MÜNCHEN / LONDON (IT BOLTWISE) – In den ersten sechs Monaten des Jahres sind weltweit rund 6,6 Millionen neue BEVs zugelassen worden. Das entspricht zwar einem Plus von 9 %, aber die Dynamik fällt deutlich geringer aus als in den Vorjahren. Besonders China dämpft das Wachstum, während Europa zuletzt wieder stärker zieht. Der Markt bleibt dennoch in Bewegung – nur der Takt hat sich verändert.

Die Elektromobilität wächst weiter, aber sie wächst spürbar langsamer. Für das erste Halbjahr beziffert eine Untersuchung für 43 wichtige Märkte die Zahl der Neuzulassungen rein batteriebetriebener Stromer (BEVs) auf rund 6,6 Millionen. Das ist zwar immer noch ein Plus von 9 % gegenüber dem Vorjahreszeitraum, gleichzeitig aber ein klarer Hinweis, dass sich die Marktsättigung in mehreren Regionen schneller abzeichnet als noch vor einem Jahr. Entscheidend ist dabei weniger, ob BEVs insgesamt zulegen, sondern wie stark sich das Wachstum von Quartal zu Quartal verändert.
Der Vergleich mit den Vorperioden macht die Bremswirkung besonders deutlich: Im ersten Halbjahr 2025 lag das Wachstum laut Datengrundlage noch bei mehr als einem Drittel, während es im Gesamtjahr 2025 nur noch knapp ein Drittel erreichte. Für Unternehmen ist das relevant, weil sich daraus ein anderes Planungsmodell ergibt. Wer zuvor von linearen oder sogar beschleunigten Ausbauschritten ausgehen konnte, muss im Vertrieb, im Einkauf und in der Kapazitätsplanung stärker mit schwankender Nachfrage rechnen. Gleichzeitig verschiebt sich der Fokus von reiner Nachfrageerzeugung hin zu der Frage, welche Modelle in den jeweiligen Preisklassen und Marktsegmenten real nachgefragt werden.
Als größter Bremsklotz wird in der Untersuchung China genannt. Der dortige Elektroautomarkt, der weltweit als Motor gilt, schrumpfte im ersten Halbjahr um 5 % auf knapp 3,6 Millionen BEVs. Zwar sei im zweiten Quartal eine leichte Gegenbewegung sichtbar gewesen, doch der Gesamtrend bleibt negativ. Parallel schrumpfte auch der Gesamtmarkt, wodurch BEVs im zweiten Quartal auf 44 % der Neuzulassungen kamen. Das zeigt: Nicht der Grundbedarf an Antriebswechseln verschwindet, aber die Wachstumslogik wird härter umkämpft, weil Wettbewerber bei Preisen und Modellangeboten stärker gegeneinander arbeiten.
In den USA dagegen zeigt sich ein deutliches Minus bei den BEV-Neuzulassungen. Für das erste Halbjahr werden 460.000 BEVs genannt, was einem Rückgang von 22 % entspricht. Damit kommt der Anteil der Stromer dort nur noch auf 6 % des Markts. Solche Zahlen sind für die strategische Steuerung von OEMs und Zulieferern ein Signal, dass “Absatzwachstum durch Programm-Fortschritt” nicht automatisch funktioniert. In Europa wiederum stellt sich die Lage deutlich besser dar: In der EU sowie in Großbritannien, Island, Liechtenstein, Norwegen und der Schweiz werden rund 1,6 Millionen BEVs erfasst, das ist ein Plus von 33 %. Der Marktanteil liegt bei 22 %, und die Dynamik zeigt sich besonders in Ländern wie Frankreich, Italien sowie in Deutschland, das erneut vor dem Vereinigten Königreich und Frankreich der größte Einzelmarkt in Europa bleibt.
Warum sich genau in diesem Jahr der Rhythmus verändert, lässt sich aus der Datenerhebung heraus zumindest plausibel einordnen. Harald Wimmer von PwC verweist darauf, dass die Ölpreisentwicklung wie ein externer Beschleuniger wirken könne, die entscheidenden Faktoren aber in der technologischen Reife der aktuellen Modellgeneration lägen: hohe Reichweiten, wettbewerbsfähige Preise und klare Vorteile bei den Betriebskosten. Im Kern bedeutet das: Ein Markt kann zwar durch Energiepreise kurzfristig ziehen, nachhaltig skaliert er jedoch vor allem dann, wenn die Nutzeranforderungen im Alltag zuverlässig erfüllt sind. Wenn dann zusätzlich der Preis- und Wettbewerbsdruck steigt, verlangsamt sich das Wachstum häufig zuerst in den Regionen, in denen das Angebot besonders schnell und aggressiv ausgebaut wurde.
Für die Industrie leitet sich daraus eine praktische Konsequenz ab: Die nächste Phase der Elektromobilität entscheidet sich stärker in der Umsetzung als in der Ankündigung. Bei einem globalen Wachstum von 9 % im ersten Halbjahr ist zwar weiterhin Umsatz- und Investitionsspielraum vorhanden, aber weniger Raum für rein optimistische Nachfrageannahmen. Unternehmen sollten daher ihre Szenarien granular auf regionale Unterschiede aufsetzen, zum Beispiel zwischen China mit rückläufigen Zulassungen im ersten Halbjahr und Europa mit klar positiven Wachstumsraten. Daneben gewinnen Themen wie Modellpflegezyklen, Preisstabilität, Service-Qualität und die Berechenbarkeit von Gesamtbetriebskosten an Gewicht, weil die “magische” Wachstumsrate offenbar nicht mehr selbstverständlich ist.
Auch für Zulieferer, Ladeinfrastruktur und Finanzierungsgespräche wirkt die Verlangsamung in die Tiefe. Wenn BEVs im zweiten Quartal in einzelnen Regionen zwar Anteilsgewinne schaffen, aber das Gesamtwachstum abkühlt, verschiebt sich die Frage: Welche Kapazitäten amortisieren sich in welchem Zeithorizont? Das gilt gleichermaßen für Batterie- und Komponentenplanung, für Logistik und für After-Sales-Prozesse. Gleichzeitig ist das Bild kein Stillstand, sondern eine Neujustierung. Gerade das Nebeneinander aus chinesischer Schwäche, US-Rückgang und europäischer Stärke deutet darauf hin, dass die Energiewende zwar insgesamt Fahrt aufnimmt, sich aber zurzeit in einem regional ungleichmäßigen Wettbewerb neu sortiert.
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