LONDON (IT BOLTWISE) – Taiwans jährliche Han Kuang-Übung startet am 5. August und läuft bis zum 14. August. Im Mittelpunkt stehen mehr „realistische“ Abläufe, darunter ein maritimes Blockade- und Landungsszenario sowie eine gezielte Störung mobiler Netzwerke in Teilen der Insel. Damit will Taiwan zeigen, dass es auch unter Druck durch China und in Grauzonen-Krisen handlungsfähig bleibt. Zusätzlich werden zivile Resilienz, Luftabwehr und medizinische Unterstützung in die Übung integriert.

Taiwan bereitet die nächste Ausgabe seiner jährlichen Han Kuang-Militärübung vor, die vom 5. bis 14. August laufen soll. Charakteristisch ist dieses Mal nicht nur die klassische Gefechts- und Lageplanung, sondern vor allem der Anspruch, sich stärker an unvorhersehbaren Abläufen zu orientieren. Offiziellen Angaben zufolge sollen die Szenarien weniger „scripted“ wirken als in der Vergangenheit – ein Hinweis darauf, wie sehr die Übungsplanung auf den Umgang mit chinesischem Druck setzt, der sich in den letzten Jahren nicht auf offene militärische Aktionen beschränkte, sondern auch über Drill-Intensivierung und andere Formen der Einschüchterung abläuft.
Technisch und operativ rückt dabei ein maritimes Blockade- und Landungsszenario nach vorn. In diesem Abschnitt würde Taiwans Marine gemeinsam mit dem Coast Guard die kritische Versorgung per Seetransport begleiten, die maritime Sicherheit durchsetzen und die Seewege offenhalten. Die Logik dahinter ist klar: Eine Blockade trifft nicht primär einzelne Einheiten, sondern die „Fähigkeit zum Durchhalten“ in der gesamten Liefer- und Einsatzkette. Dazu passt auch die organisatorische Vorleistung: Taiwan hat im Juli einen neuen Littoral Combat Command eingerichtet, der explizit auf die Stärkung der Verteidigung entlang der Küste zielt. Wer Küstenschutz und Seeanbindung enger verzahnt, reduziert die Zeit, in der Koordination zwischen unterschiedlichen Einsatzbereichen erst aufgebaut werden muss.
Besonders auffällig ist außerdem eine IT- und Kommunikationskomponente, die in Sicherheitsübungen bislang oft nur indirekt vorkommt: Eine Übung zur simulierten Verlangsamung mobiler Netzwerke in Zentral- und Nordtaiwan. Betroffen wären laut Regulierer die Verwaltungsbereiche, die zusammen etwa 73% der Bevölkerung abdecken. Der National Communications Commission zufolge sollen zwar Notrufe und Kernangebote verfügbar bleiben, doch „taktische“ militärische Software sowie die normale Kommunikation könnten beeinträchtigt werden. Aus Sicht von IT- und Sicherheitsverantwortlichen ist das ein realistisches Übungsfeld, weil Kommunikationsstörungen selten das komplette System ausschalten, sondern eher Qualität und Erreichbarkeit reduzieren: Latenz steigt, Verbindungen brechen ab, Priorisierungen funktionieren nicht mehr wie im Normalbetrieb. Genau an diesen Randbedingungen können Verfahren für Betrieb, Einsatzführung und Wiederanlauf getestet werden.
Die Übung wird in vier Phasen gegliedert: Vorbereitung, Force Protection, gemeinsame Landungsoperationen und eine detaillierte Verteidigung. Auf der operativen Ebene zielt „Force Protection“ typischerweise darauf, die eigenen Kräfte gegen Sabotage, Aufklärung und Störangriffe zu schützen, bevor es zu größeren Bewegungen kommt. Genau an diesem Punkt wird das Versprechen „mehr Realität“ greifbar: Wenn Kommandostrukturen unter Stress, mit unvollständigen Informationen und in einer Situation agieren müssen, in der der Gegner seine Aktionen dynamisch anpasst, wird das bisherige Übungsdesign schnell an Grenzen geführt. Ein Teil der Argumentation lautet, dass Taiwan damit zeigen möchte, eine nachhaltige Operationsfähigkeit unter militärischem Druck und Grauzonen-Taktiken zu besitzen – also nicht nur „am Tag der Übung“ zu funktionieren, sondern auch im kontinuierlichen Spannungszustand.
Parallel zur militärischen Komponente setzt Taiwan auf den zivilen Teil der „whole-of-society resilience“, also eine Durchhaltefähigkeit, bei der Zivilbevölkerung, lokale Verwaltung und private Unternehmen nicht nur als Zuschauer auftreten, sondern als Teil der Funktionskette. Politikwissenschaftliche Sicherheitsforschung, wie sie in Taiwan selbst diskutiert wird, ordnet solche Resilienz oft als Antwort auf das Risiko ein, dass eine Krise psychologisch schneller eskaliert als technisch lösbar ist. In diesem Kontext wird das Problem nicht auf „zwei oder drei Tage ohne Strom und Wasser“ reduziert, sondern als Frage formuliert, ob die öffentliche Stimmung so fragil ist, dass sie in Kapitulationsbereitschaft kippt. Die Übung versucht daher, nicht nur Akteure zu koordinieren, sondern auch Verhaltensmuster in der Bevölkerung und Entscheidungswege in Behörden unter Belastung zu trainieren.
Wellington Koo hatte bereits früher betont, dass die Han Kuang-Drills wie im Vorjahr zehn Tage dauern sollen und sich auf dezentrale Kommandoführung, vorab festgelegte „Kill Zones“ sowie urbane Resilienz konzentrieren. Ergänzend sollen in dieser Ausgabe auch Luftabwehr und Unterstützung im Bereich Battlefield Medical Support Teil des Programms sein. Interessant ist dabei der Vergleich zu früheren Schwerpunkten: Im vergangenen Jahr lag der Schwerpunkt stärker auf urbaner Verteidigung statt auf der Abwehr eines Angriffs an den Stränden. Laut Hintergrundinformationen wurden dabei an bestimmten Stränden an der nordwestlichen Küste Lücken festgestellt – etwa fehlende größere Einsätze zur Absicherung der Küstenlinie, obwohl zuvor eine Mobilisierung angekündigt war. Solche Befunde wirken wie ein Reminder, dass Übungsdesign und reale Einsatzlogik nicht automatisch deckungsgleich sind.
Aus der Perspektive strategischer Planung bleibt zugleich eine Spannung: Taiwan versucht, die Übung so zu gestalten, dass sie weniger nach „Skript“ aussieht, doch in der Praxis ist der Plan häufig noch erkennbar. Als Beispiel wird eine frühere zivile Übung genannt, in der die Nutzung eines Supermarkt-Kellers als Luftschutzraum simuliert werden sollte und dabei Schauspieler als „Shoppers“ auftraten. Für Beobachter ist genau das eine typische Herausforderung: Realismus entsteht nicht nur durch unvorhersehbare Szenarien, sondern auch durch die Art, wie Systeme, Orte und Entscheidungswege im Alltag „natürlich“ wirken. Wenn Taiwan nun maritimes Blockade-Handling, Netzverlangsamung und Resilienzmaßnahmen kombiniert, erhöht sich zwar die Komplexität – aber auch die Chance, dass sich Lerneffekte genau dort einstellen, wo in einer echten Krise keine Zeit für saubere Rollenmodelle bleibt.
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