ERKELENZ / LONDON (IT BOLTWISE) – Das Startup Dogscan will Lungenkrebs im Frühstadium erkennen, ohne dass Patienten erst ein CT benötigen. Stattdessen bekommen Kundinnen und Kunden eine Atemmaske, atmen fünf Minuten hinein und versenden die Probe an das Team. Im Interview nennen die Gründer 51 erkannte Fälle in zwei Jahren und berichten, dass über die Hälfte in frühen Stadien gefunden wurden. Gleichzeitig bleibt die zentrale Hürde: Die gesetzliche Krankenkasse muss mitziehen, während der Vertrieb über Apotheken bereits läuft.

Zum Weltlungenkrebstag am 1. August steht das Startup Dogscan am Niederrhein für ein untypisches Prinzip in der Früherkennung: Speziell trainierte Spürhunde sollen den Geruch von Atemproben auswerten. Die Idee ist dabei nicht nur als Story über „Nasen statt Maschine“ zu verstehen. Entscheidend ist das Prozessdesign entlang einer einzigen, reproduzierbaren Probe: Kundinnen und Kunden erhalten eine Atemmaske, atmen fünf Minuten hinein und senden das Material an Alexander Maßen und Florian Wienen. Auf Basis der Reaktion der Hunde wird danach beurteilt, ob eine Krebserkrankung im Frühstadium vorliegt.
Dogscan ist dabei aus einer privaten Motivation heraus entstanden. Maßen beschreibt, dass sein Vater kurz nach Weihnachten an Lungenkrebs starb und auch die Mutter kurz darauf verstarb. Für ihn sei die Grundidee von Dogscan „aus dem Tod meines Vaters“ geboren worden, sinnbildlich wie ein Vulkanausbruch: Aus Verlust entsteht ein neuer Aufbau. Inhaltlich übersetzt sich das in einen klaren Fokus auf Vorsorge statt Abwarten. Denn Lungenkrebs wird laut Darstellung der Gründer in der Regel erst im letzten Stadium entdeckt; wer Symptome erst dann bemerkt, verschiebt medizinische Optionen oft in einen ungünstigeren Bereich. Dogscan adressiert genau diesen Zeitpunkt, indem es den ersten Schritt der Diagnostik weg von einem unmittelbaren Gang ins CT verlagern will.
Technisch betrachtet bleibt das System allerdings nicht bei „Hund riecht“ stehen, sondern umfasst Training, Konditionierung und Standardisierung. Die Gründer nennen konkret, dass ein Hund etwa ein Jahr trainiert wird und bis zur Einsatzreife auf über 12.000 Atemproben konditioniert werden muss. Erst nach einer Abschlussprüfung arbeiten die Tiere aktiv mit. Dazu kommt ein Auswahlkriterium: Bestimmte Rassen seien weniger geeignet, weil die Schnauze zu kurz ist; Mops oder Bulldogge kämen nicht infrage, während eine längere Schnauze beziehungsweise mehr Riech-Rezeptoren als Vorteil gilt. Im laufenden Betrieb arbeiten derzeit sechs Hunde, weitere befinden sich in Ausbildung. Auf die Kapazität bezogen geben die Gründer eine Spannbreite an: Dogscan macht zwischen 500 und 1.000 Tests pro Monat, könnte aber nach eigener Angabe etwa 350.000 Tests im Jahr durchführen – ein Hinweis darauf, dass der Engpass weniger in der Geruchsauswertung selbst als in Logistik und Trainings- beziehungsweise Einsatzrhythmen liegt.
Dass die Idee nicht nur als Kampagne, sondern als messbarer Ansatz verstanden werden soll, untermauern die Gründer mit Zahlen und einem veröffentlichen Studienkontext. Für ihre eigene Studie, an der Charité und das Lungenzentrum Havelhöhe beteiligt waren, seien mehr als 60.000 Atemproben verwertet worden. Der Mehrwert wird dabei als hoher Erkennungsbezug beschrieben: Im Rückblick auf zwei Jahre nennen Wienen und Maßen 51 bisher erkannte Fälle, die eine frühe Diagnose ermöglicht hätten. Besonders betonen sie Beispiele, die medizinische Konsequenzen in den Mittelpunkt stellen: Ein 38-Jähriger, der nie geraucht habe, wurde in Stadium zwei als positiv erkannt und der Tumor sei operativ entfernt worden. Ein 74-Jähriger aus Hilden wurde im Stadium eins mit einem sechs Millimeter großen Tumor entdeckt; dadurch habe es laut Team keine Notwendigkeit für Chemo und Immuntherapie gegeben. Solche Beispiele sind zwar keine randomisierte Langzeitstudie, sie machen aber nachvollziehbar, warum die Gründer den Fokus auf Vorsorge als eigenes „Vorsorge heute statt Reparaturgesundheit“-Modell setzen.
Marktseitig wurde die Lösung bereits in einem sehr sichtbaren Kontext getestet: Dogscan nahm 2024 an „Die Höhle der Löwen“ teil, es kam jedoch kein Deal zustande. Für ein Startup kann das Fluch und Segen zugleich sein: Kein Investorendruck, aber auch kein Schnellbahn-Exit. Gerade deshalb setzen die Gründer laut Darstellung weiter auf kontinuierliche Skalierung über Partnerschaften und Vertriebskanäle. Ärzte sollen Dogscan zudem empfehlen, auch wenn ein Kapazitätsproblem bei Terminen besteht; daneben arbeiten sie mit Präventionszentren und mit Betriebsärzten. Auffällig ist dabei die betriebliche Logik, die Maßen anspricht: Einige Arbeitgeber verzichteten auf den „Obstkorb“, um stärker in die Gesundheit ihrer Mitarbeitenden zu investieren. Auch die Zielgruppe Feuerwehr taucht auf; ein Förderprojekt soll dort kostenlose Tests ermöglichen. Damit verschiebt sich Dogscan von der reinen Privatvorsorge hin zu einer risiko- und arbeitsplatzbezogenen Gesundheitsleistung.
Ein weiterer, zentraler Faktor ist die Frage der Kostenträger. Während politische Ziele laut Maßen grundsätzlich in Richtung Prävention als vierte Säule des Gesundheitssystems weisen, bleibt die praktische Umsetzung laut Team zäh – insbesondere bei der gesetzlichen Krankenkasse. Private Kassen seien demnach als Pfad schneller, während der Weg in den Standardversorgungsrahmen „deutlich härter und länger“ sei, obwohl sich durch Früherkennung dauerhaft Behandlungskosten sparen ließen. Gleichzeitig zeigt die Vermarktung über Apotheken, wie Dogscan kurzfristig Reichweite schafft: Seit etwa einem Jahr ist das Testkit in Apotheken gelistet, Kundinnen und Kunden bestellen es, holen es ab und senden es zur Auswertung kostenlos per Post zurück. Der Preis pro Testkit liegt bei 112 Euro, verfügbar ist er auch online unter www.dogscan-deutschland.de. Genau hier treffen sich Produkt und Versorgung: Vertrieb ist vorhanden, aber die regulatorische und finanzielle Einbettung muss noch folgen, um aus Einzeltests eine breitere Vorsorgestrategie zu machen.
Für Unternehmen und Gesundheitssysteme stellt sich damit eine doppelte Herausforderung. Erstens müssen solche nicht-invasiven Vorsorgepfade organisatorisch belastbar sein: Probenhandling, Rücklauf, Auswertung und Ergebniskommunikation müssen so laufen, dass keine zweite Schleife entsteht, die am Ende doch wieder bei Bildgebung oder Spezialdiagnostik landet. Zweitens braucht es Vertrauen in die Performance über Populationen hinweg. Die Gründer verweisen auf standardisierte Verfahren und eine hohe Trefferquote als Alleinstellungsmerkmal ihrer Studie, gleichzeitig bleibt offen, wie stark die Ergebnisse im Alltag mit unterschiedlichen Risikogruppen, Rauchstatus und Alterstreuungen repliziert werden. Ungeachtet dessen liefert die Dogscan-Story eine klare Richtung: Wenn Vorsorge bei Lunge bisher vor allem an CT-Kapazitäten hängt, wird eine alternative, skalierbare Vorstufe zum strategischen Hebel. Für den weiteren Fortschritt dürfte weniger die Schlagzeile „ohne CT“ entscheidend sein als die Frage, ob die gesetzlichen Kostenträger die Evidenz so anerkennen, dass aus einem Testangebot ein dauerhaftes Vorsorgeprogramm werden kann.
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