DEUTSCHLAND / LONDON (IT BOLTWISE) – Mehr als die Hälfte der Versorgungslücken im Gesundheitshandwerk entsteht nicht durch Nachfrage, sondern durch fehlendes Personal. Für 2025 meldet eine Fachkräfteanalyse durchschnittlich fast 900 unbesetzte Hörakustiker-Stellen und insgesamt zehntausende Probleme bei offenen Positionen. Betroffen sind vor allem Augenoptik und Hörakustik, während die Meisterebene noch stärker unter Druck steht. Weil die Meisterpflicht greift und Sprachkenntnisse im Kundenkontakt entscheidend sind, verschiebt sich die Engpasslage schnell in Richtung längerer Wartezeiten und eingeschränkter Angebote.

Viele Menschen brauchen Hörgeräte, Brillen oder andere Hilfsmittel – und genau hier zeigt sich ein strukturelles Problem der Gesundheitsversorgung: In Teilen des Gesundheitshandwerks fehlt das Personal, um die Nachfrage zeitnah abzudecken. Wenn Stellen über Monate leer bleiben, verschiebt sich die Versorgung für Patientinnen und Patienten nicht nur in die Zukunft, sondern wird regional auch ungleich verteilt. Laut einer Analyse des Kompetenzzentrums Fachkräftesicherung (Kofa) am arbeitgebernahen Institut der deutschen Wirtschaft konnten 2025 im Schnitt fast 900 Hörakustiker-Stellen nicht besetzt werden. Der Effekt ist in der Praxis unmittelbar: längere Wartezeiten, reduzierte Termine und damit oft auch Wege in andere Regionen, um Geräte anpassen zu lassen.
Der Engpass ist dabei nicht auf einen einzelnen Beruf begrenzt. Für das Gesundheitshandwerk nennt die Studie für 2025 im Durchschnitt 4.389 nicht besetzte Stellen bei 7.267 offenen Positionen. Die größten Lücken entfallen auf Augenoptik und Hörakustik, wo vor allem Gesellinnen und Gesellen gesucht werden. Besonders kritisch wird es aber beim Blick auf die Meisterebene: 1.344 und damit mehr als acht von zehn offenen Stellen konnten ebenfalls nicht besetzt werden. Damit verlagert sich der Engpass nicht nur in den täglichen Betrieb, sondern auch in die Ausbildungspipeline und in die Fähigkeit, neue Betriebe zu eröffnen oder bestehende Standorte abzusichern.
Technisch und organisatorisch verstärkt sich die Lage durch die Meisterpflicht im Gesundheitshandwerk. Grundsätzlich dürfen in der Regel Meister Betriebe eröffnen und führen sowie den Nachwuchs ausbilden. Fehlen aber Gesellinnen und Gesellen, schrumpft auch die Basis, aus der später Meister hervorgehen könnten. Studienautorin Lydia Malin ordnet das in einen demografischen Kontext ein: Aufgrund des demografischen Wandels und der wachsenden Zahl älterer Menschen steigt der Bedarf an Hilfsmitteln kontinuierlich. Parallel dazu sinkt die Zahl verfügbarer Fachkräfte oder sie wechselt schneller in andere Branchen, sodass sich Nachfrage und Angebot über Zeit stärker entkoppeln.
Auch der Versuch, die Lücke über Personal aus dem Ausland zu schließen, stößt auf praktische Hürden. In den Berufen mit viel Kundenkontakt müssen komplexe technische Sachverhalte verständlich erklärt werden – und dafür reichen rein fachliche Qualifikationen nicht aus. Die Studie verweist darauf, dass gute Sprachkenntnisse erforderlich sind. Gerade in Augenoptik und Hörakustik sind Beratungen zudem stark situationsabhängig: Es geht nicht nur um eine Produktentscheidung, sondern um Passform, Hörprofil, Messwerte und die richtige Anpassung im Alltag. Wenn diese Kommunikation nicht sicher gelingt, sinkt die Effektivität von Rekrutierung und Einarbeitung, und Betriebe können den Engpass nicht kurzfristig “wegoptimieren”.
Bemerkenswert ist zudem, dass laut Malin in vielen der betrachteten Berufe mehr Ausbildungsplätze angeboten werden als tatsächlich nachgefragt. Das deutet auf ein Markt- und Imageproblem hin: Ausbildungswege sind zwar vorhanden, erreichen aber nicht automatisch genügend Interessierte. Die Forderung aus der Analyse lautet deshalb auf den Punkt: Es braucht mehr Sichtbarkeit für diese Berufe und ihre gesamtgesellschaftliche Bedeutung – mit einem Vergleich zu den sogenannten Klimaberufen. Der Vergleich ist nicht beliebig, sondern folgt einer Logik: Wo Berufsprofile öffentlich klar benannt und als gesellschaftlich relevant wahrgenommen werden, steigen oft auch die Bewerbungszahlen. Für Unternehmen würde das bedeuten, dass Recruiting nicht nur über Gehalt oder Standorte laufen muss, sondern über überzeugende Berufsbilder, die erklären, warum die Arbeit im Gesundheitshandwerk mehr ist als Handwerk im stillen Kämmerlein.
Für die nächsten Jahre ergibt sich daraus ein doppelter Handlungsdruck. Einerseits müssen Anbieter ihre Prozesse so organisieren, dass Engpässe nicht sofort in Kapazitätsausfälle münden – etwa durch bessere Terminsteuerung, standardisierte Vor-Checks oder eine planbare Aufgabenverteilung zwischen Qualifikationsstufen. Andererseits bleibt die strukturelle Frage bestehen, wie schnell sich die Meisterbasis wieder erweitern lässt, wenn gleichzeitig Gesellen fehlen. Branchenweit wird das Thema damit zu einer Schnittstelle aus Arbeitsmarktpolitik, betrieblicher Ausbildungsstrategie und Versorgungsplanung im Gesundheitswesen. Beobachtbar ist bereits: Wo Fachkräfte nicht nachrücken, geraten Wartezeiten zum Dauerzustand – und genau das wollen Versorgungseinrichtungen, Krankheitskosten und betroffene Kundinnen und Kunden gleichermaßen vermeiden.
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