Lissabon / LONDON (IT BOLTWISE) – In Spanien und Frankreich eskalieren Waldbrände ungewöhnlich schnell: In Spanien wurde bereits mehr Fläche als im sonstigen Jahresdurchschnitt abgebrannt, in Frankreich steht ein historischer Rekord bei verbrannter Fläche. Verantwortlich sind nicht nur Hitze und Trockenheit, sondern auch ein Winter, der das Pflanzenwachstum stark ankurbelte und dann durch Hitzewellen austrocknete. Klimawirkung und Landnutzung verstärken sich dabei gegenseitig: mehr Verdunstung, mehr brennbares Material und teils vernachlässigte Pflegeflächen. Was jetzt zählt, ist sowohl Brand- als auch Landschaftsmanagement – denn schnelle Entspannung ist unter den aktuellen Bedingungen nicht zu erwarten.

Spanien und Frankreich erleben in diesem Jahr eine Waldbrandsaison, die zeitlich und mengenmäßig aus dem Rahmen fällt. In Spanien erreicht der größte Brand der jüngeren Landesgeschichte inzwischen eine Größenordnung, die klar über dem liegt, was man aus einem typischen Jahresverlauf kennt. In Frankreich wiederum wird seit Jahresbeginn eine verbrannte Fläche in Höhe von rund 100.000 Hektar gemeldet, was einem historischen Rekord entspricht. Besonders brisant ist der Zeitplan: August und die folgenden Wochen gelten in der Region traditionell als Phase, in der die Brandwetterlagen besonders ernst werden – die Saison steht also in vielen Gegenden erst am Anfang ihres lautesten Kapitels.
Die Dynamik dahinter beginnt allerdings nicht im Sommer, sondern bereits im Winter. Ein wichtiger Auslöser waren laut Berichten über die Wetterlage die starken Niederschläge in Januar und Februar, verursacht durch einen winterlichen Sturm, der über beide Länder hinwegzog. Felder wurden überschwemmt, Autos von braunen Fluten mitgerissen und zahlreiche Strommasten beschädigt. Aus Sicht der Vegetationsentwicklung ist das paradox: Nach feuchten Wintern gibt es in Südwesteuropa laut Julia Miller vom Schweizerischen WSL-Institut für Schnee- und Lawinenforschung (SLF) „beste Wachstumsbedingungen für die Pflanzen“. Genau diese kurzfristige biologische „Aufladung“ führt aber später zu einem Problem, sobald Hitze einsetzt.
Technisch betrachtet wirkt der Mechanismus wie eine Kette aus Biomasseaufbau und anschließendem Feuchtigkeitsverlust. Miller beschreibt, dass in der Folge der zwei Hitzewellen die Vegetation ausgetrocknet sei, weshalb sich Brände schnell und stark ausbreiten können, sobald eine Zündquelle auftaucht. Größer, Sträucher und Unterholz schießen hoch, speichern zunächst Wasser und liefern dann im ausgetrockneten Zustand leicht entzündliches Material. Ergänzend verschiebt sich auch die Wasserbilanz: Je wärmer die Luft ist, desto mehr Feuchtigkeit kann sie aufnehmen und desto schneller wird Wasser aus Seen, Flüssen, Pflanzen und dem Boden „abgezogen“. In einer Studie, die Miller gerade zu sich gegenseitig verstärkenden Waldbrandrisiken veröffentlicht, wird diese Logik anschaulich in einer einfachen Skizze als Sonne mit Strohhalm beschrieben – die Bildidee zielt auf die beschleunigte Entfeuchtung durch Hitze.
Die quantitativen Unterschiede zwischen „normal“ und „dieses Jahr“ werden in den Meldungen zum Brandgeschehen besonders greifbar. Nach Daten des Waldbrand-Informationssystems der Europäischen Kommission (EFFIS) ist in Spanien bereits mehr als doppelt so viel Fläche abgebrannt wie sonst im Durchschnitt in einem ganzen Jahr, in Frankreich sogar mehr als das Fünffache. Miller geht davon aus, dass in den kommenden Wochen weitere schwere Brände folgen werden: „Wir bräuchten Feuchtigkeit in der Vegetation und im Boden, damit Waldbrände sich weniger schnell ausbreiten können.“ Aber selbst wenn es kurz regnet, bleibt das Risiko bestehen, weil Boden und Pflanzen bei anhaltender Hitze typischerweise nur oberflächlich angefeuchtet werden. „Wenn es weiter so heiß und trocken bleibt, kann man da vorerst nicht mit Entspannung rechnen.“ Damit rückt neben dem Wetter auch die Frage in den Vordergrund, wie sich Landschaften in der Zwischenzeit überhaupt wieder „aufladen“ können.
Für die Einordnung, wie stark der Klimawandel zur Eskalation beiträgt, spielt nicht nur die Frage nach Niederschlagsmangel eine Rolle, sondern vor allem nach der Verdunstung. Eine Analyse der World Weather Attribution (WWA) kommt zu dem Ergebnis, dass eine so extreme Bodendürre wie in diesem Jahr in Westeuropa etwa fünffach wahrscheinlicher sei als ohne menschengemachte Klimaerwärmung. Niederschlagsdefizite, die früher keine Dürre ausgelöst hätten, würden heute zu Dürren führen, weil Hitze die Verdunstung dramatisch erhöht. Aktuell liegt die Erde bei etwa 1,4 Grad Erwärmung gegenüber der Zeit vor der Industrialisierung. Falls die globalen Emissionen die Temperaturen wie prognostiziert auf 2,8 Grad Celsius anheben, könnten intensivere Verdunstungsbedingungen laut WWA doppelt so wahrscheinlich werden, sodass Dürren wie diese zu einem regelmäßigen Ereignis werden. „Aus Sicht der Studie: Diese intensiven Verdunstungsbedingungen könnten bei höheren Temperaturen deutlich häufiger auftreten“, wird zudem die Mechanik hinter der Häufigkeitsverschiebung betont; Mariam Zachariah vom Imperial College London ordnet das entsprechend ein. Gleichzeitig weist Theo Keeping darauf hin, dass die tatsächlichen Kosten der Brände unterschätzt würden: „Aus wissenschaftlicher Sicht ist mit Zehntausenden zusätzlichen Todesfällen aufgrund von Rauchbelastung zu rechnen.“ Die wesentliche Gesundheitsgefahr entsteht dabei besonders durch hohe Feinstaubbelastung.
Wenn sich Hitze, Trockenheit und brennbares Material gegenseitig verstärken, wird die Gegenstrategie komplex. Langfristig sei die Begrenzung des Klimawandels zentral, betont Miller. Kurz- und mittelfristig folgt daraus aber eine klare Konsequenz: In den kommenden Jahren verschlimmere sich die Feuerwetterlage weiter, weshalb es neben Brandbekämpfung auch mehr Waldbrand- und Landmanagement brauche. Genau darauf zielt auch eine Mahnung des Wissenschaftsnetzwerks EASAC aus dem vergangenen Jahr: Entscheidend sei nicht nur das Eingreifen gegen bereits ausgebrochene Brände, sondern auch das Vermeiden der Bedingungen, die ein unkontrolliertes Ausbreiten begünstigen – etwa durch verbesserte Landschaftsplanung. In Spanien kommt zudem ein weiterer Faktor hinzu: Fachleute machen geltend, dass Wälder vielerorts nicht mehr ausreichend gepflegt würden, wodurch sich größere Mengen brennbaren Materials ansammelten. Forstexperte Paco Castañares formuliert das als zentrales Problem, dass „wir den Wald nicht mehr pflegen“.
Der zweite Teil der Erklärung ist gesellschaftlich und flächenbezogen: Landflucht verändert die Nutzung. Wenn Menschen in die Städte ziehen und Dörfer leerstehen, werden landwirtschaftliche Flächen eher aufgegeben und Weiden nicht mehr ausreichend abgegrast. Dadurch nimmt Verbuschung zu – aus Sicht der Brandlast ist das gleichbedeutend mit einer höheren Dichte an trockenem, lokal gut brennbarem Unterwuchs. Die Debatte verschiebt sich damit weg von einem reinen „Feuerproblem“ hin zu einem „Ökosystem- und Managementproblem“. Für die Frage, ob man solche Brandmuster auch in Deutschland erwarten muss, liefern wissenschaftliche Arbeiten ebenfalls Anhaltspunkte: Eine im Dezember veröffentlichte Studie im Fachjournal Communications Earth and Environment beschreibt, dass sich durch den Klimawandel wärmere und trockenere Klimazonen voraussichtlich in Richtung nördlicherer europäischer Breiten ausdehnen. Das verstärke Brandbedingungen und erhöhe die Menge an trockenem Brennmaterial, wodurch das Risiko großer Waldbrände auch dort steigt. Eine weitere Studie zu den Einzugsgebieten von Donau, Main und Elbe kommt zu dem Ergebnis, dass die Waldbrandgefahr im Laufe des Jahrhunderts überall deutlich zunimmt – besonders im Einzugsgebiet des Mains und in den östlichen bayerischen Mittelgebirgen. Dort werde eine hohe Waldbrandgefahr bis zum Ende des Jahrhunderts zum Normalzustand, lautet der Kerngedanke dieser Prognose.
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