MÜNCHEN / LONDON (IT BOLTWISE) – Celonis schärft seine Strategie für das 2026 wirksame EU-Carbon-Border-Regime (CBAM) und koppelt dafür Process Mining eng an die Emissions- und Reporting-Pflichten entlang von Lieferketten. Im Hintergrund laufen zudem Plattform-Erweiterungen mit neuen KI-Agenten-Werkzeugen wie dem „Context Model“ sowie dem „Celonis Assistant“. Damit verschiebt sich der Fokus vom reinen Prozess-Insight hin zu einer Software-Steuerung, die Optimierungspotenziale selbständig identifiziert. Analysten beobachten parallel, wie hart umkämpft der Enterprise-Software-Markt bleibt und wie stark Cloud- und KI-Investitionen das Tempo vorgeben.

Celonis setzt im kommenden Jahr nicht nur auf mehr Automatisierung, sondern auf eine klar adressierte Regulierungslage: Ab 2026 werden im Rahmen des Carbon Border Adjustment Mechanism (CBAM) neue Pflichten für die Erfassung und Nachweisführung von Emissionsdaten wirksam. Für viele Industrieunternehmen bedeutet das praktisch, dass sich Datenflüsse aus Einkauf, Produktion und Logistik nachträglich „buchbar“ machen lassen müssen. Genau hier knüpft Process Mining an: Das System betrachtet digitale Spuren von Prozessabläufen und macht sie so auswertbar, dass Abweichungen und Lücken in den Lieferprozessen sichtbar werden. Dass das Thema Emissionsdaten nicht bei der Erfassung endet, sondern in die Berechnung und das Reporting hineinragt, wird in der aktuellen Strategie von Celonis deutlich.
Technisch betrachtet geht es bei CBAM weniger um einzelne Kennzahlen als um die Verknüpfung heterogener Quellen. Emissionen entlang der Lieferkette hängen typischerweise von Vorstufen, Standorten, Transportwegen und vertraglichen Spezifikationen ab. Wenn solche Informationen in ERP-, Beschaffungs- oder Dokumentationssystemen verteilt sind, wird die Datenkonsistenz zur eigentlichen Engstelle. Celonis positioniert Process Mining deshalb als Transparenzschicht für Beschaffungsprozesse: Die Plattform soll helfen, die tatsächlichen Prozesspfade nachzuvollziehen und daraus abgeleitete Nachweise automatisiert vorzubereiten. In der Praxis ist das ein anderer Blickwinkel als klassisches Reporting, weil es nicht nur Summen liefert, sondern die zugrunde liegenden Prozessereignisse rekonstruierbar macht.
Gleichzeitig verstärkt Celonis die Taktung seiner Plattformentwicklung – und verknüpft sie mit einem Agentic-Ansatz. Im Zentrum steht das „Context Model“, das autonomen KI-Agenten Kontext geben soll, damit sie Prozesse nicht nur analysieren, sondern auch Optimierungspotenziale erkennen und darauf reagieren können. Diese Logik zielt auf eine Verschiebung vom „Assistieren durch Empfehlungen“ hin zu „Assistieren durch Ausführung“. Ergänzt wird das durch den „Celonis Assistant“, der komplexe Prozessabläufe über eine intuitive Schnittstelle steuerbar machen soll. Für Unternehmen ist das relevant, weil der Nutzen von KI-Features erst dann in den operativen Betrieb durchschlägt, wenn Entscheidungen oder Handlungen nachvollziehbar in Workflows eingebettet sind – besonders dort, wo Reportingfristen und Auditierbarkeit Druck erzeugen.
Für die Umsetzungsfähigkeit spielt außerdem das Ökosystem eine Rolle. Celonis setzt dabei auf Partnerschaften, darunter mit Oracle sowie mit der Unternehmensberatung Horváth. Gerade bei Enterprise-Software ist die Einbindung in bestehende Systemlandschaften entscheidend: ERP- und Datenplattformen sind oft historisch gewachsen, und ein neuer Use Case wie CBAM kollidiert schnell mit dem Wunsch nach „schnell integrieren“. Kooperationen können hier helfen, weil sie Schnittstellen, Datenmodelle und Implementierungswissen an ein gemeinsames Ziel koppeln. Dass zudem große DAX-Kunden wie Siemens und BMW bereits auf Lösungen des Unternehmens setzen, wirkt als Signal dafür, dass Celonis nicht nur Proof-of-Concepts adressiert, sondern auch in anspruchsvollen Industriekontexten liefert.
Das Marktumfeld bleibt dabei anspruchsvoll. Das wird nicht zuletzt durch die Wettbewerbssituation sichtbar: SAP hat laut veröffentlichten Quartalszahlen seinen Cloud-Umsatz im zweiten Quartal 2026 um 24 Prozent auf 6,3 Milliarden Euro gesteigert. Diese Dynamik unterstreicht, dass Cloud-Investitionen und datengetriebene Workflows derzeit zu den wichtigsten Wachstumstreibern im Enterprise-Umfeld zählen. Daneben verweist die Branche auch auf die erwartete Größenordnung von KI-Ausgaben: Gartner prognostiziert für 2026 IT-Ausgaben weltweit von über 6,3 Billionen US-Dollar, was den Finanzierungs- und Modernisierungsdruck in Richtung KI-Infrastruktur verdeutlicht. In einem solchen Umfeld ist Celonis’ Fokus auf Process Mining plus KI-gestützte Agenten konsequent, weil er direkt auf zwei Engpässe trifft: Datenzugang und operative Entscheidungsfähigkeit.
Unterm Strich zeigt die Strategie von Celonis eine Verdichtung aus Regulierung, Datenintegration und KI-gestützter Prozesssteuerung. CBAM fungiert dabei als Katalysator: Ohne robuste Nachweise und eine nachvollziehbare Datengrundlage werden selbst gut gemeinte Nachhaltigkeitsinitiativen schwer durchsetzbar. Gleichzeitig liefert die „Agentic Enterprise“-Richtung einen Technikpfad, der über das reine Monitoring hinausgehen will. Für das Unternehmen bleibt der Kapitalmarkt ein zentraler Faktor, weil die Investitionen in KI-Infrastruktur und Plattformpflege schnell ins Gewicht fallen. Dass in Branchenkreisen auch ein möglicher Börsengang im Jahr 2026 diskutiert wird, passt in dieses Bild: Wer sich als KI- und Process-Mining-Anbieter mit regulatorischem Nutzen positionieren will, braucht nicht nur Produktfortschritt, sondern auch die finanzielle Basis, um Geschwindigkeit über mehrere Releases hinweg zu halten.
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