie“ statt Abriss. Der Wohnbereich gewinnt durch die offene Küche und die Blickachsen zur Terrasse an Nutzungswert; der Privatbereich gewinnt durch das angegliederte Bad und den direkten Zugang zum Hinterhof an Komfort. Gleichzeitig bleibt die architektonische Identität erhalten, weil Details und Materialität so gewählt wurden, dass sie die ursprüngliche Logik fortschreiben. Für den Markt bedeutet das: Nicht jede Modernisierung muss sichtbar „neu“ sein, um modern zu wirken – manchmal reicht es, das Haus so zu reparieren, dass es wieder vollständig zu seinem Lebensrhythmus passt. Details zur Wohnung wurden zudem in einem überregionalen Magazinbeitrag veröffentlicht, der die Entwicklung ebenfalls als behutsamen Wiederaufbau der Wohnqualität erzählt.
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