LONDON (IT BOLTWISE) – In der Debatte um die US-Kriegsvorbereitung taucht immer wieder die Frage auf, ob die Biden-Regierung die Bestände so weit reduziert hat, dass spätere Verwaltungen nur noch „rationieren“ könnten. Im Zentrum stehen Aussagen, wonach die militärische Führung heute genug Material habe, zugleich aber Teile der Bestände durch die Ukraine-Unterstützung belastet worden seien. Eine Auswertung des CSIS erwartet bei stark genutzten Systemen wie Tomahawk sowie Patriot- und THAAD-Abfangjägern mehrere Jahre bis zur vollständigen Auffüllung. Der Kern der Kontroverse: War das ein Erbe aus der Biden-Ära – oder vor allem das Ergebnis politischer Entscheidungen während des laufenden Iran-Konflikts?

Wurden US-Munitionsbestände durch Bidens Ukraine-Hilfe für den Iran-Krieg ausgedünnt?
Wurden US-Munitionsbestände durch Bidens Ukraine-Hilfe für den Iran-Krieg ausgedünnt? (Foto: IT BOLTWISE)
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Die Aussage, die Bestände der US-Streitkräfte seien „ausgezehrt“, wirkt auf den ersten Blick plausibel: Während der Iran-Krieg weiterläuft, steigen die Einsatzraten für bestimmte Waffengattungen, etwa für Abfangsysteme gegen Marschflugkörper, Drohnen und Raketen. Genau hier setzt die politische Diskussion an. Gleichzeitig behauptet Mike Waltz, der US-Botschafter bei den Vereinten Nationen, die US-Armee habe „alles, was sie braucht“, um den Konflikt zu führen. Entscheidend ist jedoch, was unter „Beständen“ verstanden wird: Nicht jede Munitionskategorie ist gleich knapp, und nicht jede Lücke entsteht durch dieselben Ursachen. Genau diese Unterscheidung macht die Bewertung des Sachverhalts schwierig und wird in den vorliegenden Argumenten auch sichtbar.

Auf der einen Seite steht das Narrativ, dass die Ukraine-Unterstützung unter Biden einen Beitrag zur Belastung der US-Waffenreserven geleistet habe. Mehrere Verteidigungsexperten ordnen das grundsätzlich ein: Die Hilfslieferungen hätten die industrielle und logistische Lage bei bestimmten, hochkomplexen Abfang-Interzeptoren unter Druck gesetzt. Laut Kelly Grieco vom Stimson Center waren US-Bestände besonders bei „high-end air and missile defense interceptors“ bereits zuvor „unter erheblichem Stress“, und die Ukraine-Hilfe sei ein Mitfaktor gewesen. Der zweite Teil dieser Einordnung ist aber ebenso wichtig: Grieco betont, dass eine spätere Regierung nicht nur ein „geerbtes“ Problem betrachten dürfe, sondern auch eigene Entscheidungen, die die Lage weiter verschärfen können. Damit verschiebt sich der Fokus von Schuldzuweisung hin zu einer Bestandsrechnung über Zeit, Budget und Produktionskapazitäten.

Technisch betrachtet läuft die Debatte auf eine Bestandslogik hinaus, die sich in zwei Ebenen teilen lässt: Erstens, welche Systeme in der aktuellen Einsatzlage wirklich gebraucht werden, und zweitens, welche Systeme über welche Produktionszyklen wieder aufgefüllt werden können. Eine Analyse des Center for Strategic and International Studies (CSIS) verknüpft das mit realistischen Nachbeschaffungsdauern: Für besonders stark genutzte Munition im Iran-Krieg, darunter Tomahawk sowie Patriot- und THAAD-Abfangjäger, rechnet das Papier mit einer Größenordnung von etwa drei bis vier Jahren bis zur Wiederauffüllung. Daraus folgt nicht automatisch eine kurzfristige Funktionslücke, aber es ergibt sich ein klarer Engpasshorizont bei den hochbeanspruchten Komponenten. Genau hier wird in der Diskussion häufig übersehen, dass unterschiedliche Waffentypen unterschiedliche Nachfertigungszeiten, Zulieferketten und Qualifizierungsprozesse haben.

Daneben spielt eine weitere Unterscheidung eine Rolle: Welche der an die Ukraine gelieferten Bestände landen am Ende überhaupt im Einsatzprofil gegen den Iran. Mark Cancian vom CSIS macht diesen Punkt ausdrücklich stark, indem er sagt, viele der an die Ukraine gelieferten Mittel seien „mostly for ground combat“ gewesen, also für Gefechte am Boden. Der Iran-Krieg bzw. die beschriebenen Bedrohungsprofile seien jedoch nicht dieselbe Art von bodenorientierter Einsatzlogik. Cancian nennt zugleich konkrete Engpasssysteme, wenn es um Luft- und Raketenabwehr geht: Etwa 600 Patriot-Missilsysteme sollen an die Ukraine gegangen sein, heute seien sie „in short supply“. Andere Systeme aus dem Arsenal, etwa Army Tactical Missile Systems, seien zwar ebenfalls in den Iran-Kontext „eingesetzt“ worden, aber die US-Streitkräfte würden stärker auf alternative Systeme ausweichen. Außerdem betont Cancian, dass die an Israel gelieferten Munitionen laut seiner Einordnung nicht auf der CSIS-„short list“ der besonders knapp nachzubeschaffenden Kategorien stehen, weil Israel einen Großteil seiner relevanten Raketen selbst herstellt.

Damit lässt sich die Kernfrage neu rahmen: Entsteht eine Knappheit durch „Verarmung“ allein – oder durch die Kombination aus hoher Einsatzrate und langen Produktionszyklen, während sich Regierungen gleichzeitig entscheiden, wie sie Lücken füllen? Für die Biden-Ära existiert in den vorliegenden Argumenten ein Gegenpunkt: Biden habe einen Prozess gestartet, um die militärische Ausrüstung wieder aufzufüllen, und gleichzeitig die Produktion hochgefahren. Im Zeitraum von 2022 bis 2024 seien große Mengen Munition an Ukraine und Israel geliefert worden, darunter Artillerieschalen, panzerbrechende sowie luftfahrzeugbezogene Raketen und Patriot-Abfanginterzeptoren. Zugleich verweist Cancian darauf, dass Biden nicht nur „liefere“, sondern auch die industrielle Basis erweitern wollte, um gestiegene Nachfrage bedienen zu können. Der eigentliche Streitpunkt in der Gegenüberstellung lautet daher weniger „gab es eine Entleerung?“, sondern „wie schnell und zielgerichtet wurde gegengesteuert – und mit welchen politischen Prioritäten?“

Ein zusätzlicher Belastungsfaktor ist der Konflikt mit den Houthis im Jemen, der parallel zum Iran-Krieg und unter beiden US-Regierungen eine hohe Schussrate erfordert. Unter Biden seien rund 200 „standard missiles“ genutzt worden, um Starts der Houthis und iranisch unterstützter Akteure abzufangen, so Chris Park vom CSIS. Unter Trump sei dagegen eine mehrwöchige Bombenkampagne geführt worden, die mutmaßlich in den „dozens“ an Einsätzen standardisierte Trefferwahrscheinlichkeiten erhöht habe. Park erwähnt außerdem, dass auch das Ereignis „Twelve Day War“ im Juni 2025 erhebliche Mengen dieser Raketen eingesetzt habe. Für die Bestandsbewertung heißt das: Selbst wenn einzelne munitionspezifische Reserven nicht direkt durch die Ukraine-Hilfe „leer“ gewesen seien, können parallele Einsatzfelder die gleichen Nachschubschienen und Produktionskapazitäten zusätzlich strapazieren.

Wichtig ist am Ende die Konsequenz für strategische Planung und industrielle Resilienz: In einem Umfeld, in dem Abfanginterzeptoren und hochspezialisierte Munition mehrere Jahre bis zur Wiederauffüllung benötigen, entscheidet nicht nur der heutige Lagerbestand, sondern auch die Geschwindigkeit, mit der Produktionsanlagen, Qualitätsprozesse und Zulieferketten skaliert werden. Die vorliegenden Hinweise deuten darauf hin, dass unter Biden zwar sowohl Lieferungen als auch ein Start zur Auffüllung gleichzeitig liefen, während spätere Maßnahmen die Produktions- und Beschaffungsdynamik weiter beschleunigt haben sollen. Für Entscheidungsträger in der Verteidigungsbeschaffung ergibt sich daraus ein klassisches Engineering-Problem in politischem Gewand: Man muss priorisieren, welche Munition im Szenario „heute“ verfügbar sein muss, und welche Lücken „in drei bis vier Jahren“ ohnehin durch industrielle Ausbauschritte geschlossen werden können. Ob ein Erbe aus der Biden-Ära vorliegt, hängt damit weniger an einer einzigen Zahl als an der zeitlichen Kette aus Einsatz, Auslieferung, Produktion und Systemersatz – und genau diese Kette ist in der aktuellen Diskussion der Engpass.


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